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Textilviertel

Das Textilviertel Augsburg ist kein eigener Stadtbezirk, sondern ein Gelände, das die Stadtbezirke Am Schäfflerbach? (gehört zum Planungsraum I Innenstadt) und Wolfram- und Herrenbachviertel? (gehört zum Planungsraum XI Spickel - Herrenbach?) übergreift. Textilviertel heißt das Gelände, weil sich hier der Großteil der Augsburger Textilindustrie befand.

Allgemeines

Die meisten Fabrikanlagen sind stillgelegt, verschlungene Wege führen durch das Viertel, vieles kann man nur zu Fuß erkunden und am Weg stehen Zeugnisse der großen Vergangenheit Augsburgs als Textilstadt. Und hat man das Textilviertel fast durchschritten, gelangt man zum Proviantbach-Quartier, das eines der ältesten noch bestehenden Arbeiterwohnquartiere Augsburgs ist. Hier wohnten früher die Menschen, die in den angrenzenden Fabrikhallen der Mechanischen Spinnerei und Weberei Augsburg? arbeiteten.

Früher war die Textilindustrie, die im Textilviertel angesiedelt war, der größte Augsburger Arbeitgeber. Die Textilfabriken benötigten Maschinen und so entwickelte sich in Augsburg auch eine bedeutende Maschinenbauindustrie?.

Als die Augsburger Textilindustrie gegen Ende des 20. Jahrhunderts am Boden lag, blieb das Textilviertel lange unbeachtet bzw. wurde eine Industriebrache. Es gelang der Augsburger Politik leider nicht, das Viertel so zu bewahren, wie es einem kostbaren Stück Augsburg und einem Denkmal europäischer Industriekultur angestanden hätte. Vieles im Viertel ist baufällig, unansehnlich, ja sogar abgerissen wie die Schülesche Kattunfabrik? oder die NAK?, die einer gesichtslosen so genannten City-Galerie weichen musste, die mit ihren günstigen Parkplätzen für die weitere Verödung der Augsburger Innenstadt sorgt. Vieles wird im Textilviertel dem Zahn der Zeit überlassen, bis es irgendwann unwiederbringlich verloren ist.

Erst nach und nach machte man sich Gedanken über die zukünftige Verwendung dieses Viertels - und stritt über viele Detailfragen. Nach der Jahrtausendwende ging es mit dem Textilviertel wieder ein wenig aufwärts. Der so genannte Glaspalast und das tim? sind heute die markantesten Bauwerke des weithin noch trostlosen Gebietes.

Die Bürgeraktion Textilviertel? begleitet die Entwicklung dieses Stadtviertels kritisch. Diesem Verein ist es hauptsächlich zu verdanken, dass die Augsburger Politiker aus ihrem Dornröschenschlaf aufgewacht sind und heute die Entwicklung des Textilviertels nicht mehr nur Immobilienspekulanten überlassen. Leider aber ist immer noch der Verlust bedeutsamer Denkmäler der deutschen Industriegeschichte zu befürchten.

Geschichte

Mitte des 19. Jahrhunderts hingen auch bei heiterstem Wetter düstere Wolken über dem Textilviertel, wie ein Zeitgenosse bemerkte. Es waren die Auswirkungen der Industrialisierung, die zu den Rauchwolken, empor getrieben durch hohe Schornsteine führten.

Die Industrialisierung des Geländes hatte mit der Gründung der Mechanischen Spinnerei und Weberei Augsburg? begonnen. Die neue Industrie blühte um 1830 in Augsburg auf. Im Laufe der Jahre kamen noch weitere große Textilunternehmen auf dem Gelände hinzu. Die Produktionsanlagen, die Wohnkolonien der Fabriken, die Villen der Führungskräfte - all diese Gebäude bildeten eine Stadt in der Stadt, abgeschnitten von der städtischen Infrastruktur, allein durch die Augsburger Localbahn? mit ihr verbunden. Der Grund für die Ansiedlung der Textilindustrie waren die vielen Bäche und Kanäle des Viertels, die für die notwendige Energie sorgten.

Schon vor der Phase der Industrialisierung nutzen Bleicher? und Färber das so genannte "mittlere Lechgries", das heute Textilviertel genannt wird. Augsburg war also schon in vorindustrieller Zeit ein Zentrum der europäischen Textilindustrie. 1759 siedelte sich dann die erste Manufaktur für Kattunverarbeitung in Augsburg an. Weil aber die mittelalterliche Augsburger Altstadt? keinen Platz für weitere Fabriken bot, musste Gelände außerhalb der Stadtmauern? für industrielle Zwecke verwendet werden. Es liegt nahe, dass man das Gelände der Bleicher? und Färber für die aufkommende Textilindustrie nutzte. Bis 1870 hatten sich entweder hier oder an anderen Stellen in Augsburg oder der Umgebung 19 Webereien, Bleichereien, Spinnereien und Wolle verarbeitende Betriebe angesiedelt.

Im Textilviertel siedelten sich während der Industrialisierungsphase die folgenden Großbetriebe an:

Es entstanden dominante Fabrikbauten, deren Architektur zum Repräsentieren geschaffen war. Beste Beispiele dafür sind das Fabrikschloss? und der Glaspalast. Auch Unternehmervillen wie die Haag-Villa? und die Thormann-Villa? dienten diesen repräsentativen Zwecken. Dazu kamen die Arbeitersiedlungen, wie sie etwa im Proviantbachquartier? zu besichtigen sind. 1896 entstand die erste Werkskolonie, 1910 hatte man schon 21 Häuser mit 300 Wohnungen samt Lebensmittelgeschäft und Metzgerei erstellt. Es gab sogar ein Altersheim und ein Kinderheim für Werksangehörige der Mechanischen Spinnerei und Weberei Augsburg?, plus Turnhalle und Spielplatz.

Anfang des Jahrhunderts beschäftigte die Augsburger Textilindustrie? fast 30.000 Arbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Mitarbeiterzahlen immer mehr zurück und es wurde für die Augsburger Textilindustrie? immer schwieriger, dem Druck aus Billiglohnländern standzuhalten, was zur Folge hatte, dass viele Betriebe schließen mussten: 1986 die Mechanischen Spinnerei und Weberei Augsburg?, 1996 die NAK?, 2002 die Augsburger Kammgarn-Spinnerei AG.

Von sieben früher hier ansässigen Textilfabriken arbeitet noch ein einziger Betrieb. Es ist klar, dass sich durch den Niedergang das Textilviertel stark veränderte. Z. B. zogen viele junge Menschen mit den Arbeitsplätzen weg und das Viertel überalterte. In die frei gewordenen Wohnungen, die kaum instand gesetzt wurden, zogen Menschen ein, die sich nur diese niedrigen Mieten leisten können, was zu sozialen Schwierigkeiten führte.

Gelände

Grob gesprochen liegt das Textilviertel im Osten der Innenstadt, zwischen dem Roten Tor, dem Jakobertor und dem Lech. Will man es genauer, so ist damit ein Gebiet gemeint, das durch die östlichen Wallanlagen?, also die Jakoberwallstraße? und Lechhauserstraße?, den Lech, die Prinzstraße? und die Reichenbergerstraße? begrenzt wird. Wollte man historisch ganz korrekt sein, müsste man im Norden bis zur Nordtangente?, im Süden bis zur Friedberger Straße? gehen, um die älteste Augsburger Industriezone abzustecken. Manchmal wird das Textilviertel auch mit Kammgarnquartier bezeichnet.

Früher bestand das Gebiet hauptsächlich aus Wiesen und war unbewohnt.

Auch heute noch fließen durch das Viertel viele Bäche und Kanäle, wie z. B. der Proviantbach?, der Fichtelbach?, der Schäfflerbach? und der Hanreibach?.

Das Gelände an den energiereichen Lechkanälen umfasst etwa 180 Hektar und bildet ein demkmalpflegerisch einmaliges Ensemble, das leider nicht genügend Beachtung findet und durch die Schleifenstraße? durchtrennt wird, die Haunstetter Straße? und Anton-Fugger-Brücke? verbindet.

Zum Gelände gehört auch das AKS-Areal.

Stadtentwicklungssünden

Selbst wenn man wohlwollend die Entwicklung des Textilviertels nach seinem Niedergang betrachtet, kann man sich nicht der Erkenntnis verschließen, dass hier viele städtebauliche Sünden von der Stadtspitze begangen wurden.

Zum einen siedelten sich mit Genehmigung der Parteien roter und schwarzer Couleur mächtige Handelsketten im Viertel an. Etwa der BIG an der Reichenberger Straße?, von dessen Ansiedlung z. B. das Forum solidarisches und friedliches Augsburg behauptet, sie sei illegal zustande gekommen. Der BIG wich einem REAL-Markt. Am Hanreibach? holzte man alte Weiden ab und der OBI siedelte sich an. Das Fabrikschloss? umgab man mit einem Gürtel hässlicher gesichtsloser Handelsgebäude. Der gescheiterte Baulöwe Ignaz Walter? übernahm den Glaspalast und ließ daneben die Schrannenhallen? abreißen, um 08/15-Wohnblöcke in bunten Farben aufziehen zu können.

Menschen, die im Textilviertel wohnten, mussten ihre Wohnung räumen, vor allem Migranten. Immobilienfirmen sind dabei, das Viertel umzukrempeln. Im Kampf der verschiedenen Interessen von Immobilienfirmen, Stadt und Anwohnern finden Denkmal- und Naturschutz, soziale Belange und städtebaulich günstige Perspektiven nicht immer Berücksichtigung. Die Stadt schafft mit der systematischen Vermarktung von Teilflächen nach und nach Fakten. Ein städtebaulicher Rahmenplan für das Viertel aus dem Jahr 2000 wird oft zur Makulatur.

Auf einigen alten Industriearealen entstanden neue Wohnblöcke, da ja durch den Wegzug von 30.000 Arbeitern eine Industriebrache vorhanden war. Leerstehende Fabrikanlagen wurden einer Zwischennutzung zugeführt (Vermietung an Speditionen, Auktionshäuser etc.). Noch immer sind enge Straßen und Altlasten der Grundstücke (vor allem, wo Färbereien standen) beim Flächenrecycling hinderlich, so dass ohne ein wirklich überzeugendes Gesamtkonzept häppchenweise die Entwicklung des Viertels fortschreitet. Richtung weitgehend offen.

Weblinks

Eine private Seite zum Textilviertel


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