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Augsburg als Pilgerstation auf dem Weg nach Santiago de Compostela

Der Basisartikel zu diesem Thema stammt von Karl-Heinz von Daumiller?.

Allgemeines

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Santiago de Compostela etablierte sich seit dem 12. Jahrhundert neben Jerusalem und Rom als einer der wichtigsten Wallfahrtsorte der Christenheit. Nach der Legende soll Jakobus, der ältere Bruder des Evangelisten Johannes, das Heilige Land verlassen haben und in Iria Flavia in Asturien (heute El Padrón in Galizien) missioniert haben.

Nach seiner Rückkehr nach Judäa erlitt er den Märtyrertod durch Enthauptung. Die Überführungslegende, wie sie die Legenda aurea des Jakobus de Voragine (Übersetzung von R. Benz, Heidelberg 1955, S. 489-490) wiedergibt, schildert folgende Ereignisse:

„Nach Jakobi Enthauptung nahmen seine Jünger heimlich bei Nacht den Leichnam aus Furcht vor den Juden, legten ihn auf ein Schiff, empfahlen die Bestattung ganz und gar Gottes Weisheit, stiegen dazu und steuerten nicht. Der Engel des Herrn geleitete sie gen Galicien...“

Der Leichnam des Apostels Jakobus landete nach wundersamer siebentägiger Fahrt ohne Navigation an der Küste Galiziens, im Nordwesten Spaniens. Nach Auffindung der sterblichen Überreste wurde der Apostel schließlich in der Nähe seiner früheren Wirkungsstätte bei Iria Flavia bestattet. Das Grab geriet jedoch in Vergessenheit, bis es schließlich im Jahre 813 wiederentdeckt wurde. Bereits 844 soll Jakob bei der Schlacht von Clavijo in Gestalt eines Ritters in das Kampfgeschehen eingegriffen haben und so den Sieg des asturischen Königs Ramiro I. gegen die Mauren ermöglicht haben. Damit wurde der Heilige zur Symbolfigur der Reconquista.

Jakobsverehrung in Augsburg

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Dass auch in Augsburg der heilige Jakob große Verehrung erfuhr, zeigt sich heute noch an Straßennamen und Institutionen wie der Jakobervorstadt, der Jakobskirche, dem Jakoberwall, dem Jakobertor, der Jakoberstraße, der Jakobsglocke der St. Moritzkirche?, dem Paritätische Jakobsstift? mit dem Jakobsgärtchen? oder auch der Jakoberkirchweih?. An die Augsburger Wallfahrtstradition zum heiligen Jakobus erinnert der Name Pilgerhausstraße.

Nach Wolfgang Zorn (650 Jahre St. Jakob: Ein Zentrum für Gläubige und Pilger im Handwerkerviertel, in: St. Jakob 650 Jahre. Eine Kirche und ihr Stadtteil, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob, Augsburg 2005, S. 5) existierte bereits beim Aufkommen der Wallfahrten nach Santiago de Compostela um 1000 ein Treffpunkt für Pilger in Form einer hölzernen Jakobskapelle mit einer Pilgerunterkunft, die jedoch 1080 vom baierischen Herzog Welf IV. zerstört wurde.

Am 24. Juli 1348 beschloss der Stadtrat den Bau einer Jakobskapelle mit Spital für arme Pilger, Reisende und Kranke vor dem Sträfinger Tor? (später Barfüßer Tor?). Drei Pfleger sollten über die Aufnahme entscheiden. Nach Rolf Kießling (St. Jakob und die Jakobervorstadt, in: St. Jakob 650 Jahre, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob Augsburg, Augsburg 2005, S. 14) diente die Kapelle mit Spital als „eine Art Sammelplatz für den oberdeutschen Raum auf dem Weg nach Santiago de Compostela“. Außerdem war der Aspekt sozialer Fürsorge, die sich mit dem der Jakobskapelle in Form des mitgegründeten Spitals verband, sehr wichtig, galt doch die Jakobervorstadt als Wohnort der ärmeren Bevölkerungsschichten, wo es immer wieder zu Unruhen kam.

Jakobuspilger in Augsburg

Allerdings lag Augsburg an keiner der großen Pilgerrouten und wurde auch in den mittelalterlichen Pilgerführern nicht erwähnt (vgl. Franz Häußler, Die Jakober Kirchweih, Vorstadt-Fest mit ungewisser Frühgeschichte, in: St. Jakob 650 Jahre, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob Augsburg, Augsburg 2005, S. 18). Doch sollen Pilger aus Osteuropa, die entlang der Donau flussaufwärts wanderten, spätestens bei Donauwörth den Weg nach Augsburg genommen haben (vgl. Jakobuspilgergemeinschaft Augsburg e.V., in: Warum über Augsburg?).

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1355 ließ einer ihrer ersten Pfleger, der Patrizier Ulrich Ilsung?, die Jakobskapelle durch eine steinerne Kirche ersetzen und dotierte sie mit 300 Pfund für eine Kaplanei zur Abhaltung von Gottesdiensten (Trometer, Johann, Das Augsburger Pilgerhaus, Diss. Augsburg 1997, S. 28). Ein Mitglied dieser Patrizierfamilie, Sebastian Ilsung?, zog 1446 zum Jakobsheiligtum in Spanien und berichtete in schriftlicher Form über seine Fahrt:

„Hier ist zu merken und zu wissen die große Reise zum Herrn Sankt Jakob und zu dem finsteren Stern und die Länder, die ich, Sebastian Ilsung, alle durchzogen habe, alles auf meine eigenen Kosten […] Hier soll man wissen, dass ich, Sebastian Ilsung, von Augsburg am 11.04.1446 ausgeritten bin.“ (Honemann, V. (Ed.), Sebastian Ilsung als Spanienreisender und Santiagopilger, in: Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte, Hg. K. Herbers, Tübingen 1988, S. 81, zitiert nach: Museumspädagogisches Zentrum München (Hrsg.), Auf alten Wegen Europa entdecken, München 1992, S. 42)

1440 stiftete das Kramerehepaar Konrad und Afra Hirn zwischen zwei Lechkanälen (heute Bauerntanzgässchen 6) ein Pilgerhaus mit vier Betten für mittellose Pilger mit folgender Maßgabe:

„wer darein kombt und durch gott pittet umb herweg, dem soll man beherwergen ain nacht oder zwö ungefahrlich unnd im mittailen holtz, liecht und saltz und das geliger, und was ain jedlicher arm mensch hinein pringt, das soll im der wirrt, der darinnen ist [...] kochen willigklich“ (Trometer a.O. S. 22).

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Neben schriftlichen Belegen für die Hirnsche Stiftung existierten einige Gedenksteine, die früher in der Gartenmauer der noch heute bestehenden Gastwirtschaft Zum Bauerntanz eingelassen waren und angeblich noch 1879 Zeugnis von ihr gaben. Ursprünglich waren sie über dem Eingang zum Pilgerhaus angebracht. Auf einem war der heilige Jakob mit Pilgergewand und –zeichen abgebildet, auf einem anderen das Hirnsche Familienwappen (Trometer a.O. S. 29) und darunter die Inschrift: "und hat gestift cunrat hiren und affra sein virtin den got genädig anno dmimccccxxxx".

Übrigens stiftete das Ehepaar Hirn auch die Goldschmiedekapelle in der St. Annakirche, in der ein gotisches Fresko Jakob den Älteren und ein anderes einen Pilgerzug zeigt. Ihr Grabmal im Augsburger Dom? ziert die Figur des Heiligen Jakob mit dem Pilgersymbol der Muschel.

Durch den im 16. Jahrhundert erfolgten Rückgang des Wallfahrtwesens wurde das Pilgerhaus immer mehr zum Krankenhaus. Da das Hirnsche Pilgerhaus allmählich die steigende Zahl von Kranken nicht mehr aufnehmen konnte, erfolgte 1586 durch eine Stiftung des Augsburger Patriziers Martin Zobel? der Umzug des ehemaligen Pilgerhauses in ein größeres Gebäude mit 70 Betten am Mittleren Graben, das sog. Zobelsche Pilgerhaus. Als eine Art Filiale des Pilgerhauses am Bauerntanzgässchen wurde außerdem 1561 für auswärtige Kranke das sog. Nothaus an der Vogelmauer? errichtet.

Auch das Augsburger Domkapitel? nahm sich der Regelung des Pilgerwesens an. Walter Pötzl (Die Sorge des Augsburger Domkapitels um die Pilger 1600-1620, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1982, S. 1-15) konnte zeigen, dass Pilgern zur Unterstützung 12 Kreuzer zugewendet werden sollten, Geistlichen und Ordensleuten 1 fl., eine Gabe, die auch die Bezeichnung „Steuer“ oder „Viaticum“ trägt.

Was die Berufe der Pilger betrifft, finden sich im Zeitraum von 1600 bis 1620 wenig ergiebige Hinweise. Unter den 22 namentlich genannten Pilger (neben den zahlreichen ungenannten) werden in den Unterlagen des Domkapitels? folgende Angaben gemacht: 1 Wirt, 1 Musiker, 1 Soldat, 5 Studenten, 1 Magister philosophiae, 38 Kleriker und Mönche, 5 bzw. mit Begleitung 8 nobiles.

Als Ziel der Pilger taucht in den Aufzeichnungen des Domkapitels? Santiago de Compostela (bzw. St. Jakob) 13 mal auf, am häufigsten wird Rom angegeben (39 mal).

Natürlich ist es schwierig, genaue Zahlen der in Augsburg nächtigenden Pilger zu ermitteln. Trometer (a.O. 25 ff) konnte für das ausgehende 17. Jahrhundert an Hand der sog. „Thor-oder Licenzzettel“, d.h. Erlaubnisscheine, die einreisenden Pilgern“ ausgehändigt wurden und die zur Beherbergung von ein oder zwei Nächten im Pilgerhaus legitimierten, einige detaillierte Angaben machen. 1662, 1665 und 1711 hatte der Rat beschlossen, zur Eindämmung des überhand nehmenden Bettlerwesens mit Tor– oder Erlaubnisscheinen das Betreten der Stadt strikt zu kontrollieren. Dabei mussten Angaben zur Herkunft, zum Aufenthaltzweck in der Stadt und dem Ziel der Wallfahrt gemacht werden und Legitimationspapiere vorgewiesen werden. 1729 konnten Pilger nur noch durch das Klinkertor? Einlass erhalten: Für drei Halbjahre (jeweils für den Zeitraum vom 29. September bis 23. April) der Jahre 1668/69, 1692/93 und 1697/98 haben sich Erlaubnisscheine erhalten, die Rückschlüsse auf die Besucherfrequenz bzw. Nächtigung im Pilgerhaus zulassen. Folgende Werte liegen vor (Trometer a.O. 27):

  • 1668/69: 69 Pilger (im Durchschnitt 11 pro Monat)
  • 1692/93: 83 Pilger (im Durchschnitt 14 pro Monat)
  • 1697/98: 128 Pilger (im Durchschnitt 21 pro Monat)

Diese Zahlen belegen deutlich den Rückgang des Pilgerwesens zu dieser Zeit, denn nicht einmal im Halbjahr 1697/98, das die höchste Besucherfrequenz aufweist, ersuchte jeden Tag ein Pilger um Aufnahme. Gründe für den drastischen Rückgang liegen zum einen in der protestantischen Kritik am Pilgerwesen. So unterzog Martin Luther die Jakobslegende scharfer Kritik:

„Wie er [Jakobus] in Hispaniam kommen ist gen Compostel, da die groß walfahrt hin ist, da haben wir nu nichts gewiß von dem: etlich sagen, er lig in frankreich zu Thalosa, aber sy seind jrer sach auch nit gewiß. Darumb laß man sy ligen und lauff nit dahin, dann man waißt nit ob sant Jacob oder ain todter hund oder ein todts roß da ligt [...] laß raisen wer da will, bleib du dahaim“ (zitiert nach Altmann, Werner, Der Camino de Santiago: Pilgerpfad zwischen Legende und Sport, in: St. Jakob 650 Jahre, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob Augsburg, Augsburg 2005, S. 25).

Hinzu kam die dramatische Verarmung weiter Bevölkerungsschichten mit einer Zunahme obdachloser Bettler und Reisender, die sich nur Nächtigungen in den Fremdenherbergen leisten konnten. Die städtischen Behörden begannen zur Bekämpfung des Missbrauchs der Pilgerherbergen durch Bettler die Pilgerhospize immer mehr in Stätten sozialer Fürsorge, wie z. B. Pflegehäuser für Kranke, umzuwandeln. So wurde das Pilgerhaus am Vorderen Lech in ein Krankenhaus umgewandelt und später nach seiner Verlegung an den Mittleren Lech mit 70 Krankenbetten ausgestattet. So war die Beherbergung frommer Pilger, die früher als selbstverständliches christliches Werk gesehen wurde, „fast zu einem Element der Fürsorge im Bereich der Problem- und Randgruppen geworden“ (Trometer a.O. 27).

In den letzten Jahren erfuhr die Pilgerfahrt nach Santiago einen ungeheuren Aufschwung. 1987 wurde die Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft e.V. mit Sitz in Aachen zur Förderung der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, der europäischen Zusammenarbeit durch Erfahrungsaustausch und der wissenschaftlichen Untersuchung der Jakobswallfahrt gegründet. Pilgerwege wurden, oft auf den historisch belegten Routen, beschildert und werden mit großem Engagement gepflegt. Auch von Augsburg aus können fromme Pilger auf zwei Wegen die Reise nach Santiago antreten. Der Westweg verläuft über Oberschönenfeld?, Babenhausen?, Grönenbach?, Altusried? nach Buchenberg? und dann zum Bodensee, der Ostweg über Reinhartshofen?, Türkheim?, Bad Wörishofen? und vereinigt sich in Grönenbach? mit dem erst genannten. Die gesamte Wegstrecke von Augsburg ab Jakobsplatz nach Santiago de Compostela beträgt 2103 Kilometer (Altmann a.O. S. 25), andere Schätzungen setzen bis zu 2500 Kilometer an.

Verwendete Literatur

  • Altmann, Werner, Der Camino de Santiago: Pilgerpfad zwischen Legende und Sport, in: St. Jakob 650 Jahre, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob Augsburg, Augsburg 2005, S.24-27)
  • Augsburger Stadtlexikon, Augsburg 1982, hrsg. von G. Grünsteudel, G. Hägele und R. Frankenberger
  • Bottineau, Yves, Der Weg der Jakobspilger, Bergisch Gladbach 1987 (dt. Ausgabe)
  • Häußler, Franz, Die Jakober Kirchweih. Vorstadt-Fest mit ungewisser Frühgeschichte, in: St. Jakob 650 Jahre. Eine Kirche und ihr Stadtteil, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob, Augsburg 2005, S. 18-22)
  • Honemann, V. (Ed.), Sebastian Ilsung als Spanienreisender und Santiagopilger, in: Deutsche Jakobspilger und ihre Berichte, Hg. K. Herbers, Tübingen 1988, S. 81
  • Kießling, Rolf, St. Jakob und die Jakobervorstadt, in: St. Jakob 650 Jahre, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob Augsburg, Augsburg 2005, S.13-17
  • Museumspädagogisches Zentrum München (Hrsg.), Auf alten Wegen Europa neu entdecken, München 1992
  • Pötzl, Walter, Die Sorge des Augsburger Domkapitels um die Pilger 1600-1620, in: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1982, S. 1-15
  • Trometer Johann, Das Augsburger Pilgerhaus, Diss. Augsburg 1997, 2 Bde.
  • Voragine, Jakobus de, Legenda aurea, übers. von R. Benz, Heidelberg 1955
  • Zorn, Wolfgang, Augsburg. Geschichte einer deutschen Stadt, Augsburg 1972
  • Zorn, Wolfgang, 650 Jahre St. Jakob: Ein Zentrum für Gläubige und Pilger im Handwerkerviertel, in: St. Jakob 650 Jahre. Eine Kirche und ihr Stadtteil, hrsg. vom Pfarramt St. Jakob, Augsburg 2005, S. 5

Weblinks


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