Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de


Hauptseite | Unterkunft und Sehenswürdigkeiten | Bauwerke | Rathaus | Architektur des Augsburger Rathauses


Architektur des Augsburger Rathauses

Spätrenaissance-Pläne

Wie unter dem Punkt Geschichte schon angedeutet, war die Planung des Augsburger Rathauses keine einfache Sache. Elias Holl hat zahlreiche Zeichnungen und Modelle gefertigt, die immer wieder verworfen wurden. Der erste Entwurf glich einem römischen Stadtpalast. Erst in späteren Plänen löste sich der Renaissancebaumeister von italienischen Vorbildern. Das Rathaus, wie es schließlich von ihm am Ende geplant und umgesetzt wurde, ist ein wirklich eigenständiger Entwurf, der eines der besten deutschen Beispiele für Spätrenaissance und Frühbarock darstellt.

Der Grundriss des Gebäudes ergibt sich aus einem Griechischen Kreuz (gleichschenkeliges Kreuz), das einem Rechteck eingeschrieben ist. Darauf erhebt sich ein klar gegliederter Kubus mit einem überhöhten Mittelbau und zwei Seitentürmen, der eine monumentale Wirkung erzeugt.

Hauptfassade (Westfassade)

Die Hauptfassade wirkt fast schlicht, aber dennoch eindrucksvoll mit ihren flachen Mittelrisaliten. Sie erreicht eine Höhe von 44 Metern bis zur Spitze des Giebeldreiecks auf der Westseite. Die Ostseite ist durch den Geländeunterschied beim Eisenberg sogar 52 Meter hoch. Die Höhe der Türme des Rathauses beträgt 65 Meter. |Elias Holl gelang es, eine "heroische" Silhouette zu schaffen.

Der Mittelrisalit der Hauptfassade, der durch einen Giebel erhöht ist, durchbricht die Dachgalerie. Ebenso die seitlichen Treppenhäuser mit ihren Turmaufsätzen. Die Dachgalerie bildet den Abschluss der vier Eckkompartimente. Der Mittelrisalit hat sechs Achsen und tritt nur leicht aus der Gebäudeflucht hervor. Er ist durch eine Eckquaderung und vergrößerte Fenster besonders betont - ähnlich wie die zweiachsigen Treppenhäuser an den Flanken des Gebäudes, die durch oktogonale Türme bekrönt sind.

https://www.augsburgwiki.de/uploads/AugsburgWiki/th84---ffffff--augsburg_rathaus_3.jpg.jpg

Bis 1806 war im Giebelfeld der Westfassade als Symbol der Freien Reichsstadt? Augsburg ein Doppeladler aus Bronze zu sehen, den man vergoldet hatte. 1806 ersetzte man ihn durch den in kräftigen Farben gemalten, den man auch heute noch sieht. Der Dreiecksgiebel wird durch das Stadtwappen? bekrönt, das früher wahrscheinlich auch vergoldet war.

Um die Würde des Augsburger Rathauses zu betonen, setzte Elias Holl Elemente wie die Ädikula ("Häuschen") mit dem Reichsadler im Volutengiebel oder die seitlich auf Balustraden sitzenden Obelisken sowie zwei Greifen ein, die im Oberlichtgitter des Hauptportals das Stadtwappen?, die Zirbelnuss, präsentieren, die auch den Giebel bekrönt.

Vom Rathausplatz aus führen drei Portale in das Innere des Rathauses. Ging man früher durch die kleineren seitlichen Portale kam man in Räume der Stadtverwaltung. Steht man vor dem linken Seitenportal der Westfassade des Rathauses, kann man die so genannten "Augsburger Maßstäbe", alte Handelsmaße, aus Bronze erkennen: ein halbes Holzklafter, einen Stadtwerkschuh (ein Bau-Maß), eine Leinwand- und eine Barchent-Elle. Über dem Mittelportal steht im Gebälk: "PUBLICO CONSILIO/PUBLICAE SALUTI" ("Dem öffentlichen Rat/dem öffentlichen Wohl"). Damit sollte die Bestimmung des Rathauses bezeichnet werden.

Ostfassade

Die Ostfassade ist ebenfalls interessant. Dort befindet sich nämlich ein Steinrelief, das noch aus dem gotischen Rathaus stammt: Die Zirbelnuss, das Augsburger Stadtwappen?, wird von zwei "wilden Männern" bewacht und ein Spruchband erklärt: CHRISTI TIBI GLORIA IN AUGUSTA RHAETICA URBE VERE REGIA ("Dir, Christus, gebührt der Ruhm in Augsburg, der wahrhaft königlichen Stadt.").

Die Türme entstammen - wie schon unter dem Kapitel Geschichte geschildert - einer späteren Planungsphase und zeigen, dass sich Elias Holl immer stärker dem südlichen Beispiel entfremdet und die Tradition des deutschen Rathausbaues aufnimmt. Die Gliederung der Türme hat ein aus Lisenen gebildetes Rahmenmotiv wie der würfelförmige Sockel und Pilaster, die den Gliederungsmotiven des Hauptgiebels ähneln. Alles wirkt sehr harmonisch.

Durch die klaren Fassaden lässt sich die innere Raumaufteilung des Rathauses in Augsburg erahnen. Man erkennt, dass das mittlere Giebelhaus übereinander liegende Säle beherbergt - unter anderem den Goldenen Saal, der sich über die ganze Tiefe des Bauwerks erstreckt und durch die großen Fenster optimal belichtet wird. Wo kleinere Fenster eingebaut sind, lagen die Amtsstuben, unter den Türmen kann man zwei Treppenhäuser erkennen, die auf Höhe der Zwischenpodeste Öffnungen zu den Etagen haben.

Innengestaltung

Die Anordnung der Räume ist ganz auf die Verwaltung und Repräsentation ausgerichtet. Der Kernbau bildet in seiner ganzen Tiefe die Basis für drei große Säle, die genau übereinander liegen: Im Erdgeschoss liegt das dreischiffige kreuzgratgewölbte Vestibül (Unterer Fletz), darüber die flachgedeckte Halle des Oberen Fletzes und darüber dann der Goldene Saal, der allein die Höhe von drei Stockwerken einnimmt. Über dem Goldenen Saal liegt nur noch die so genannte Modellkammer. Die Ecktrakte nehmen in den beiden unteren Stockwerken die Amtsstuben? auf, auf Höhe des Goldenen Saales die vier Fürstenzimmer.

Ganz klar ist in der Innenausstattung des Augsburger Rathauses der Überraschungseffekt. Während Unterer und Oberer Fletz, aber auch die Treppenhäuser zurückhaltend, man möchte fast sagen karg gestaltet sind, überwältigt der Goldene Saal durch seine aufwändige Pracht. Um das Licht optimal auszunutzen, legte Elias Holl anders als es die italienische Architekturlehre der Zeit vorschrieb, die schönste Räumlichkeit in das zweite Geschoss und nicht in das erste, wo die Italiener das "piano nobile" sehen wollten.

Das ist eine einfache und klare Innenraumgliederung. So einfach und klar wie auch die Außenarchitektur. Das ist epochal. Denn Elias Holl verzichtet hier ganz bewusst auf die reiche Ornamentik zeitgenössischer Bauten. Er will eine klassische Lösung, ein "heroisches Aussehen" des Augsburger Rathauses und setzt dabei auf eine kraftvoll schlichte Organisation der Baumassen. Der kleinteilige und wuchernde Manierismus wird mit einem wuchtvollen Schlag hinweggefegt. Der Verzicht auf Bauschmuck ist fast radikal zu nennen.

Frühere Wirkung

Nicht vergessen sollte man, dass die Architektur des Augsburger Rathauses früher durch eine andere städtebauliche Situation geprägt war. Im 17. Jahrhundert unterschied sie sich völlig von der heutigen. Denn die charakteristische Silhouette des Rathauses mit seinen beiden Zwiebeltürmen konnte nur aus der Ferne betrachtet werden. Weder existierte damals der Rathausplatz noch der Elias-Holl-Platz in heutiger Form. Letzterer entstand erst Ende des 19. Jahrhunderts, als man das Reichstädtische Gefängnis? abbrach und der weitläufige Rathausplatz ist die Folge der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Zuvor gab es hier nur einen kleinen dreieckigen Platz vor dem Perlachturm, so dass die symmetrische Rathausfassade nur aus der Schrägansicht zu betrachten war und der südliche Turm verdeckt lag. Alle anderen Fassaden konnte man nur sehen, wenn man das Rathaus umschritt - aber nur perspektivisch verkürzt. Das riesige Gebäude und die beengte städtebauliche Situation ergaben eine bizarre Spannung, wenn auch der Augustusbrunnen und der Neue Bau? auf das Rathaus abgestimmt waren.

Weblinks


Hauptseite | Unterkunft und Sehenswürdigkeiten | Bauwerke | Rathaus | Architektur des Augsburger Rathauses


Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de




FacebookTwitThis