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1935 - 1938: Verhärtung der Fronten

Meisers Befriedungsversuche gegenüber den Deutschen Christen

Zwar wurde die bayerische Landeskirche wieder hergestellt und Müllers Eingliederungsversuch zunichte gemacht, der Kampf hörte deswegen jedoch nicht auf. Die antikirchliche Haltung des NS-Staates verstärkte sich und die Fronten zwischen der bayerischen Landes-kirche und den Deutschen Christen wurden härter. Nach der Wiederherstellung ihrer Landeskirchen entfernten sich die Bischöfe Meiser und Wurm von den Beschlüssen der Dahlemer Bekenntnissynode. Zwar hatten sie sich der ersten Vorläufigen Kirchenleitung unterstellt, aber nie vollkommen zu dem radikalen bruderrechtlichen Kurs bekannt. Sie befürchteten, die Praktizierung des Dahlemer Notrechtes führe zur Sektenbildung innerhalb des deutschen Protestantismus. Außerdem gaben sie zu bedenken, die Anerkennung der Barmer Erklärung dürfe nicht zur Pflicht für bekenntnistreue Christinnen und Christen gemacht werden, um kompromissbereite DC nicht von vornherein gegen sich aufzubringen. Gründe für diese Linie sind in den volkskirchlichen Vorstellungen zu suchen, die Meiser und Wurm von ihren Landeskirchen hatten. Auf diesem Hintergrund ist es auch zu verstehen, warum der bayerische Landesbischof so milde mit den Geistlichen verfuhr, die Jägers gewaltsamen Unterwerfungsversuch mitgetragen hatten.101 Um den Bekenntnisstand zu wahren, riefen die lutherischen Landeskirchen von Bayern, Württemberg und Hannover am 25. August 1934 den Lutherischen Rat102, am 12. Februar 1935 den Lutherpakt103 und am 18. März 1936 den Rat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland ins Leben.104

Im Verlauf des Jahres 1935 verhärtete sich das Verhältnis zwischen den 57 bayerischen DC-Pfarrern, insgesamt bestanden 73 Ortsgruppen mit 13.242 Mitgliedern, und der Landeskirche. Den DC standen in Bayern etwa eine halbe Million eingeschriebene Mitglieder der Bekenntnisbewegung gegenüber.105 Bis 1937 war die innere Lage der bayerischen Landeskirche durch Versuche der Landeskirchenleitung geprägt, die Deutschen Christen, die sich Ende 1934 und Anfang 1935 neu formierten, in die Landeskirche einzugliedern. Inzwischen nannten sie sich Reichskirchenbewegung DC, mit Schwerpunkt in Franken. Besonderes Engagement entfalteten Pfarrer Hans Baumgärtner, Gauobmann für Franken, sowie die Pfarrer Hans Gollwitzer, Max Sauerteig und Ernst Daum. Auf dem Hintergrund dieser Entwicklung beschloss die Landeskirchenleitung, die einzelnen bayerischen Gemeinden in ihrem Kampf gegen die DC zu bestärken und die flächendeckende Gründung von Bekenntnisgemeinschaften zu forcieren.106 Im Januar und Februar 1935 unternahm Meiser deswegen mehrere Predigtreisen, hauptsächlich durch Franken.107 Vielerorts entstanden Bekenntnisgemeinschaften, deren Gründung oft als Gegenzug zur Entstehung von DC-Gruppen erfolgte.

Ihren Höhepunkt erlebte die bayerische DC-Bewegung von März bis Mai 1935. Von der Reichsleitung wurde immer wieder der Versuch unternommen, die bayerischen DC in die allgemeine DC-Bewegung einzugliedern. Harte Machtkämpfe waren die Folge, aber zu einem organisatorischen Anschluß kam es nicht. Währenddessen rückte das Ziel der bayerischen DC, Landesbischof Meiser zu stürzen und selbst die Landeskirchenleitung zu übernehmen, bedingt durch die Streitigkeiten und die daraus resultierende Uneinheitlichkeit bezüglich der Vorgehensweise, in immer weitere Ferne. Die Gemäßigten unter ihnen erwogen sogar einen Friedensschluß mit Meiser.108

Reichskirchenminister Hans Kerrl und die Kirchenausschüsse

Am 16. Juli 1935 unternahm Reichskanzler Adolf Hitler einen erneuten Versuch, die Gleichschaltung der Kirche zu erreichen. Er bildete ein Reichskirchenministerium unter der Leitung von Hans Kerrl109, mit einem Reichskirchenausschuss zur Unterstützung dessen Arbeit, wodurch Reichsbischof Ludwig Müller praktisch entmachtet wurde. Aufgabe des Ministeriums war die Befriedung der evangelischen Kirche unter Erhaltung der Machtposition der DC. Dazu sollten in den intakten Landeskirchen Landeskirchenausschüsse gebildet werden, paritätisch besetzt mit deutschchristlichen und bekenntnistreuen Mitgliedern.110 Die Einsetzung eines Landeskirchenausschusses wurde jedoch von der bayerischen Kirchenleitung entschieden zurückgewiesen.

Die bayerischen DC, die große Hoffnungen in Kerrl setzten, traten mit Forderungen nach freier Entfaltung der DC-Arbeit in der Landeskirche an Meiser heran. Dieser jedoch beharrte auf seinem Standpunkt, die DC-Gruppen sollten sich dem bayerischen Kirchenregiment unterstellen und das lutherische Bekenntnis anerkennen. Meiser ging in seinen Befriedungsversuchen der DC sogar soweit, dass er erwog, die Bekenntnisgruppen Bayerns aufzulösen unter der Voraussetzung, dass auch die DC auf ihre kirchenpolitische Organisation verzichteten. In der Vorläufigen Kirchenleitung entstanden deswegen große Spannungen.

Die bayerischen DC anerkannten Meisers Kompromissbereitschaft nicht, sondern starteten einen erneuten Propagandafeldzug gegen die Landeskirche mit dem Ziel, diese zu zerstören und deutschchristlich umzuformen. Schließlich kamen Meiser und Wurm Anfang Januar 1936 überein, den DC in ihren Landeskirchen keine freie Entfaltung zu gewähren, noch ihnen freie Pfarrstellen oder Kirchen für Gottesdienste zur Verfügung zu stellen.111

Die Deutschen Christen, die sich von Kerrl in ihren Hoffnungen getäuscht sahen, kündigten ihm schließlich die Zusammenarbeit auf.112 Im März 1936 unternahmen die bayerischen DC einen erneuten Vorstoß bei Meiser, um sich Machtanteile zu sichern und den „Arierparagraphen“ in die Landeskirche einzuführen. Doch der Landesbischof blieb auf seinem Kurs, der bewirkte, dass die bayerische DC-Bewegung zunehmend auseinanderfiel. Im September 1936 teilte die Landeskirchenleitung in einem Rundschreiben an alle bayerischen Pfarrer mit, die Verhandlungen mit den Deutschen Christen seien gescheitert.113

Über die Frage der Zusammenarbeit mit dem Reichskirchenausschuß kam es im März 1936 nach heftigen Auseinandersetzungen mit August Marahrens, der den Weg einer Verständigung mit den Deutschen Christen weitergegangen war, zur Bildung einer zweiten Vorläufigen Kirchenleitung.114 Am 12. Februar 1937 wurde der Reichskirchenausschuss nach sechzehnmonatiger Tätigkeit wieder aufgelöst.115

Hitlers Kirchenwahlerlass und Erstarken der bayerischen Deutschen Christen

Ein Erlass des Führers am 14. Februar 1937 ermächtigte den Reichskirchenminister, die Wahl einer Generalsynode für das gesamte Reichsgebiet mit dem Ziel einer Entwirrung der kirchlichen Verhältnisse, vorzubereiten.

Alle Gruppen der BK empfanden dies als Zwangsmaßnahme und Versuch des Staates, seine Ziele rigoros durchzusetzen. Sofort nach Bekanntwerden dieser Pläne Mitte Februar 1937 meldete die Kirchenführerkonferenz Bedenken an und forderte eine wirklich gerechte Wahl, deren Durchführung in den Händen der kirchlichen Organe liegen sollte.116 Die Wahlanordnung gab zunächst den DC Aufwind, denn die Parteiorgane leisteten ihnen bei der Wahlvorbereitung Unterstützung. Auch die bayerischen DC-Gruppen bekamen neuen Auftrieb, nachdem sich ihre Hoffnungen während der Kirchenausschusszeit zerschlagen hatten, da es in Bayern nicht zur Bildung eines Landeskirchenausschusses gekommen war. Unterstützt wurden sie von DC-Kräften außerhalb Bayerns, konnten jedoch letztendlich keine größere Machtposition erringen.117 Nach einer anfänglich lebhaften Kampagne wurde die Wahl vertagt und am 25. Juni 1937 schließlich ganz abgesagt.118

Ab April 1937 war Hermann Muhs, Führer der DC in Hannover, neuer Mann im Reichskirchenministerium. Er fuhr sofort einen harten Kurs gegen die BK. Seine Lösung der Kirchenfrage: Finanzabteilungen als neue Ordnung der Vermögensverwaltung in den evangelischen Landeskirchen, die es dem Staat ermöglichten, das gesamte kirchliche Finanzgebaren zu kontrollieren und abhängig zu machen.119 In Bayern gelang es jedoch, die Finanzabteilungen abzuwehren und, wie in Württemberg, vor staatlicher Finanzkontrolle verschont zu bleiben.120

Unter Muhs hatte der Kirchenkampf nun eine andere Form angenommen. Staatlicherseits setzte man nicht mehr auf provokative Aktionen wie zu Beginn der Auseinandersetzungen, sondern verlegte sich auf einen „Krieg der Verordnungen“. Nachdem die Stoßtruppe der Partei, die Deutschen Christen, nicht das erwünschte Ziel gebracht hatten und auch das Mittel Kirchenwahl versagte, versuchte man durch zahlreich Verordnungen und Verbote doch noch eine einheitliche evangelische Staatskirche zu errichten. Neben dem versuchten Ausbau der Finanzabteilungen wurde beispielsweise der Schriftverkehr zwischen den intakten Landeskirchen und den Landesbruderräten der zerstörten Kirchen unter Verbot gestellt sowie die kirchliche Jugendarbeit massiv beschnitten.121

Im Laufe des Jahres 1937 spitzte sich der Kirchenkampf auch in Bayern zu. Unter Muhs kam es im Sommer zu einer Verhaftungswelle, die das gesamte Reich überrollte. Besonders aufsehenerregend war dabei in Bayern die Verhaftung von Pfarrer Karl Steinbauer aus Penzberg, der das Reichsflaggengesetz (Nichtbeflaggung der Kirchen an hohen politischen Feiertagen unter Strafe gestellt) missachtet hatte. Wie bedrohlich die bayerische Landeskirche die Situation einschätzte, zeigt die Tatsache, dass Bischof Meiser Pfarrer Wilhelm Bogner?, seit Oktober 1937 Dekan von Augsburg, im Falle seiner Verhaftung als Bischofsvertreter betraute.122

Zur Unterstützung der bekenntniskirchlichen Linie verfasste Pfarrer Helmut Kern? aus Göggingen /Augsburg, ab Juli 1935 Leiter des neugegründeten bayerischen Amtes für Volksmission in Nürnberg, seine Schrift „Mein Deutschland wohin?“, mit einer Auflage von 750.000 Exemplaren das meistverlegte Zeugnis der BK. Im April wurden die meisten Ausgaben der Schrift bei einer Durchsuchung der Nürnberger Amtsräume Kerns durch die Gestapo beschlagnahmt. Kern erhielt außerdem am 23. Juni 1937 Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet.123

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101 Meier: Kirchenkampf I; S. 467f.
102 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 32.
103 ebd.; S. 48.
104 Meier, Kurt: Der Evangelische Kirchenkampf. Bd. 2: Gescheiterte Neuordnungsversuche im Zeichen staatlicher „Rechtshilfe“; Göttingen; 1976 (= Meier: Kirchenkampf II). S. 335.
105 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 34.
106 Meier: Kirchenkampf II; S. 335f.
107 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 34.
108 Meier: Kirchenkampf II; S. 336.
109 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 54.
110 Distler: Anpassung; Widerstand; S. 37.
111 Meier: Kirchenkampf II; S. 336-339.
112 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 38.
113 Meier: Kirchenkampf II; S. 340f.
114 Schhiller: Kirchliche Wirren; S. 60.
115 ebd.; S. 72.
116 Schmid: Wetterleuchten; S. 148f.
117 Meier: Kirchenkampf III; S. 461.
118 Schmid: Wetterleuchten; S. 159.
119 Schmid: Wetterleuchten; S. 156.
120 Meier: Kirchenkampf III; S. 464f.
121 Schmid: Wetterleuchten; S. 174f.
122 Meier: Kirchenkampf III; S. 462.
123 Schmid: Wetterleuchten; S. 158f.


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