Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de


Hauptseite | Tradition und Geschichte | Spezialthemen | Evangelische Kirche und Nationalsozialismus in Augsburg | 1939 - 1945: Die bayerische Landeskirche im Krieg


1939 - 1945: Die bayerische Landeskirche im Krieg

Auch während der Kriegsjahre ging der Kirchenkampf weiter und verschärfte sich. Noch mehr als in den Jahren zuvor vermied es der Staat, provokative Maßnahmen erfolgen zu lassen, verlegte sich statt dessen darauf, durch „kriegsbedingte Maßnahmen“ den Handlungsspielraum der Kirchen einzuengen. Dazu gehörte beispielsweise die Einschränkung der kirchlichen Versammlungstätigkeit. Auf Anordnung der Gestapo waren alle kirchlichen Versammlungen, sofern sie nicht in Kirchen oder kirchlichen Räumen stattfanden, acht Tage zuvor polizeilich anzumelden. Im März 1941 erteilte die Gestapo ein Gesamtverbot aller kirchlichen Veranstaltungen, soweit es sich nicht um Gottesdienste oder Bibelstunden handelte. Begründung: Die Bevölkerung dürfe nicht überbeansprucht werden. Beschnitten wurde auch das kirchliche Pressewesen; Kirchenblätter durften keine Stellungnahmen zu politischen Fragen und kirchlichen Auseinandersetzungen mit dem Staat drucken. Über den Krieg musste mit „deutscher Siegeszuversicht“ geschrieben werden. Am 1. Juni 1941 erfolgte schließlich ein Verbot der gesamten Kirchenpresse. Begründung: Papiermangel.124

Der Kampf um Schule und Religionsunterricht

Einführung der Gemeinschaftsschule

Noch vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges begann der Versuch des Staates, das konfessionelle Schulsystem in ein simultanes umzuwandeln. Bis 1933 war das bayerische Schulwesen konfessionell geprägt. Trotz Hitlers Versprechungen in seiner Regierungserklärung, wonach Rechte der Kirche nicht angetastet werden sollten125, wurde zu Beginn des Schuljahres 1939 die wöchentliche Stundenzahl des Religionsunterrichtes an Volks- und Mittelschulen von vier auf zunächst zwei, später auf eine reduziert.126

In ihrer Propaganda für eine „Deutsche Gemeinschaftsschule“ übernahm der NS-Staat praktisch sozialdemokratische und liberal-freidenkerische Forderungen nach einem überkonfessionellen Schulwesens des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Schon allein um sich von diesem „atheistischen Marxismus“ abzusetzen wurde nun auch mit dem Begriff „Christliche Nationalschule“ operiert.127

Der Angriff auf das konfessionelle Schulwesen in Bayern ging letztendlich von nationalsozialistischen Lehrerinnen und Lehrern aus, die im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) organisiert waren, der 1929 durch den späteren bayerischen Ministerpräsidenten Hans Schemm in Hof gegründet worden war und sich auf das gesamte Reich ausgedehnt hatte. Bereits 1936 waren 97 % der deutschen Lehrerinnen und Lehrer im NSLB organisiert (Leiter auf Reichsebene nach dem Tode Hans Schemms 1935, sogenannter „Reichswalter“ Fritz Wächtler). Ein verbindendes Element zwischen Lehrerschaft und Nationalsozialismus stellte der auch in Bayern herrschende Antiklerikalismus dar. Die gegen die Bekenntnisschule gerichtete Politik konnte dabei auf einen großen Teil Volksschullehrerinnen und -lehrer zählen. Eine der Schlüsselfiguren in Bayern bei der Einführung der Gemeinschaftsschule war der Münchner Oberstadtschulrat Josef Bauer, Vorsitzender des Bayerischen Lehrerverbandes (BLV) bis zu dessen Eingliederung in den NSLB 1934. Er führte als Begründung für eine systematische Einführung von Gemeinschaftsschulen die größere Effizienz im Schulwesen ins Feld. Lediglich eine Minderheit der bayerischen Lehrkräfte bekannte sich nach 1933 nicht zum Simultanschulmodell. Meistens waren diese in katholischen Vereinen organisiert oder es handelte sich um klösterliches Lehrpersonal.128 Die Umwandlungsaktionen wurden kirchlicherseits von Anfang an mit Sorge betrachtet. Der bayerische Landeskirchenrat warnte in einem Rundschreiben an die Gemeinden bereits im Oktober 1935: „Die deutschgläubigen Kreise (...) fordern ungestüm die konfessionell neutrale Gemeinschaftsschule. Immer unverhüllter aber tritt dabei heraus, dass es ihnen in Wahrheit um eine deutschgläubige (...), um eine antichristliche Schule zu tun ist. Der deutlichste Beweis dafür ist, dass deutschgläubige Lehrer das Kreuz aus den Räumen der Schule entfernen, dass sie verächtlich von dem gekreuzigten Juden reden (...).“ Meiser berief sich in diesem Schreiben auf Hitlers Zusicherung in seiner Regierungsrede, wonach die Rechte der Kirche nicht angetastet werden sollten.129

Mit Rücksicht auf die Kirchen und weil der Staat die katholische Bevölkerung während der Saarabstimmung 1935 nicht vor den Kopf stoßen wollte, unterblieb zunächst eine systematische Kampagne gegen die Konfessionsschulen. Diese Zurückhaltung wurde jedoch Anfang 1935 aufgegeben, als man wegen des positiven Ausgangs des Plebiszits an der Saar weniger Rücksicht auf die katholische Kirchen zu nehmen brauchte. In Bayern setzte anlässlich der Schuleinschreibung im Februar 1935 eine massive Propaganda für die Gemeinschaftsschule ein, klösterliche Lehrkräfte, die am hartnäckigsten an der Konfessionsschule festhielten, wurden nach und nach entlassen.130

Bei den Schuleinschreibungen im Februar 1936 ging man noch energischer vor als im Vorjahr. Lehrkräften, die mit der Konfessionsschule sympathisierten, drohte man mit Versetzungen oder Entlassungen, sogenannte „Schlepper“ besuchten vor allem in München Eltern und Erziehungsberechtigte zu Hause und forderten sie auf, ihre Kinder für die Gemeinschaftsschule einzuschreiben. Dabei unterblieben auch Einschüchterungen nicht; so wurde beispielsweise Frauen damit gedroht, ihre Männer werden ihre Arbeitsstellen verlieren, wenn sie sich für eine Konfessionsschule entschieden. Auf Elternabenden übte man besonders heftigen Meinungsterror unter dem Deckmantel der freiwilligen Abstimmung aus, indem Listen ausgegeben wurden, in denen man sich für die Gemeinschaftsschule eintragen konnte; vorher durfte niemand den Saal verlassen.131

Je massiver der Druck auf Eltern und Lehrpersonal wurde, desto heftiger setzten Gegenmaßnahmen beider Kirchen ein. In Kanzelabkündigungen wurde für den Erhalt der Konfessionsschule geworben, Pfarrer beiderlei Glaubens versuchten in Predigten und mittels Hausbesuchen, Eltern von ihrer Position zu überzeugen.132 Trotz erheblicher Anstrengungen von staatlicher Seite war bis Ende 1936 die Einführung der Gemeinschaftsschule über München und Nürnberg nicht hinausgekommen.133 So setzte man auch 1937 Drohungen, Pseudoabstimmungen und Einschüchterungsaktionen in Bayern fort.134 Allerorten wurde auf Betreiben des bayerischen Kultusministeriums mittels Unterschriftenlisten versucht, eine Mehrheit der Bevölkerung für den simultanen Schultyp zu erreichen. Am stärksten wirkte die Drohung, Hitler selbst wolle die Gemeinschaftsschule und wer gegen sie sei, sei auch gegen den Führer und deswegen staatsfeindlich gesinnt.135

Die Propagandaveranstaltung „Woche der Deutschen Schule“ im Januar 1937 forcierte das Unternehmen. Auch hier wurde mit Elternabenden operiert, auf denen die Parole: „Ein Führer, ein Reich, ein Volk, eine Schule!“ galt. Damit jedoch in ganz Bayern sämtliche Konfessionsschulen verschwänden, befahl Kultusminister Adolf Wagner im Juni und Juli 1937 weitere Aktionen. Um möglichst einheitlich positive Ergebnisse bei den Elternbefragungen zu erzielen, wurden die Abstimmungstermine völlig überraschend angesetzt, um die Erziehungsberechtigten zu überrumpeln. Vielfach riegelte auch die SA die Säle ab und ließ nur diejenigen hinaus, die für die Gemeinschaftsschule gestimmt hatten.136

Das durchschnittliche, unter fragwürdigen Bedingungen zustande gekommene, „Zustimmungsergebnis“ von 97,5 % in Oberbayern? nahm die dortige Regierung zum Anlass, sämtliche Bekenntnisschulen des Regierungsbezirks in Gemeinschaftsschulen umzuwandeln. In anderen Teilen Bayerns, etwa in Schwaben, waren zu dieser Zeit immer noch Konfessionsschulen vorherrschend.137

Zurückdrängen des Religionsunterrichtes

Zu Beginn des Schuljahres 1939 wurde die wöchentliche Stundenzahl des Religionsunterrichtes an Volks- und Mittelschulen von vier auf zunächst zwei, später auf eine reduziert.138 Auf Betreiben der Partei und des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) legten bis 1940 auch die letzten der Kirche treu gebliebenen Lehrerinnen und Lehrer in Bayern den Religionsunterricht nieder. Zwar richtete der Landeskirchenrat eine Beschwerde an das bayerische Kultusministerium, konnte jedoch nichts erreichen. Die ausgefallenen Stunden mussten von Geistlichen übernommen werden.139 Dies gestaltete sich jedoch zunehmend schwieriger, da nach Ausbruch des Krieges akuter Pfarrermangel herrschte; im September 1939 waren bereits 222 bayerische Pfarrer eingezogen, so dass in manchen Orten überhaupt kein Religionsunterricht mehr erteilt werden konnte. Teilweise wurde, um diese Missstände zu beheben, im Pfarrhaus Unterricht auf freiwilliger Basis erteilt, den die NS-Schulräte aber zumeist unterbanden. Trotzdem fanden sich immer wieder Lehrerinnen und Lehrer, die allen Schikanen und Verboten zum Trotz, den Religionsunterricht weiterführten.

Die Lage verschärfte sich, als es ab 1940 den Kirchen untersagt war, schuleigene Räume für religiöse Unterweisung, also Religions- und Konfirmandenunterricht, zu nutzen. Außerdem durfte Religionsunterricht nur noch in sogenannten Eckstunden erteilt werden, in denen die Aufnahmefähigkeit der Schülerinnen und Schüler stark vermindert war. Aufgrund dieser starren Regelung mussten manche Stunden ausfallen, da der zur gleichen Zeit in verschiedenen Klassen angesetzte Unterricht von den wenigen Geistlichen nicht mehr erteilt werden konnte. Im Verlauf des Krieges wurde deshalb oft auf Laienkräfte zurückgegriffen, die zumindest für außerschulische religiöse Unterweisung sorgten. Es war jedoch äußerst schwierig, von den Bezirksregierungen die Genehmigung für die Zulassung solcher Kräfte zu erhalten.

Nach Abschaffung des Schulgebetes im April 1941 erfolgte 1943 der nächste Schlag: Auf den Lehrerinnen- und Lehrerbildungsanstalten wurde kein Religionsunterricht mehr erteilt. Auch hier protestierte der Landeskirchenrat, jedoch ohne Erfolg. Der Nachwuchs an Lehrkräften mit religiöser Ausbildung war so nicht mehr gesichert.140

Noch unnachgiebiger wurde der Religionsunterricht an höheren Bildungsanstalten eingeschränkt: ab 1940 entfiel er in den Klassen fünf bis acht der Oberschulen im gesamten Reichsgebiet völlig. Bayern bildete dabei eine Ausnahme, aber auch dort fiel er mit Beginn des Schuljahres 1941/42 weg und wurde nur noch in der Unterstufe erteilt.141 Um die Jugendlichen in den oberen Klassen höherer Schulen doch noch religiös zu unterweisen, forderte der bayerische Landeskirchenrat die Dekanate im Juli 1941 auf, die Schülerinnen und Schüler in kirchlichen Arbeitsgemeinschaften auf freiwilliger Basis zusammenzufassen. Die Resonanz war unterschiedlich. Manche Klassen beteiligten sich geschlossen, von anderen kamen nur einzelne Jugendliche.142

Der Kampf um die Jugend

Die totale Vereinnahmung der Jugend

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges brachte für die Jugendlichen die totale Vereinnahmung. Mit der Jugenddienstverordnung vom März 1933, die den HJ-Dienst gleichberechtigt neben Arbeits- und Wehrdienst stellte, wurde ein Anfang gemacht. Die strenge Dienstverpflichtung hatte für die evangelische Jugendarbeit erhebliche Folgen. Jugendliche wurden unter dem Vorwand des Kriegseinsatzes ständig von Veranstaltungen der Gemeindejugend und vom Gottesdienstbesuch abgehalten. Insgesamt waren „vier halbe Sonntage“ im Monat, meist Sonntagvormittage für die vormilitärische Ausbildung, Pflichtveranstaltungen wie Filmvorführungen, Rotkreuzkurse und Luftschutzübungen vorgesehen.143 Aus fast allen bayerischen Dekanaten trafen Hilferufe beim Landeskirchenrat ein, der bei Gauleiter Wagner sowie dem Reichsverteidigungsrat in Berlin Beschwerde einlegte, ohne jemals Antwort zu erhalten.144

Zu diesen Problemen kam der Pfarrermangel. Die Hälfte aller Geistlichen der bayerischen Landeskirche wurde eingezogen und die zu Hause gebliebenen hatten mit der Jugendarbeit neben ihrer Gemeindeseelsorge und Religionsunterricht eine außergewöhnlich hohe Arbeitsbelastung.145 Empfindlich getroffen wurde die evangelische Jugendarbeit auch durch den Wegfall vieler Leiterinnen und Leiter, die wegen Ernte- und Arbeitseinsätzen oder der Einberufung zur Wehrmacht ihre Gruppen verlassen mussten. Mehrere Versuche, den bayerischen Landesjugendpfarrer Heinrich Riedel einzuziehen, scheiterten jedoch, da dies vermutlich ihm wohlgesonnene Männer in der militärischen Führung verhinderten.146

Bibelfreizeiten wurden ab Mai 1940 für die Dauer des Krieges verboten, ab 1940/41 die kirchliche Gemeindepresse ausgeschaltet, so dass für die Jugendarbeit kein geeignetes Mitteilungsorgan zur Verfügung stand.147 Die Gefahr der Isolierung der einzelnen Gemeindejugendkreise drohte. Um dem entgegenzuwirken, verlegte man sich auf Rundschreiben, die zwar eigentlich verboten waren, aber in Bayern nie wirklich unterbunden wurden.148

Allen Widrigkeiten zum Trotz gab der Landesjugendpfarrer im Einverständnis mit Landesbischof Meiser in einem Rundschreiben vom 20. September 1939 die Parole aus: „Keine der örtlichen Veranstaltungen in den einzelnen Gemeinden für die Jugend wird abgebaut. Die seelsorgerliche Arbeit der Kirche an der Jugend geht weiter. Sie verzichtet auf alle größeren Veranstaltungen, verlegt sich aber mehr auf intensive Kleinarbeit vom Worte Gottes her.“149

Die Jugendarbeit wurde mit großem Engagement der noch verbliebenen Pfarrer und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufrecht erhalten, auch wenn die Bedingungen im Laufe der Kriegsjahre zunehmend schlechter wurden. Örtliche Schikanen häuften sich, die Kreise wurden kleiner und konnten sich teilweise nicht mehr regelmäßig treffen. Die Jugendlichen waren durch die Dienstverpflichtung überbeansprucht.150 Die Anordnung, Jugendliche dürften sich bei Dunkelheit nicht herumtreiben, wurde zum Teil dahingehend ausgelegt, dass ihnen der Besuch kirchlicher Abendveranstaltungen und Bibelstunden untersagt wurden. Proteste des Landeskirchenrates beim bayerischen Innenministerium blieben erfolglos. Die Veranstaltungen fanden dennoch statt, am frühen Abend oder nachmittags.

Behinderungen des Konfirmandenunterrichts

Große Schwierigkeiten während des Krieges gab es für die evangelischen Gemeinden bei der Erteilung des Konfirmandenunterrichts. Auch in Bayern hatte die Partei an Ostern 1941 begonnen, Ersatzfeiern für die Konfirmation für Kinder deutschchristlicher Eltern abzuhalten, sogenannte „Deutsche Jugendfeiern“. Während der gesamten Kriegszeit agitierten NSDAP und HJ gegen die Konfirmation, rieten Eltern zur Abmeldung ihrer Kinder und zur Anmeldung bei völkischen Jugendweihen. Dazu kamen ständige Terminschwierigkeiten, weil staatlicherseits immer wieder versucht wurde, Konfirmationsfeiern zu verhindern, indem für den entsprechenden Tag ein anderer „kriegsbedingter“ Termin anberaumt wurde. Traditionelle Konfirmationstermine konnten immer seltener eingehalten werden, mancherorts wich man deswegen auf das Reformationsfest oder den 1. Advent aus.151

Wechsel im Landesjugendpfarramt

Im Mai 1943 löste Hans-Martin Helbich Heinrich Riedel als Landesjugendpfarrer ab. Er hatte in den letzten beiden Kriegsjahren die evangelische Jugend unter immer schwerer werdenden Bedingungen zu führen. Er bezeichnete es selbst als „Wunder“, dass unter den gegebenen Verhältnissen die konfessionelle Jugendarbeit noch nicht vollkommen zusammengebrochen war. Jugendarbeit bestand gerade in den letzten Kriegsjahren aus einem zähen Kleinkrieg, den die Pfarrer sowie Jugendleiterinnen und Jugendleiter gegen willkürliche Verbote, Störungen und Schikanen - immer unter dem Deckmantel „kriegsbedingter Maßnahmen“ - führten.152

Die evangelischen Jugendlichen selbst jedoch hielten an ihren Gruppen fest und trafen sich weiterhin auf gemeindlicher Basis - noch 1944 existierten in Bayern etwa 800 Jugendkreise. Daneben organisierte der Landesjugendpfarrer sogenannte Jugendtage, zu denen auch in Kriegszeiten die Jugendlichen in Scharen anreisten, um gemeinsam Gottesdienst zu feiern, zu singen, zu essen und Bibelstunden abzuhalten, jenseits des militärischen Gehabes, das in der HJ zunehmend üblich war.153Obwohl für die evangelische Jugendlichen der doppelte Aufwand gegeben war, da sie ihre Gemeindejugendaktionen nur neben der Arbeit in der HJ bewerkstelligen durften, kamen sie in allen Gemeinden in großer Zahl zusammen. Der Grund dieses Engagements liegt in der Tatsache begründet, dass in der evangelischen Gemeindejugend trotz aller Beschneidungen Möglichkeiten einer freien Entfaltung fernab vom militärischen Gehabe der HJ mit Marschierenmüssen und Angebrülltwerden bestand.154

Das Ende der Deutschen Christen in Bayern

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Arbeit der Deutschen Christen in Bayern zunehmend unbedeutender. Sie waren in viele Einzelgruppierungen gespalten, zwischen denen kaum Zusammenarbeit bestand.155 Nach der gescheiterten Zwangseingliederung der bayerischen Landeskirche, hatte die DC-Bewegung jeglichen kirchenpolitischen Einfluss verloren und letztendlich die Kirchenleitung Meisers nicht zu erschüttern vermocht. Nach ihrem Austritt aus der Reichsleitung, waren die bayerischen DC bei Kriegsausbruch schließlich völlig isoliert. Die wenigen noch bei der Reichsbewegung verbliebenen Gruppen spielten bereits 1937 keine Rolle mehr und waren seit Ende 1938 wieder landeskirchlich integriert. Dagegen waren die bestehenden nationalkirchlichen Gruppen in Bayern völlig radikalisiert (beispielsweise Pfarrer Hans Baumgärtner, Nürnberg; Ludwig Wolf, Schwaben - Oberbayern?). Sie wurden unterstützt von der nationalkirchlichen Bewegung Thüringens. Pfarrer Theodor Eyermann baute beispielsweise die Landesgemeinde Franken auf.156 Besonders rege Umtriebe gingen von Bayreuth? aus, wo Pfarrer Adolf Daum und Prof. Wolf Meyer-Erlach aus Jena wirkten. Ein weiterer Krisenherd in diesen Jahren war Mühldorf? /Inn mit dem DC-Geistlichen Hans Gollwitzer. In einigen nationalkirchlichen Gemeinden fanden eigene Konfirmationsfeiern statt, so etwa in Nürnberg unter Pfarrer Hans Baumgärtner. Nachdem sich gerade viele DC-Pfarrer nach Kriegsausbruch freiwillig zur Wehrmacht gemeldet hatten, kehrte eine Entspannung der Lage ein, denn die Gemeinden kehrten dann in aller Regel zur Landeskirche zurück. Nur die absolut Unentwegten wurden weiterhin von Thüringen aus nationalkirchlich-seelsorgerlich betreut.

Die DC-Pfarrer in Bayern, die sich nicht den radikalen nationalkirchlichen Kreisen angeschlossen hatten, versuchten während der Kriegsjahre vergeblich, eine Einheitsfront zu bilden.157 Ihre Pfarrer waren in der Regel nicht wie die Nationalkirchler aus der Landeskirche ausgeschieden und befürworteten auch nicht deren beständige Werbung zum Kirchenaustritt. Sie verhielten sich während der Kriegsjahre kirchenpolitisch ruhig.158 Obwohl die Tätigkeit der Deutschen Christen jeglicher Richtung gegen Kriegsende in Bayern fast völlig zum Erliegen gekommen war, agierten die wenigen noch aktiven Pfarrer unermüdlich weiter, so etwa Adolf Daum, der noch im Oktober 1944 dazu aufrief, die „deutschchristliche Gemeinde Bayreuth? zu einer Hochburg der Nationalkirchlichen Einung“ zu gestalten, jedoch ohne Erfolg.159

Das nächste Kapitel lesen!


124 Schmid: Wetterleuchten; S. 210ff.
125 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 38.
126 Baier, Helmut: Kirche in Not. Die bayerische Landeskirche im Zweiten Weltkrieg; Neustadt/Aisch; 1979 (= Baier: Kirche in Not); S. 158.
127 Broszat, Martin; Fröhlich, Elke; Grossmann, Anton (Hg.): Bayern in der NS-Zeit. Bd. 3. Herrschaft und Gesellschaft im Konflikt. Teil B; München; 1981 (Broszat: NS-Zeit III); S. 264f.
128 ebd.; S. 268-276.
129 Schreiben des Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenrates München an sämtliche Geistliche der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern rechts des Rheins vom 30. Oktober 1935; Archiv Schlier.
130 Broszat: NS-Zeit III; S. 280-285.
131 ebd.; S. 289-297.
132 ebd.; S. 303.
133 ebd.; S. 306.
134 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 39.
135 Schmid: Wetterleuchten; S. 325.
136 Broszat: NS-Zeit III; S. 307-313.
137 ebd.; S. 318f.
138 Baier: Kirche in Not; S. 158.
139 Hetzer, Gerhard: Kulturkampf in Augsburg 1933-1945; Augsburg; 1982 (= Hetzer: Kulturkampf); S. 154f.
140 Baier: Kirche in Not; S. 158-168.
141 ebd.: S. 186ff.
142 ebd.; S. 191f.
143 Riedel: Jugend; S. 258.
144 Baier: Kirche in Not; S. 133.
145 Spindler: Bayerische Geschichte; S. 909.
146 Riedel: Jugend; S. 259.
147 ebd.; S. 262.
148 ebd.; S. 270.
149 zitiert in Baier: Kirche in Not; S. 136.
150 Riedel: Jugend; S. 264f.
151 Baier: Kirche in Not; S. 147-150.
152 Riedel: Jugend; S. 272f.
153 Baier: Kirche in Not; S. 154.
154 Persönliches Gespräch mit Gerhard Bogner am 5. Juni 1996 in München.
155 Baier: Kirche in Not; S. 263.
156 Meier: Kirchenkampf III; S. 466.
157 Baier: Kirche in Not; S. 263-268.
158 ebd.; S. 271.
159 ebd.; S. 274f.


Hauptseite | Tradition und Geschichte | Spezialthemen | Evangelische Kirche und Nationalsozialismus in Augsburg | 1939 - 1945: Die bayerische Landeskirche im Krieg


Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de




FacebookTwitThis