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Augsburg feiert Luther

Luther - ein touristischer Gewinn für Augsburg

Luther wohin man blickt. Das Stadtmarketing bemüht sich Augsburg als Lutherstätte zu verkaufen und viele Protestanten in 2017 in die Stadt am Lech zu ziehen. Gewinne der Tourismusbranche locken. Und in der Tat gibt es in Augsburg einiges Lutherische zu sehen, Stätten der Reformation. Schülern wird beantwortet „Was hat Martin Luther in Augsburg gemacht?“ „Was gibt es zu Martin Luther in Augsburg zu sehen?“ Schüleraustausche sind geplant, es gibt speziell auf die protestantischen Pilger zugeschnittene Stadtführungen. Das Augsburger Stadtmarketing spricht schon von einem „signifikanten Reiseboom in Sachen Reformation“. Das Interesse an der Lutherstadt Augsburg sei größer als gedacht. So groß, dass sogar Broschüren zum Thema Luther nachgedruckt werden mussten. Schon im Januar 2017 habe man auch mehr Luther-Führungen als in ganz 2016 gehalten – auf die Schnelle mussten Stadtführer zu Luther-Führern weitergebildet werden. Besonders schön sei es, dass zahlungskräftige Gäste aus der Schweiz Augsburg als Lutherstadt entdeckt hätten. Luther sei nicht mehr nur auf Wittenberg, Eisleben, Erfurt und die Wartburg beschränkt.

Dunkles zu Luther

Das ist natürlich für Augsburg eine schöne Sache, vor allem für sein heutiges Stadtsäckel. Verschwiegen wird in all dem Luthertrubel aber leider die dunkle Seite dieses Mannes und der Reformation. Den wenigsten Menschen ist bewusst, dass Martin Luther den Staat verherrlicht hat, das Kapital und den Krieg. Juden, Sinti und Roma sowie Frauen verdammte er. Und die Reformation bzw. die evangelische Kirche waren in seiner Nachfolge nicht viel besser. Für die antisemitischen Parolen Luthers müsste sich jeder Protestant heute bis aufs Unterhemd schämen: Luther hieß die Menschen Synagogen verbrennen, den Juden ihre Religion zu verbieten und sie für vogelfrei zu erklären. Die einzige Rettung für die Juden sah er in ihrer Bekehrung. Ansonsten müsse man ihnen ein Ausgangsverbot und Zwangsarbeit auferlegen.

Heutige Theologen sprechen natürlich von Zeitbedingtheit dieser lutherischen Reden. Sicher. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass der Mensch Martin Luther unzählige Juden das Leben kostete. Und außerdem gab es in Luthers Zeit auch Intellektuelle wie Johannes Reuchlin, der solchem antisemitischen Gerede, wie es Luther ausstieß, mutig entgegen traten.

Luther - ein geistiger Brandstifter

Man sollte sich nicht in Luthers Schriften vertiefen. Dort wetterte er gegen Türken, Glaubensabfällige, Kranke, Aufständische – sie seien vom Teufel besessen, man solle sie vertreiben oder am besten gleich töten. Alle Obrigkeit sei von Gott bestimmt, deshalb muss sich ihr der Christ unterwerfen. Dass dem Staat solch geprägte Protestanten als Basis seiner Herrschaft gern gesehen waren, ist einsichtig. Und auch, dass er entsprechende Einstellungen förderte.

Es ist erschreckend, wie unkritisch die evangelische Kirche und Augsburg das Lutherjahr 2017 feiern. Martin Luther war nicht nur ein Held, sondern auch ein geistiger Brandstifter, über den aufgeklärt gehört. Was ist von einem Mann zu halten, der Frauen als Gebärmaschinen für den höher stehenden Mann sieht? Beim Islamismus verurteilen wir eine solche Haltung – und bei Luther? Das Schlimme an Luther ist, dass er immer noch in den Köpfen der Menschen lebt, in seiner Kirche als Held gefeiert wird und die Deutschen auf diesen Helden stolz sind.

Eine verpasste Chance

Sicher zählt das Christentum mit dem Islam zu den gewalttätigsten Religionen dieser Erde. Auch ohne Martin Luther ist die Blutspur dieses Gotteswahns lang. Aber mit Martin Luther wurde sie noch breiter und tiefer. Was kostete der Dreißig Jährige Krieg an Menschenleben! Halb Europa wurde durch die religiösen Auseinandersetzungen entvölkert.

Augsburg feiert Luther. Schade, dass wohl wieder eine Chance vorübergeht, Martin Luther und ähnliche Vorbilder von Ihren Postamenten zu stoßen, für die Verbrechen der Vergangenheit Buße zu tun, sich von den Helden der grausamen Christentumsgeschichte abzuwenden und den Stachel im Fleisch der europäischen Kultur nicht wieder zu vergolden. Es macht mich traurig, wie unbelehrbar, wie kritiklos und oberflächlich wir nach den vielen Verbrechen, die mit dem Namen Martin Luther verbunden sind, immer noch bleiben.

Manfred M. / Augsburg, 07. Februar 2017


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