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Renaissance
Augsburg nennt sich "Stadt der Renaissance". Renaissance ist ein Wort, das aus dem Französischen kommt und "Wiedergeburt" bedeutet. Gemeint ist damit eine Wiederentdeckung der Antike in der europäischen Kultur. Diese Wiederentdeckung der Antike hat vielerlei Einflüsse auf Wissenschaft, Literatur, Gesellschaft und Leben. Hier soll die Renaissance aber nur im engeren Sinn als kunstgeschichtliche Epoche und in ihren Manifestationen in Deutschland und speziell auch Augsburg dargestellt werden.
Gliederung
Allgemeines
In Deutschland prägt sich die Renaissance in der verschiedenen Regionen unterschiedlich aus. Wie sich der Stil entwickelt hat, ist von den gestalterischen Vorgaben der Bauherren, den künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten, von lokalen Bauordnungen und der technologischen Weiterentwicklung abhängig. Handelsraum, Naturraum und gestaltender Mensch stehen dabei in enger Wechselwirkung. Diese kunstgeographischen Faktoren sind bei der Ausprägung der Renaissance in Deutschland genau zu betrachten.
In Deutschland kam die Renaissance im frühen 16. Jahrhundert auf, als in Italien schon die Phase der Hochrenaissance erreicht war. Die ersten vereinzelten Bauten sind von italienischen Vorbildern inspiriert und oft unter Hinzuziehung von italienischen Baumeistern entstanden. Während es das heutige Sachsen war, in dem die Renaissance am meisten Verbreitung fand, sind die ersten bedeutenden Gebäude der Renaissance in Süddeutschland entstanden (in Augsburg Sankt Anna die Fuggerkapelle, in Landshut? die Stadtresidenz?).
Erst von der Mitte des 16. Jahrhunderts an findet die Renaissance in Deutschland auch im bürgerlichen Bauen immer breitere Verwendung. Allerdings ist die regionale Verbreitung der Renaissance in Deutschland regional sehr verschieden. Das gilt auch für die Bautypen wie Schlösser, Rathäuser, Bürgerhäuser u. a. Dabei spielen neben den oben genannten Gründen auch physisch-geographische Gegebenheiten (Baugestein, Bodenschätze, Bodenbeschaffenheit und Klima) eine große Rolle.
Historisch-politische Rahmenbedingungen der Renaissance in Deutschland
Anders als andere europäische Länder war Deutschland territorial zur damaligen Zeit sehr zersplittert, vor allem im südwestdeutschen Raum, wo die starke naturräumliche Gliederung auch dazu führte, dass das Stammesbewusstsein erhalten blieb. Ende des 15. Jahrhunderts gab es im Heiligen Römischen Reich ohne Italien etwa 80 geistliche und weltliche Territorien von Reichsfürsten. Dazu kamen ungefähr 2.200 reichsunmittelbare Kleinfürstentümer. In Schwaben schloss sich der niedere Adel im 16. Jahrhundert zu Reichsritterschaften zusammen, weil er unter Druck kam, sich den Fürstentümern oder Fürstbistümern unterzuordnen. In anderen deutschen Regionen wurde der niedere Adel diesen Fürstentümern oder Fürstbistümern eingegliedert. Verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Herrschern führten oft zu Wanderungen von Künstlern, so dass sich die Stilausprägungen in diesen Territorien ähnelten. Reichsstädte wie Augsburg waren ebenfalls Territorialherren und hatten eine eigene staatliche Organisation.
In dieser großen Zersplitterung Deutschlands ist einer der Gründe zu suchen, warum anders etwa wie in Frankreich hier keine einheitliche Baukunst entstand und sich die Stilausprägungen der Renaissance in Deutschland stark unterscheiden.
Der habsburgische Kaiser Maximilian I.? entwickelte vor allem Süddeutschland zum frühkapitalistischen Zentrum mit Augsburg und Jakob Fugger in der Mitte. Das war ein Grund dafür, dass sich hier die Renaissance ihre ersten Bauwerke schaffen konnte. Das war allerdings erst möglich, nachdem durch den Augsburger Religionsfrieden? ab der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Dreißigjährigen Krieg? eine sehr friedliche Phase in Deutschland eingeläutet wurde, die zu einer Blüte der Architektur führte. Diese Blüte hielt nur bis zum Prager Fenstersturz von 1618 an, wenn auch noch bis in die 80er Jahre des 17. Jahrhunderts vereinzelte Renaissancebauten entstanden. Denn mit der Vormachtstellung Frankreichs nach dem Dreißigjährigen Krieg? setzte sich der Barockstil auch in Deutschland durch. In Gebieten mit starken Kriegszerstörungen löste das Barock den Baustil der Renaissance fast ganz ab, in Gebieten mit geringen Verlusten blieb die Renaissance-Architektur stärker erhalten.
Sozialgeschichtliche und geistig-kulturelle Bedingungen
Die Reformation im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts hatte weitreichende Folgen. So sahen viele weltliche Mächte ihre Chance auf Steigerung ihrer Macht durch die Enteignung von Kirchengut. Auch die lutherisch gewordene Reichsstadt Augsburg gehörte zu den Reformationsgewinnern. Dafür übernahm München? die Führung des bayerischen Katholizismus und der Rekatholisierung nach dem Konzil von Trient, das 1565 zu seinem Ende kam. Bis dahin war München? eine relativ unbedeutende Stadt. Nun aber entstand als Zeichen ihrer neuen Position die Kirche Sankt Michael?. Es war eine Kirche der Jesuiten, die sich für die Rekatholisierung Bayerns einsetzten und Sankt Michael? mit den frühbarocken Stilkennzeichen ihrer italienischen Mutterkirche Il Gesù ausstatteten. Das aber nur als Exkurs.
Die Zeit der Renaissance ist noch stark von den Einflüssen der Reformation geprägt, was sich z. B. in Raumformen nach Luthers Vorgaben ausdrückt (z. B. die Emporenkirchen). Auch mussten Städte wie Augsburg nach der Aufhebung von Klöstern selbst viele Sozialdienste übernehmen, die vorher von Mönchen und Nonnen übernommen worden waren: die Altenpflege, das Schulwesen, die Krankenpflege. Und das führte zu neuen Gebäuden im Stadtbild, wie z. B. Schulen, Spitälern oder Altenheimen.
Geistesgeschichtlich bedeutsam ist der Humanismus, der die Individualität des Einzelnen stärken wollte und Traditionen kritisch betrachtete. Diese Geisteshaltung führte zu vielen Universitätsgründungen in Deutschland, wo man Sprachstudien betrieb und das Bildungswesen voranbrachte. Auch Lateinschulen wie das Gymnasium bei Sankt Anna? kamen auf. In Städten, die humanistisch aufgeschlossen waren, konnte sich die Renaissance sehr gut entfalten, vor allem wenn sie überregionale Kontakte unterhielten, was in Augsburg der Fall war. Hier kam auch noch eine hohe Finanzkraft und ein starkes Repräsentationsbedürfnis hinzu, was die Stadt zum idealen Nährboden der Renaissance machte. Weil der Kaiser damals keine feste Residenz hatte, konnten nur wenige deutsche Städte bedeutende kulturelle Zentren bilden. Neben Nürnberg?, Köln? und Frankfurt? war das Augsburg. Alle diese Städte hatten um 1500 schon über 40.000 Einwohner und lagen an den Kreuzungen wichtiger Handelsstraßen.
Wirtschaftsgeographische Hintergründe
In der Neuzeit stieg die Bevölkerung stark an: von 12 Mio. um 1500 auf 17 Mio. gegen 1600. Am stärksten war das Wachstum zwischen 1520 und 1540, was die starke Bautätigkeit in Städten ab etwa 1550 bis 1600 erklärt. Durch die steigende Bevölkerungszahl verknappte sich das Land, vor allem der Wald, was auch Konsequenzen für die Architektur hatte. So legten Verordnungen die Fällzeiten für Bauhölzer genau fest. Am Außenbau bevorzugte man die haltbare und witterungsbeständige Eiche, Fichte und Tanne wurden für den Innenausbau eingesetzt, vor allem für Deckenbalken und Sparren, weil das elastische Holz der Biegungsbeanspruchung standhielt. Noch bis zur Renaissance verbaute man das Holz frisch; jetzt lagerte man es erst einmal ab.
Die wachsende Bevölkerung sorgte für steigende Nahrungsmittelpreise. Auch konnte eine Großstadt wie Augsburg ihre Bevölkerung nicht mehr aus dem unmittelbaren Umland ernähren und musste Getreide importieren – im Austausch etwa gegen Textilprodukte oder Werkzeuge.
Glaubensflüchtlinge, die aus den Niederlanden und Frankreich nach Deutschland kamen, brachten Fähigkeiten und Wissen mit, das der Wirtschaft diente. Sogar eigene Städte wurden für sie gegründet oder die Städte mussten erweitert werden.
Aus all diesen Gründen mussten die Verkehrsverbindungen ausgebaut werden, die neben Handelsvorteilen aber auch Nachteile, wie z. B. militärische Einquartierungen, brachten. Auch durch die Kartographie wurde der Verkehr gefördert. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts tauchten immer mehr gedruckte Landkarten auf, von denen besonders die Mercator-Karte von 1554 hervorsticht.
Auch der Bergbau bildete sich in dieser Zeit als immer wichtigerer Wirtschaftsfaktor aus. Er bildete eine starke Basis des Reichtums der Augsburger Fugger, die eine Familiendynastie vergleichbar den Medicis in Italien bildeten.
Für die Entwicklung Augsburgs zum oberdeutschen Wirtschaftszentrum in dieser Zeit spielte darüber hinaus besonders die Textilherstellung eine Rolle. Man stellte Leinengewebe und Barchent her, weil in der Renaissance die schweren Wolltuche durch leichtere und feinere Stoffe abgelöst wurden. Das Verlagswesen prägte diese frühneuzeitliche Textilherstellung.
Allerdings war der Binnenhandel immer noch durch verschiedene Faktoren erschwert: Raubüberfälle, Zölle, Stapelrechte etc. Gehandelt wurde hauptsächlich zwischen fünf großen innerdeutschen Wirtschaftsräumen. Einer dieser Wirtschaftsräume war der Augsburg-Nürnberger-Raum, in dem die Leinen-, Wolltuch- und Barchent-Herstellung dominierte sowie ein ausgeprägtes Geldwesen existierte und man sich nach Italien orientierte, obwohl die Faktoreien der Fugger eigentlich in ganz Europa ihre Produkte vertrieben.
Der Mensch der Renaissance
Aufgrund des gesellschaftlichen Wandels in der frühen Neuzeit waren Wissenschaft, Kunst und Architektur sehr angesehen. Selbst der Adel nahm jetzt an der Bauplanung und –gestaltung teil. Gebäude dienten jetzt der Selbstdarstellung – auch im bürgerlichen Bereich. Zierformen und Bautyp sollten die soziale Stellung und die Bildung des Bauherren erkennen lassen. Die Baumeister lösten sich zu Beginn der Neuzeit aus den mittelalterlichen Bauhütten und traten als Architekten für den Adel und die Bürgerschaft auf. Es bildeten sich Handwerksbetriebe und Werkstätten, die unterschiedlichste Bauaufträge durchführen konnten. Hofkünstler kamen vornehmlich aus Italien und waren so gefragt, dass sie weitgehende Freiheiten genossen. Gab es größere Projekte zu gestalten, waren sogar schon Ausschreibungen mit Einreichung von Musterentwürfen üblich. In größeren Städten wie Augsburg gab es Stadtbaumeister, die für die Auftragsvergabe, die Überwachung von Feuerschutzmaßnahmen und die Kontrolle von Hygienevorschriften zuständig waren. Elias Holl?, der Augsburger Stadtbaumeister, betrieb ein eigenes Bauunternehmen und war neben dem herzoglich-württembergischen Landbaumeister Heinrich Schickhardt die bedeutendste Architektenpersönlichkeit der Spätrenaissance. Er verkörperte das Ideal der Zeit: einen rundum gebildeten Baumeister.
Für die Renaissance-Bauweise markant ist die Betonung der Horizontalen, was auf die Fortentwicklung der perspektivischen Zeichnung zurückgeführt werden kann. Das führte zu einer Firstschwenkung vom giebelständigen gotischen zum traufständigen Haus der Renaissance, wie es in Augsburg oft beobachtet werden kann. Durch die Traufenstellung, die allerdings nicht immer möglich war, bekamen die Häuser mehr Licht, die Wohnqualität nahm zu und die Brandgefahr wurde verringert, da traufenständige Häuser breiter als lang sind und sich so die Brände nicht mehr in die Tiefe ausbreiten konnten, die Löscharbeiten leichter wurden. In die Tiefe verlegte man Höfe oder kleine Gärten. Überhaupt ermöglichten Fortschritte in Mathematik und Statik sowie perspektivisch angelegte Bauzeichnungen zum ersten Mal genau Planungen von einzelnen Häusern oder ganzen Ensembles. Damit und mit der technischen Weiterentwicklung von Rollen, Winden, Hebeln und schiefen Ebenen gelang es, die Bauzeiten, die in der Gotik noch oft Generationen währten, extrem zu verkürzen.
Bauweisen und Baumaterial
Bauweisen und Baumaterialien drücken den Naturraum, die Handelsbeziehungen, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Sozialschicht aus.
Besonders verbreitet war die Ziegelbauweise. Im Fachwerkbau setzte man auf einen regional verschieden hohen Bruchsteinsockel auf. Die Häuser von Patriziern wurden mit umso mehr Steinanteil gebaut, je näher sie am zentralen Markt einer Stadt standen, um so den Wohlstand einer Familie auszudrücken. Teuren Naturstein konnte sich bis zur frühen Neuzeit ja nur der Adel leisten. Jetzt gestalteten auch die Bürger, die es sich leisten konnten, ihren Wohnsitz mit Stein. Und Städte wie Augsburg bauten ihre Repräsentationsbauten ebenfalls im „adeligen“ Stein, wie z. B. das Rathaus.
Die Bauten der Renaissance konnten als verputzte oder unverputzte Steinbauten, als Ziegel- oder Ziegelfachwerk, mit Steinsockel oder mit Steinsockelgeschoß auftreten. War in der Gotik noch der Ständerbau vorherrschend, so setzte sich in der Renaissance die Geschoßbauweise durch, bei der die einzelnen Geschoße in den Straßenraum vorkragen.
Immer noch dominierte zu Beginn der Renaissance der Holzbau, doch versuchten Bauverordnungen und Brandschutzbestimmungen in Städten den Steinbau zu fördern, was aber wegen der hohen Kosten für den Steinbau nicht einfach war. Eine Zwischenlösung war die Mischbauweise mit Backsteingefachen im Fachwerk, vor allem in Norddeutschland. Aber trotz Steinbau und Mischbauweise prägte immer noch die Fachwerkbauweise den Stil der Renaissance. Dabei nahmen aber Nord- und Süddeutschland eine unterschiedliche Entwicklung. In Süddeutschland kam es zu einem Wechsel der Verzimmerung von alemannischen zu fränkischen Formen, womit man sich an den rheinisch-fränkischen Formenkanon anpasste.
Das so genannte Niederdeutsche Fachwerk wurde von den Küsten bis zum Teutoburger Wald und Harz gebaut. Hier kommt es nicht immer zu traufenständigen Gebäuden, weil man der Tradition des niederdeutschen Dielenhauses mit seinen giebelständigen Bauten folgte. Im Unterschied dazu zeichnet sich das Mittel- und Oberdeutsche Fachwerk, das seit der Frühen Neuzeit in Form des fränkischen Fachwerks Verbreitung fand, durch die stockwerkweise Abzimmerung aus.
Schlüsselbauten der Renaissance in Deutschland
Neben innerstädtischen Bauten des öffentlichen und privaten Bereichs zählen auch Schlossbauten zu jenen Bauten der Renaissance, die überragende Bedeutung erreichten. Noch heute lebt der Tourismus von der stadtbildprägenden Wirksamkeit dieser Bauten.
Städtebau und Festungen
Im 15. Und 16. Jahrhundert setzte sich der Gedanke durch, dass die Stadt ein ganzheitlicher Körper sei, was zu einem städtebaulichen Bewusstsein führte, in dem der Stadtgestaltung ein besonders herausgehobener Platz zugewiesen wurde. Man versuchte ideale Städte zu gestalten, den Bewohnern gerecht zu werden, Harmonie und geometrische Regelmäßigkeit zu schaffen. Viele Stadtgründungen oder –erweiterungen entstanden „am Reißbrett“.
Zu Beginn der Renaissance herrschte noch der für das Mittelalter typische Rechteckmarkt vor, wie man das etwa in Schneeberg (1471), Annaberg (1495) oder Marienberg (1521) studieren kann. In Görlitz, das 1525 zum Teil abbrannte, übertrug man beim Neuaufbau Renaissancevorstellungen nur auf die Gebäudefassaden des Marktes, nicht auf die Stadtanlage oder die Gebäudesubstanz.
Den Durchbruch brachte erst die Fuggerei in Augsburg. Das war die erste neuartige Anlage einer Stadt der Frühen Neuzeit und orientierte sich an italienischen Entwürfen für eine Idealstadt.
Auch Albrecht Dürer? setzte sich 1527 mit Plänen für eine ideale Stadt auseinander. Er sieht getrennte Wohnquartiere für Soldaten, Adel, Handwerker usw. und ein Schloss vor, das die Stadt dominiert. Seine Vorstellungen wurden aber nicht realisiert. Meist kam es in Deutschland zu Stadterweiterungen, etwa in Darmstadt oder Dresden. Dort fanden etwa Glaubensflüchtlinge aus anderen Ländern Aufnahme. Stadtneugründungen waren Hanau, die erste größere Stadtanlage der Renaissance in Deutschland, sowie Freudenstadt und Friedrichstadt. Alle drei Städte sind nach geometrischen Mustern angelegt und dienten der Aufnahme von Glaubensflüchtlingen.
Leider sind auf Grund von Schleifungen in den vergangenen beiden Jahrhunderten in Deutschland keine vollständigen Stadtbefestigungssysteme der Renaissance mehr erhalten. Beispiele für diese Art der Befestigung von Festungen und Städten finden sich in Lichtenau? bei Ansbach?, beim Wiederaufbau von Stadt und Schloss Jülich und bei der Stadtanlage von Wolfenbüttel. Konstruktionsformen aus der Renaissance gemischt mit gotischen Stadtbefestigungsmerkmalen sind in den z. T. noch geschlossen erhaltenen Stadtbefestigungen von Marktbreit?, Iphofen? oder Dinkelsbühl? zu studieren.
Sakralbauten
Durch die Reformation wurden auch im Sakralbau einige Veränderungen ausgelöst. Zum einen wurden neue Kirchen für die neue Konfession gebaut, allerdings aufgrund der starken gotischen Bautätigkeit nicht allzu viele. Zum anderen verlor die Kirche als mittelalterliche Versammlungsstelle ihre Bedeutung. Diese Funktion ging an Rathäuser und Marktplätze über. Auch ging die Spendenbereitschaft der Bevölkerung zurück, die Menschen wandten sich dem Diesseits zu, beides Faktoren, die viele Kirchenneubauten verhinderten. Der größte sakrale Baubedarf bestand in neuen Stadtteilen oder in neu gegründeten Städten oder in Schlössern, die mit Kapellen ausgestattet wurden. Neben Neubauten zeichnet sich die Renaissance jedoch mehr durch Kirchenumbauten aus.
Interessant ist, dass die Renaissance in Deutschland mit einem Sakralbau begann, nämlich mit Sankt Anna und der Fuggerkapelle dort – auch wenn zahlenmäßig in der Renaissance der Feudalbau dominierte. Quadratisch schließt sich die Fuggerkapelle an das Kirchenschiff von Sankt Anna an und wird mit einer Epitaphwand im Westen beschlossen, die Künstler wie Albrecht Dürer? und Hans Burgkmair der Ältere? gestalteten. Die Fuggerkapelle greift venezianische Architekturformen auf, was sich durch die Verbindung der Patrizier beider Städte erklären lässt. Diese venezianischen Elemente werden mit heimischen Traditionen verbunden, etwa dem Netzgewölbe an der Decke, das noch gotisch ist. Ganz humanistisch und innovativ ist das Anliegen der Kapelle: Sie soll als geschlossenes Gesamtkunstwerk über den Tod hinaus an die Stifterpersönlichkeiten und ihr Werk erinnern.
Gegenüber Italien ist für Deutschland festzuhalten, dass sich hier nicht der Zentralbau als Idealform der Renaissance durchsetzt, sondern eine Mischform aus dem Langhaus mit einer überkuppelter Vierung, was im Gottesdienst Vorteile hatte. Eine Ausnahme bildet nur die Niederländisch-Wallonische Doppelkirche in Hanau mit ihrem Zentralbau. Festzuhalten ist auch, dass die katholischen Renaissance-Kirchen wesentlich geschmückter waren als die protestantischen. Ein weiterer Unterschied ist die Stellung der Kanzel, die in protestantischen Kirchen näher an den Chor gerückt und damit betont wird. Da die Protestanten mehr Gewicht auf die Predigt legten, diese oft länger war als die katholische Ansprache, bedurfte man mehr Sitzgelegenheiten, was zu den so genannten Emporenkirchen führte, die mehr Plätze boten, aber die Entfernung zur Kanzel im Rahmen hielten.
In der Renaissance standen Sakralbauten nicht im Mittelpunkt des architektonischen Bemühens, weshalb sie oft noch gotische Reminiszenzen bewahrten oder gleich zum Barock tendierten. Vor allem im katholischen Bereich löste das Barock schon früh die Renaissance im Sakralbau ab. Von München? aus wurde die Gegenreformation eingeleitet und viele barocke Sakralbauten orientierten sich an der renaissancistisch-frühbarocken Wandpfeilerkirche von Sankt Michael?, die einen Kompromiss zwischen deutschen, niederländischen und italienischen Stilelementen darstellte. Als protestantisches Pendent begann der Pfalzgraf in Neuburg? eine Hofkirche zu bauen, die nach seinem Tod und der Rekatholisierung des Gebietes als Kirche Mariä Himmelfahrt? vollendet wurde.
Renaissance-Sakralbauten sind die Pfarrkirche Sankt Andreas in Düsseldorf, die aber auch den katholisch-gegenreformatorischen Bestrebungen folgt, die evangelische Hauptkirche Beatae Mariae Virginis in Wolfenbüttel, die erste protestantische Stadtkirche Deutschlands, die Vorbild für viele deutsche Hallenkirchen wurde. Typisch bei der letztgenannten Kirche – wie bei vielen anderen – ist die Verknüpfung von Gotik, Renaissance und Frühbarock. Ganz besonders gilt das für die fränkischen Juliusbauten im frühen 17. Jahrhundert. Sie heißen so, weil sie auf den gegenreformatorischen Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn zurückgehen. Sie sind eindeutig der Renaissance zuzuordnen, im Baustil geben sie sich jedoch nachgotisch mit Stilelementen des Frühbarock. Beispiele sind die katholische Pfarrkirche Mariae Himmelfahrt in Rothenfels am Main oder die Pilgerkirche Maria im Sande in Dettelbach. Auch in Norddeutschland ist diese Stilmischung beobachtbar, etwa in der Stadtkirche in Bückeburg. Etwas mehr der Renaissance zugeneigt zeigt sich die Michaelskirche in Bamberg, die als Beispiel für die Gelehrsamkeit in dieser Stilepoche herausgestellt werden kann. Die Gewölbedekoration bildet nämlich ein detailgenaues Herbarium, womit die botanische Wissenschaft geehrt werden soll.
Besondere sakrale Bauten der Renaissance sind die Mausoleen, die allerdings in Deutschland nur vereinzelt auftreten und auf Vorbilder des Hellenismus bzw. der römischen Antike zurückgehen. Ein Beispiel für diese Bauten ist das freistehende Mausoleum der Hammersteinschen Gutskapelle zu Equord bei Peine. Viel öfter wurden Epitaphe verwendet, um verstorbenen Personen zu huldigen. Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist die Fürstengruft im Dom zu Freiberg, die schon eine Tendenz zum Barock hat.
Feudale Bauten
Das frühe 16. Jahrhundert hat auch die Bezeichnung Feudalrenaissance, weil vor allem der Schlossbau sowohl quantitativ wie qualitativ in der Architektur dominierte. Es war der Adel, der am aufgeschlossensten gegenüber dem neuen Stil war. Der Adel nutzte seine Residenzen dauerhafter und liebte es zu repräsentieren, was auch eine Hofhaltung mit Kanzleien, Zeughäusern, Gärten und Marställen erforderte. Neben bürgerlichen Zentren wie Augsburg oder Nürnberg? entstanden so auch fürstliche Zentren in Europa. Der Partikularismus in Deutschland förderte natürlich das Entstehen vieler dieser Zentren. Die Kunst und Architektur musste das Ansehen und die Stellung eines solchen Fürstenhofes nach außen verdeutlichen. Das gilt sowohl für den hohen wie den niederen Adel. Vor allem Sachsen tat sich in der frühen Phase der Renaissance mit entsprechenden Bauten hervor (Schlossbauten in Dresden, Torgau und Meißen).
Tendenzen aus Italien und Frankreich führten dazu, dass man Burg- durch Schlossanlagen ersetzte. Dieser Prozess setzte schon in der Spätgotik ein. Französischer Einfluss zeigt sich meist im Grundriss eines Schlosses, italienischer in den Arkaden, der horizontalen Gliederung und den Fensterverdachungen. Die verschiedenen Einflüsse ergaben im deutschen Schlossbau vier Schemata der Anlage:
- Rechteckanlagen dominierendem Mittel- oder Seitenturm
- Zweiflügelbauten mit winkelhakenartiger Anordnung
- Dreiflügelanlagen mit Ecktreppentürmen zur Hofseite
- Vierflügelanlagen für landesherrliche Bauten in der zweiten Phase der Renaissance
Eine Rechteckanlage ist z. B. Schloss Barntrup, eine Zweiflügelanlage das Herrenhaus Thienhausen bei Rolfzen, eine Dreiflügelanlage das Schloss Schwöbber und eine Vierflügelanlage das Schloss Neuhaus bei Paderborn.
Vor allem die Innenräume der deutschen Schlösser unterscheiden sich von europäischen Vorbildern. Wie in mittelalterlichen Rittersälen bildet in Deutschland ein Festsaal mit Holz-Kassettendecke den Kern der Anlage und nimmt meist die Länge des Hauptflügels ein. Das kann man in Schwaben z. B. am Zedernsaal in Kirchheim? studieren.
Besonders die Loire-Schlösser wurden in Deutschland nachgeahmt. Gern übernahm man die Treppenanlagen, die auch den Übergang zum Schlossbau markieren, etwa in der Albrechtsburg in Meißen.
Eine weitere Neuerung waren die Aussichten nach mehreren Seiten und von erhöhten Positionen aus. Die Natur und Landschaft wurde jetzt anders geschätzt, was sich auch in den vielen Renaissance-Gärten ausdrückt.
Das Schloss Hartenfels in Torgau (1533) war schon ein reiner Repräsentationsbau, von dem Bürgerbauten die Runderker oder die geschweiften Giebelformen der Zwerchhäuser übernahmen. Mit der Preisgabe des Wehrwertes steigerte sich in der Renaissance der Wohnwert der Feudalbauten. Die Räume wurden in Suiten oder Appartements eingeteilt.
Nur selten aber sind in Deutschland Pläne 1:1 umgesetzt worden. Meist musste auf ältere Grundrisse oder bestehende Bauten Rücksicht genommen werden. So blieben bei neuen Schlössern oft im Innenhof oder als Ecktürme Reste der älteren Wehranlagen erhalten, wie etwas im Schloss Brake.
Die Italiener inspirierten deutsche Baumeister zu offenen Galerien und Arkadengängen, von denen aus man die Wohnräume betrat. Wegen des Klimas überdachte man im Norden diese Galerien und Arkaden. Im Süden ist Landshut? das früheste Beispiel für diese Art von Laubengang-Architektur, die sowohl in der Stadt vor den Kaufmannshäusern wie am Stadtpalast Anwendung fand. Der Stadtpalast (1537 – 1543) zeigt einen Innenhof mit Rundbogenarkaden und ist an den Palazzo del Te in Mantua angelehnt, den der Bauherr Herzog Ludwig X. kannte.
Beim Georgenbau des Dresdner Schlosses wurde das erste mitteleuropäische Bildprogramm in der Wandgestaltung verwirklicht. Italienische Künstler verschönerten den Bau mit schwarz-weißen Sgraffitodekorationen. Diese Technik kam aus Oberitalien. Man kratz dabei aus dem feuchten farbigen Putz Ornamente und Figuren heraus, so dass eine tiefer liegende andersfarbige Putzschicht zum Vorschein kommt.
Beachtenswerte Renaissance-Schlösser in Deutschland sind u. a. Schloss Barntrup, Herrenhaus Thienhausen bei Rolfzen, Schloss Schwöbber, Schloss Neuhaus bei Paderborn, Schloss Horst in Gelsenkirchen-Horst, Schloss Horst in Recklinghausen, Schloss Augustusburg bei Chemnitz, Schloss Johannisburg in Aschaffenburg, Schloss Brake bei Lemgo, Plassenburg in Kulmbach, Wülzburg in Weißenburg, Heidelberger Schloss, Wasserschloss Darfeld im Münsterland, Schloss Leitzkau, Schloss Güstrow ...
Schlosskapellen
Aufgrund des Augsburger Religionsfriedens konnte der Landesherr über die Konfession seiner Untergebenen bestimmen. So bestimmte er nun auch über die Bauformen seiner Schlosskapelle. Die waren zwar nicht neu, aber in der Renaissance wurden sie besonders ausgestaltet und strahlten vom Sitz des Landesherrn in das ganze Territorium aus.
Für den protestantischen Bereich wichtig war die Kapelle von Schloss Hartenfels in Torgau (1543-1544). Es handelt sich um einen dreigeschossigen Emporensaal mit Vorhangbogenfenstern, der sich nach obersächsischen Hallenkirchen und Vorschlägen Martin Luthers? ausrichtete. Auch die Schlosskapelle im Ottheinrichsbau des Schlosses Neuburg? (1537-1543) ist eine der ältesten evangelischen Gottesdienstbauten. Schon 1542 wurde hier die Reformation? eingeführt. Die Neuburger Kapelle ist zweigeschossig und hat eine balkonartige Empore für die Mitglieder des Hofes. Das flach gespannte Muldengewölbe mit Stichkappen weist einen Freskenzyklus in Renaissance-Ornamentrahmen auf. Für Kunsthistoriker ist das eine der bedeutendsten Ausmalungen dieser Zeit in Deutschland.
Normalerweise wurden die Kapellen in Schlossanlagen integriert. Von Außen kann man sie an den Fensterformen und an abweichenden Geschosshöhen erkennen. Nur im Neckarraum baute man auch freistehende Schlosskapellen.
Bedeutende Schlosskapellen in Deutschland sind u. a. die Schlosskapelle der Hämelschenburg in Emmerthal bei Hameln, die Kapelle von Schloss Augustusburg, Kapelle von Schloss Celle, die Kapelle von Schloss Gottorf in Schleswig, die Schlosskapelle Stuttgart, die Schlosskapelle von Rotenburg/Fulda und die Kapelle von Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden.
Gartenanlagen
Sowohl die Renaissance wie das Barock schufen architektonisch gestaltete Gärten, die durch geometrische Formen gekennzeichnet waren. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts trat langsam der englische Landschaftsgarten an ihre Stelle. Auch die Gartengestaltung der Renaissance empfing ihre Impulse hauptsächlich von Italien, passte sie aber an heimische Gegebenheiten an.
Der Garten erhielt in der Renaissance verschiedene Funktionen. Zum einen diente er der Unterhaltung und Erholung der Gesellschaft am Hof und dann war er eine Allegorie des guten geordneten Staates, des beherrschbaren Kosmos und des Wissens, das man sammelte. Meist waren es Fürsten, die solche Gärten gestalten ließen, hin und wieder auch Städte wie Augsburg. Architektur, Plastik, Technik, Botanik und Zoologie spielten zusammen, um den Garten der Renaissance zu formen. Weil viel mit Mustervorlagen gearbeitet wurde, ist es heute kein Problem, viele Renaissance-Gärten zu restaurieren. Viele Vorlagen stammten von dem Niederländer Hans Vredeman de Vries. Um 1583 schuf er mit der Hortorum-Serie die ersten Drucke der europäischen Kunstgeschichte, die sich nur mit der Gartenanlage beschäftigten.
Beliebt waren in der Renaissance-Gartengestaltung Elemente wie Laubengänge, Grüne Kabinette, technische Automaten und Brunnen. Die Ziergärten beinhalteten nur kleine Nutzgartenbereiche, die symbolisch die Selbstversorgung verdeutlichten. Oft wurden Wasser-, Zier- und Gemüsegarten genau voneinander abgegrenzt.
Schon im Spätmittelalter entwickelte sich das Interesse an der Botanik. Jetzt in der beginnenden Neuzeit mit ihren Entdeckungsfahrten und internationalen Handelsbeziehungen wurde dieses Interesse noch verstärkt – und es gelangten neue Pflanzen nach Europa, die von Sammlern begeistert aufgenommen wurden. Es entstanden private botanische Sammlungen und die botanischen Forschungsgärten von Universitäten. Auch in den Gärten an Fürstenhöfen fanden die neuen Pflanzen begeisterte Aufnahme.
Die deutschen Renaissancegärten waren oft durch Mauern abgegrenzt und in sich abgeschlossen. Dekorationen wie Brunnen, Grotten, künstliche Berge und Inseln, Labyrinthe sorgten für Abwechslung.
Durch das Vorbild der Fürsten angeregt, legten sich auch die Patrizier Gärten im Stil der Renaissance an. Gärten anderer Bevölkerungsschichten dienten wie im Mittelalter der Versorgung und lagen oft außerhalb der Stadtmauer. Auf Freiflächen innerhalb der Stadt legten Städte wie Erfurt, Nürnberg? und natürlich das reiche Augsburg Gartenanlagen an. Leider sind die Gärten der Fugger, die Augsburger Gartenkunst der damaligen Zeit zeigen könnten, nicht mehr erhalten.
Beispiele für Fürstengärten der Zeit sind u. a. der Hortus Palatinus beim Heidelberger Schloss, der Fürstengarten der Feste Marienburg in Würzburg?, der Terrassengarten des Schlosses Wilhelmsburg in Schmalkalden und der Terrassengarten vor dem Schloss Leonberg. Besonders erwähnenswert ist noch der Garten der Willibaldsburg bei Eichstätt?, die von Elias Holl? gebaut wurde. Zu dem Garten gibt es das berühmte Kupferstichwerk "Hortus Eystattensis", das über 1.000 Pflanzen des fürstbischöflichen Gartens zeigt und 1613 gedruckt wurde. Der Garten der Bischofsresidenz hatte mehrere Geländeterrassen und war mit Küchen-, Obst- und Ziergärten aufwendig angelegt.
Bebauung in der Stadt
An innerstädtischer Bebauung aus der Renaissance sind Wohnbauten, Rathäuser, Zeughäuser, Spitäler, Apotheken, städtische Adelshöfe, öffentliche Brunnen, Stadtwaagen, Lagerhäuser (Kaufhäuser) erhalten.
Wohnbauten
Je wichtiger für einen Bauherren das Repräsentationsbedürfnis war, desto eher verwendete er an seinem Gebäude Renaissance-Elemente. Das war schon im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts der Fall, als man Vorhandenes erneuerte oder wegen der steigenden Bevölkerung Neues baute. Gegenüber dem Mittelalter gestaltete man jetzt Bürgerhäuser viel individueller, um den Wohlstand des Besitzers zu zeigen. Weil das viel Neid erzeugte, brachte man so genannte Neidköpfe an Fassaden an, um Schadenszauber abzuwenden. Nur mit einem entsprechenden Haus konnte man in einer bestimmten sozialen Stellung seine Repräsentationspflichten erfüllen. An den Häusern wurden jetzt Familienwappen oder die Namen der Besitzer angebracht, während im Mittelalter Häuser noch Bezeichnungen hatten, die nicht an Personen gebunden waren („Zum grünen Baum“ etc.).
Bis 1550 kann man – von Ausnahmen wie der Fuggerei oder des Untermarkts in Görlitz abgesehen – noch viele spätgotische Bauformen in der deutschen Stadt erkennen. Erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts setzen sich die Renaissance-Bürgerbauten mit Macht in Deutschland durch. Handwerker bauten Häuser aus Fachwerk mit Steingefachen, Patrizier bauten ganz in Stein, weil das als adelige Bauweise galt und sich die Patrizier aufgrund ihres Reichtums dem Adel immer mehr annäherten.
Das Bauernhaus war durch die große Diele im Erdgeschoss gekennzeichnet, gleichzeitig das Hauszentrum. Auch viele Wohnbauten in der Stadt waren so angelegt. Manchmal wurde die Diele auch als Stapelplatz für Waren genutzt. Der Dachboden hatte oft mehrere Geschosse und diente als Lager. Mit vielen Geschossen konnte man den beschränkten Platz in der Stadt optimal nutzen. Im Unterschied zu ländlichen Häusern, bei denen die Wohnräume hinter der Diele nach hinten lag, legte man in der Stadt den Wohnbereich neben die Diele zur Straßenseite, die Licht und Luft bot. Auch Hauserker sorgten für Helligkeit. Und die Hausgiebel wurden oft aufwendig mit Ornamenten verziert, was wieder den Reichtum des Besitzers zur Geltung brachte.
Fachwerkhäuser wie das Haus Brusttuch in Goslar waren oft mit Schnitzereien verziert, die ab etwa 1550 öfter auftraten. Die Bildthemen waren oft gelehrtes Wissen und andere humanistische Themen, erotische Darstellungen oder antikatholische Themen bei Häusern in protestantischen Gegenden. Brüstungsbretter, Ständer, Knaggen und Schwellen boten Platz für diese Schnitzarbeiten. Oft wurden die Vorlagen auch im Steinbau verwendet. Wie in Italien gliederte man Gebäude gerne horizontal. In Süddeutschland kommen zu den Schnitzereien noch Fassadenmalereien. Augsburg, Nürnberg? und München? waren die Zentren dieser Fassadenmalerei im 16. Jahrhundert.
Beispiele für Stein und Fachwerkbauten der Renaissance in Deutschland stehen in Görlitz, Einbeck, Hannoversch-Münden, Freiberg, Hameln, Lemgo und Lüneburg, wo sie auch heute noch die Innenstadt prägen.
Steinbauten
Ein hervorragendes Beispiel für innerstädtische Steinbauten ist das Lienhard Böck von Böckenstein in Augsburg errichten ließ. Heute beherbergt es das Maximilianmuseum. Es ist das am besten erhaltende Bürgerhaus aus der Zeit der Renaissance und zeigt, wie die vermögenden Bürger dieser damals wichtigsten deutschen Handelsmetropole gebaut haben. Es handelt sich um einen hohen Trauseitbau, der den Platz vor dem Gebäude bestimmt. Die Hauptfassade zeigt eine Scheinarchitektur. Im Erdgeschoss weist sie eine italisierende Rustikagliederung auf. Pilaster gliedern die Obergeschosse, die Fenster zeichnen sich durch Sandsteingewände mit feinen Profilen aus. Das Gebäude hat zwei Sandsteinerker, die mit figürlichen Motiven und Blumen reich dekoriert sind. Durch den Reichsadler und verschiedene Portraits von deutschen Kaisern zeigt sich der Bauherr als loyaler kaiserlicher Rat. Der Aufzugsgiebel auf dem hohen Dach zeigt an, dass das Haus für den Handel genutzt wurde.
Weitere hervorragende Beispiele des Steinbaus der Renaissance sind das Cranachhaus in Weimar, das Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo, das biblische Haus in Görlitz, das Haus Schöningh in Norden, das Haus zum Breiten Heerd in Erfurt, das Pellerhaus und das Fembo-Haus in Nürnberg? und das Haus Zum Ritter in Heidelberg.
Fachwerkbauten
Innovativ im Fachwerkbau zeigt sich vor allem das Huneborstelsche Haus in Braunschweig von 1526. Errichtet hat es Friedrich Huneborstel, der Ratsherr und Kämmerer war. Als Krämer stieg er zu großem Reichtum auf und machte den Kaufleuten Konkurrenz. Er war ein Aufsteiger und investierte viel in sein Wohnhaus. Darstellungen der fünf Sinne und Bilder für Sprichwörter ersetzten Heiligendarstellungen, wie sie noch im Mittelalter gang und gäbe waren. Flachrelief-Schnitzereien überziehen das Gebäude, die Knaggen sind Vollplastiken.
Weitere gute Beispiele für Renaissance-Fachwerkbauten sind das Hoppenerhaus in Celle, das Stiftsherrenhaus, das Rattenfängerhaus und das Leist´sche Haus in Hameln, das Alte Haus in Bacharach, das Eickesche Haus in Einbeck, das Killinger-Haus in Idstein/Taunus und das Deutsche Haus in Dinkelsbühl?.
Adelige Hofhaltungen
Bereits im Mittelalter nutzten Klöster und Adel den Schutz der Stadt und Burgmannen aus dem niederen Adel kümmerten sich um die Stadtverteidigung. Städtische Höfe bildeten ihre Basis und sprachen auch im Stadtrat? ein gewichtiges Wörtchen mit. Ab dem 16. Jahrhundert versuchten die Städte den Adel aus ihren Mauern zu vertreiben und wollten sich nicht mehr bevormunden lassen. Doch der Adel hielt dagegen und Adels- oder Klosterhöfe in der Stadt wurden sogar noch ausgebaut. Hier wurden oft die Produkte des Landes umgeschlagen. Mit Bauordnungen sollten die Häuser von Adeligen von den Bürgerhäusern unterschieden werden. Adelshöfe waren durch ihre Wirtschaftsgebäude oft größer als Bürgerhäuser und wiesen eine reichere Fassadendekoration auf. Oft hoben sie sich durch ihre Traufständigkeit von giebelseitigen Bürgerhäusern ab oder traten mit ihren Portalen in den Straßenraum, um ihren Machtanspruch deutlich zu machen. Hin und wieder weisen sie auch Kapellen auf, was bei Bürgerhäusern nicht der Fall war.
Beispiele für Adelshöfe der Renaissance in Deutschland sind u. a. der Heeremannsche Hof in Münster, der Merfelder Hof in Horstmar, der Kellenbacher Hof in Meisenheim, der Kerssenbrockscher Hof in Lemgo oder das Freihaus der Familie Schönlebe in Freiberg. Katholische Gegenden weisen repräsentative Bauten des Klerus auf wie z. B. den Conti-Hof in Würzburg?.
Rathäuser
In Deutschland sind noch mehr als 200 Rathäuser der Renaissance-Zeit erhalten. Wie die den bürgerlichen Wohnbau kann man den Rathausbau in drei Phasen einteilen: vor 1550, zwischen 1550 und 1600 und in die Zeit nach 1600.
In der ersten Bauphase wurden u. a. die Rathäuser von Wittenberg, Hammelburg, Endingen, Saalfeld und Ansbach? gebaut. In der zweiten Bauphase entstanden die Rathäuser von Melsungen, Leipzig, Schifferstadt, Sommerhausen, Celle, Kitzingen, Klingenberg, Altenburg, Gifhorn, Dessau, Reutlingen, Hof, Merseburg, Torgau, Bad Mergentheim, Eisenach, Lüneburg, Lemgo, Köln, Lübeck, Schweinfurt, Hortmar, Hildburghausen, Rothenburg ob der Tauber, Marktbreit, Arnstadt und Wolfenbüttel. Das Rathaus von Augsburg gehört in die dritte Renaissance-Bauphase, genauso wie das von Neuburg? an der Donau, Bernkastel, Bremen, Paterborn, Nürnberg? oder Bocholt.
Rathäuser wurden besonders originell und hochwertig gestaltet und stehen in zentraler Stadtlage, oft am Markt. Sie waren die wichtigsten weltlichen Bauten und Zentren der Bürgerschaft. Reichsstädte wie Augsburg bauten besonders große Rathäuser, um Reichstage abhalten zu können. Typisch sind Uhren und Glocken, manchmal auch die Stadtwaage und Verkaufsstände im Erdgeschoß. Meist sind die Bauten reich mit Motiven humanistischen Gedankenguts verziert.
Sonstige Bauten in der Stadt
Neben den Rathäusern wurden in zentraler Lage noch weitere öffentliche Gebäude mit stadtbildprägender Funktion gebaut, die durch Dekoration und Proportionen von umliegenden Häusern abgehoben sind. Die Dekoration konzentriert sich meist auf die Portal- und Giebelbereiche.
Solche öffentlich hervorgehobenen Bauten sind z. B. die Spitäler, die im Mittelalter meist vor der Stadtmauer lagen, jetzt aber auf das Gelände der Stadt geholt werden (oft aufgrund von Stadterweiterungen). Wurden die Kranken im Mittelalter meist von Orden gepflegt, ging die Pflege der Siechen nach der Reformation meist in den Zuständigkeitsbereich der Städte über. Beispiele von Renaissance-Spitälern sind u. a. das Juliusspital in Würzburg?, das Spital in Rothenburg ob der Tauber oder das katholische Spital in Iphofen.
Die Alchemie und die naturwissenschaftliche Forschung führten zur Einrichtung von Apotheken in Städten. Apotheker im Dienst der Stadt bekamen oft die Rathausapotheke gestellt. Aus der Renaissance sind in Lemgo, Einbeck, Gera und Freiberg noch schöne Beispiele solcher Apotheken erhalten.
Auch die Stadt- oder Ratswagen waren ein wichtiger städtischer Bestandteil in der Frühen Neuzeit. Entweder waren sie in das Erdgeschoss des Rathauses integriert oder sie bekamen einen eigenen Bau, um Waren-, Zoll- und Steuerkontrollen durchführen zu können. Schöne erhaltene Beispiele sind die Alte Waage in Leipzig, die Stadtwaage in Bremen und die Ratswaage in Einbeck.
Regional sehr unterschiedlich sind Amtshäuser und Kanzleien der Renaissance. Erhalten sind z. B. der Verwaltungs- und Amtssitz der Herzöge von Pfalz-Zweibrücken in Bad Bergzabern (heute Gasthaus Zum Engel), das Amtshaus in Lüdinghausen oder die Markgräfliche Hofkanzlei in Ansbach?.
Städte, die das Münzrecht und ein Münzgebäude besaßen, veränderten oft gotische Bauten in renaissancistischer Weise. Beispiele sind u. a. die Alte Münze in Lüneburg oder die Alte Münze in Friedrichstadt.
Zur Zeit der Renaissance entstanden in Deutschland die ersten Gasthäuser. Das Haus zum Riesen in Miltenberg von 1590, eine ehemalige Fürstenherberge, gilt als ältestes Beispiel.
Weil man zu Zeiten der Renaissance ausgiebig feierte, baute man dazu besondere Gebäude, die so genannten Hochzeitshäuser, die oft auch andere städtische Einrichtungen umfassten, aber auf jeden Fall so groß waren, dass sie viele Gäste unterbringen konnten. Beispiele sind u. a. das Hochzeitshaus in Fritzlar und das Hochzeitshaus in Hameln.
Besonders wichtig waren in den Städten auch die Großbauten von Kaufmannsgilden und die Zunfthäuser von Handwerksgilden. Die Kaufmannsgilden-Häuser dienten als Kontaktstellen zwischen den Kaufleuten und den Kleinproduzenten und waren Gebäude, in denen sich verschiedene Funktionen überlagerten (Gesellschaftsräume, Verkaufsstellen, Stapellager). Ein besonders schönes Zunfthaus steht noch in Hildesheim (Knochenhaueramtshaus) und auch Stuttgart hat mit dem Stiftsfruchtkasten ein herzeigbares Zunfthaus am Schillerplatz.
Weitere Typen von öffentlichen oder gewerblichen Bauten waren Kornhäuser, Lagerhäuser für Salz, Weinstadel oder Zeughäuser. In der Zeit der Renaissance wurden auch viele Bibliotheken und Schulen eingerichtet, etwas das Gymnasium von Rothenburg ob der Tauber?, das Casimirianum in Coburg?, die Lateinschule in Alfeld oder das Gymnasium bei Sankt Anna? in Augsburg. Die Wirtschaft war nämlich immer mehr auf Menschen angewiesen, die rechnen, schreiben und lesen konnten.
Seltener als Schul- sind Universitätsbauten in der Zeit der Renaissance. Beispiele sind das Juleum in Helmstedt und die katholische Juliusuniversität in Würzburg?, die im Zuge der Gegenreformation gegründet wurde.
Brunnen
Die Renaissance bemühte sich um die Verbesserung der städtischen Wasserversorgung, was viele Brunnenbauten an zentralen Plätzen oder Straßen zur Folge hatte. Wichtige Brunnentypen der Zeit waren runde oder quadratische Wasserkästen sowie Brunnen mit mehreckigem Wasserkasten, die verschieden gestaltete Mittelsäulen aufwiesen. Bedeutende Beispiele solcher Brunnen sind der Marktbrunnen in Hammelburg, der Brunnen auf dem Münsterkirchplatz in Herford, der Brunnen auf dem Neumarkt in Oschatz, der Marktbrunnen in Trier und die Alte Wasserkunst in Wismar. Einen herausragenden künstlerischen und technischen Wert haben die Monumentalbrunnen?, die in der Maximilianstraße in Augsburg aufgestellt sind.
Renaissance in Augsburg
- Salvator mundi von Loy Hering?: Er steht in der Werktagskapelle der katholischen Kirche Sankt Georg und wird als ein Hauptwerk der Bildhauerkunst der deutschen Renaissance angesehen.
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