Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de


Hauptseite | Bevölkerung und Politik | Ehrenbürger | Pemper, Mietek


Pemper, Mietek (eigentlich Mieczyslaw)

Ehrenbürger der Stadt Augsburg seit 2007 und Jude hinter Schindlers Liste.

Leben

Kindheit und Jugend

Mietek Pemper wurde am 24. März 1920 in Krakau, Polen, in eine jüdische deutsch-polnische Grenzlandfamilie hineingeboren. Die Familie war in Krakau schon lange verwurzelt, nur die Mutter des Vaters kam aus Breslau. Geheiratet haben die Eltern Jakob und Regina 1918, nachdem Jakob aus der österreichischen Armee entlassen worden war. Die Familie sprach sowohl polnisch wie deutsch. Krakau gehörte bis zum Ende des 1. Weltkriegs zu Österreich-Ungarn. Nach dem 1. Weltkrieg wandte man sich in Krakau der slawischen Kultur zu, was der Grund war, warum die Eltern ihren Sohn Mieczyslaw, "Der mit dem Schwert Ruhm errang" nannten. Da die Familie assimiliert war, verzichtete man auf einen jüdischen Namen. Die Familie lebte vom Agrarhandel und lebte mit dem Großvater väterlicherseits im Stadtteil Podgorze.

Als Kind war Mietek Pemper zerbrechlich und kränklich. Als Linkshänder galt er darüber hinaus als behindert. So versuchte er immer das Richtige zu tun und war sehr beherrscht. Mit 7 Jahren begann er den Geigenunterricht, schon früh interessierte er sich für Geschichte und Politik. Das war auch die Zeit, als die Familie in ein Mietshaus auf der anderen Weichselseite der Stadt zog, wo es nur wenige Juden gab. An der Schule hatte Mietek deshalb kaum jüdische Freunde, er lernte leicht, baute eine deutsche Bibliothek auf und gab ab 1936 eine Schülerzeitung heraus.

An der Krakauer Universität

Nach seiner Hochschulreife begann er 1938 in seiner Heimatstadt mit dem Studium der Rechtswissenschaften und der Betriebswirtschaft, das aber jäh abgebrochen wurde, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Rechtswissenschaften studierte er bis zur Schließung der polnischen Hochschulen durch die Deutschen im Jahr 1939 an der Jagiellonen-Universität, Betriebswirtschaft an der Hochschule für Ökonomie, Betriebswirtschaft und Rechnungswesen, die in dem Krakauer Viertel lag, wo sich die deutschen Besatzer am liebsten einquartierten. An der Jagiellonen-Universität erlebte Mietek Pemper zum ersten Mal die Diskriminierung von Juden, schrieb dort doch der Rektor 1938 vor, dass Juden zwingend bestimmte Bänke bei Vorlesungen benutzen mussten, weshalb Mietek Pemper und andere jüdische Mitstudenten demonstrativ standen, was ihnen ein Disziplinarverfahren und einen Eintrag ins Studienbuch einbrachte.

Besetzung Krakaus durch die Deutschen

Krakau war für die Nazis eine "urdeutsche" Stadt, weshalb es beim Polenfeldzug kaum bombardiert wurde und die Infrastruktur erhalten blieb. Der Generalgouverneur Dr. Frank ließ sich auf der Königsburg Wawel in Krakau nieder. Weil ihn seine Breslauer Großmutter mit der deutschen Sprache vertraut gemacht hatte, benannte die jüdische Gemeinde in Krakau Mietek Pemper als Übersetzer für den Schriftverkehr mit den deutschen Besatzungsbehörden.

Die Deutschen führten in Polen die Unterscheidung zwischen „reichsdeutsch“ und „volksdeutsch“ ein. Wer deutsche Vorfahren nachweisen konnte, erhielt als Volksdeutscher berufliche Vorteile und Erleichterungen im Alltag. Als Jude kam Mietek Pemper nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen zunächst nach Krakau-Plaszów, das erst Arbeitslager, dann Konzentrationslager war. Dort musste er von März 1943 bis September 1944 für den grausamen Lagerkommandanten SS-Hauptsturmführer Amon Göth als Sekretär und Stenograph arbeiten. Jeden Tag war er mehrere Stunden mit Amon Göth zusammen, der ihn jederzeit ohne Begründung hätte erschießen können. Wie grausam dieser Amon Göth war erzählt Mietek Pemper oft vor Schülern: „Während er mir diktiert, sieht Göth in den Außenspiegel an seinem Fenster. Damit konnte er das Gelände vor der Baracke überblicken. Plötzlich steht er auf, nimmt ein Gewehr und öffnet das Fenster. Ich höre Schüsse, dann Schreie. Dann kommt Göth zum Schreibtisch zurück und fragt: Wo waren wir stehen geblieben?“

Während dieser Zeit kam er mit dem Fabrikanten Oskar Schindler zusammen und gab sein Wissen an ihn weiter. Oskar Schindler betrieb die „Deutsche Emailwarenfabrik“ in Krakau und setzte seit Sommer 1940 Juden aus dem Lager ein. Nach dem Polenfeldzug quittierte er seinen Dienst bei Canaris´ Spionageabwehr und kaufte in Zablocie bei Krakau eine Emailewaren-Fabrik, die bankrott war. Er benannte sie um und belieferte die Wehrmacht mit Kochtöpfen. Im März 1943 konnte er es sogar durchsetzen, dass die Juden, die für ihn in der Fabrik arbeiteten, in einem eigenen Barackenlager an der Fabrik untergebracht wurden. So konnte er sie medizinisch betreuen lassen und Lebensmittel auf dem Schwarzmarkt für sie kaufen.

Mietek Pemper ging davon aus, dass er selbst von Amon Göth umgebracht würde, weil er durch seine Arbeit auf der Kommandantur zu viel wusste. Er las einen Geheimbrief an Amon Göth des Inhalts, dass ab 1944 nur noch „siegentscheidende“ Betriebe Zwangsarbeiter bekommen. Diese Information gab er an Oskar Schindler weiter, der daraufhin seine Fabrik zum Teil von der Geschirrherstellung auf die Herstellung von Rüstungsgütern (Granathülsen) umstellte. Oskar Schindler war zwar ein deutscher Nationalist, doch für den wahnhaften Antisemitismus und den Menschenhass der Nazis hatte er nur Verachtung übrig - und leistete auf seine Weise Widerstand.

Amon Göth wurde im Herbst 1944 verhaftet. Grund: Er hatte viele der Wertsachen, die man den Juden bei der Einweisung ins Lager abnahm, nicht an die Reichsbank in Berlin weitergegeben, sondern für sich abgezweigt. Nun übernahm Oskar Schindler auch Mietek Pemper für seine Fabrik in Brünnlitz, die neben emaillierten Kochtöpfen auch Rüstungsgüter produzierte. Krakau-Plaszów war Anfang 1944 in ein Konzentrationsstammlager umgewandelt und einige Monate vor Kriegsende als Filiallager von Auschwitz nach Brünnlitz bei Zwittau verlegt worden.

Umzug nach Brünnlitz

Normalerweise hätte das den Tod der bei Oskar Schindler beschäftigten Juden bedeutet, doch der argumentierte, er könne den „kriegsentscheidenden“ Betrieb nur weiterführen, wenn er die eingearbeiteten Juden mitnehmen dürfe. An der Zusammenstellung der Unterlagen, die dem für die Genehmigung zuständigen Heeresbeschaffungsamt zugesandt wurden, war Mietek Pemper beteiligt. Diese Unterlagen waren im Grunde die berühmte Liste Schindlers. Zusammen mit Mietek Pemper erstellte Oskar Schindler jene Liste, die rund 1.200 jüdische Männer, Frauen und Kinder umfasste, die in seinen "kriegsentscheidenden" Werken arbeiteten. Die Tatsache, dass diese Juden auf "Schindlers Liste" standen, rettete sie vor der Vernichtung durch deutsche Mörderhände. Mietek Pemper tippte Oskar Schindlers „Liste“, also die Aufstellung der Juden, die der Geschirrproduzent Oskar Schindler als Zwangsarbeiter anforderte – um sie zu retten. Das Heeresbeschaffungsamt genehmigte den Umzug der „Schindler-Juden“ nach Brünnlitz.

Mietek Pemper überlebte die Lagerhaft und wurde am 10. Mai 1945 von der Roten Armee in Brünnlitz befreit. Auch seine Eltern und sein Bruder kamen mit dem Leben davon.

Die erste Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg und seiner Befreiung muss sich Mietek Pemper zunächst einer psychologischen Therapie unterziehen, um mit den schrecklichen Erlebnissen fertig zu werden. Der Arzt riet ihm zu studieren, zu arbeiten und nicht zu denken, was Mietek Pemper so gut es ging tat.

So nahm er in Krakau sein Studium wieder auf und studierte Ökonomie, die er 1947/48 abschloss, und Soziologie, pflegte seine kranke und halbseitig gelähmte Mutter, war Dolmetscher und Zeuge bei polnischen Kriegsverbrecher-Prozessen, darunter auch Hauptzeuge gegen Amon Göth. In diesem Prozess stellte sich heraus, dass er der einzige jüdische Stenograph war, den je ein KZ-Lagerkommandant hatte. In den nachfolgenden Auschwitz-Prozessen 1947/48 wurde Professor Johann Paul Krämer angeklagt. Er war SS-Arzt in Auschwitz und hatte in seinem Tagebuch die Ermordungsmaschinerie aus der Innensicht eines Beteiligten dokumentiert. Trotz starker Gewissenskonflikte unterstützte Mietek Pemper das Gnadengesuch Krämers, womit er das wichtige Tagebuch-Dokument anerkannte, das die infernalische Existenz von Auschwitz für die Welt aufbewahrt.

Nach dem Tod seiner Mutter kam Mietek Pemper 1957 zunächst zu den Resten seiner Familie nach München, von wo es langsam mit ihm bergauf ging.

Wohnort Augsburg

1958 ließ sich Mietek Pemper nach seiner Auswanderung aus Polen als Unternehmensberater in Augsburg nieder. Erst viele Jahre später konnte er über die Grausamkeiten, die er im Konzentrationslager erlitten hatte, sprechen. Irgendwann wurde ihm bewusst, dass er sich an die Jugend wenden musste, um solche Ereignisse in der Zukunft zu verhindern. Und so begann er vor allem Vorträge für Jugendliche zu halten und bei ihnen das Bewusstsein für die Verbrechen ihrer Großeltern wachzuhalten. Sein Ziel dabei war immer, junge Menschen politisch und menschlich zu sensibilisieren und sie auf den Weg der Versöhnung und des Friedens zu führen. Honorare für seine Vorträge spendete er meist gemeinnützigen Organisationen.

Soziologie studierte er, um zu verstehen, wie Menschen Mörder werden und alle Hemmungen ablegen konnten. Doch eine Antwort auf seine Frage hat er nicht gefunden.

In Augsburg ist Mietek Pemper auch gestorben: am 7. Juni 2011 im Alter von 91 Jahren.

Das Verhältnis zu Oskar Schindler

Bis 1974 traf Mietek Pemper seinen Retter Oskar Schindler noch oft und musste mitansehen, wie dessen schillerndes Leben allmählich im Bankrott und im Schnaps endete. Oft unterstützte ihn Mietek Pemper, der in Augsburg ein erfolgreicher Unternehmensberater war, mit Geld. Die Hilflosigkeit des Retters machte ihn oft fassungslos, so etwa, als er 1961 erfuhr, dass Oskar Schindler den Goldring, den ihm einige gerettete Juden aus der Goldbrücke eines Leidensgenossen gefertigt hatten, in Schnaps umgesetzt hatte.

Schindlers Liste als Buch und Film

Thomas Keneally beschrieb die historischen Ereignisse um Amon Göth, Oskar Schindler, Mietek Pemper und die „Schindler-Juden“ in seinem 1982 erschienenen Sachbuch "Schindlers Liste", das die Vorlage für den gleichnamigen Spielfilm von Steven Spielberg im Jahr 1993 war. Mietek Pemper war während der Dreharbeiten zu diesem Film der wichtigste Berater von Steven Spielberg.

Durch die Arbeit mit Steven Spielberg und die Fragen, die ihm die Reporter im Gefolge von Spielberg stellten, erkannte Mietek Pemper, dass sich einfach niemand vorstellen kann, was in den KZ wirklich passierte. Bis dahin hatte er wenig über seine Erlebnisse gesprochen, doch war die Mitarbeit an dem Film der Auslöser, dass er langsam seine Scheu vor der Öffentlichkeit aufgab und anderen, vor allem jungen Menschen Zeugnis gab.

Wirken

Seit seiner Mitarbeit an dem Film „Schindlers Liste“ gilt Mietek Pempers Einsatz der Versöhnung zwischen Deutschen und Juden. Immer wieder bringt er zum Ausdruck, dass er die Deutschen nicht hasst, dass es keine allgemeine deutsche Schuld an den Verbrechen der Nazis gibt, sondern Schuld immer nur auf der individuellen Ebene gefunden werden kann.

In vielen Vortragsveranstaltungen berichtet er in seinen späteren Jahren über seine Erlebnisse, entweder im Rahmen der Gesellschaften für deutsch-israelische und christlich-jüdische Zusammenarbeit oder im Rahmen von Vorträgen an Universitäten, Schulen oder politischen Stiftungen. Trotz seines persönlichen Schicksals zeichnet er ein differenziertes Bild der Jahre nach 1939, worin sich menschliche Größe zeigt. Knsbesondere der Jugend will er einen - soweit möglich - objektiven Eindruck der Wirklichkeit und der Leiden der Juden in den Kriegsjahren wie der (seltenen) Zeichen der Humanität in einer Welt der Inhumanität geben. So will er zu ihrer politischen und menschlichen Sensibilität beitragen und den Weg zur Versöhnung zu bahnen. In seinen Augsburger Jahren hat er so dazu beigetragen, dass aus der Auslöschung der deutschjüdischen Gemeinschaft durch die Nazis die Hoffnung auf eine deutsch-jüdische Versöhnung erwuchs.

Manchmal erzählt Mietek Pemper auch im Fernsehen oder im Radio, wie sorgfältig und geduldig die Rettungsaktion über viele Jahre durchgeführt werden musste und dass sie jederzeit hätte schief gehen können.

Auszeichnungen

2001 wurde Mietek Pemper akademischer Ehrenbürger der Universität Augsburg. Begründung: seine Bereitschaft erlittenes Unrecht zu verzeihen sei beispiellos und seine Verdienste für die deutsch-polnische und chritlich-jüdische Versöhnung hervorragend.

2002 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

2003 verlieh ihm die Stadt Augsburg die Medaille "Für Augsburg"?.

2007 wurde Mietek Pemper aufgrund seines vom Frieden geprägten Lebenswerkes Ehrenbürger der "Friedensstadt" Augsburg.

Veröffentlichungen

  • Der rettende Weg, Schindlers Liste - die wahre Geschichte, Hamburg 2005

Weblinks


Hauptseite | Bevölkerung und Politik | Ehrenbürger | Pemper, Mietek


Korrekturen? Ergänzungen? Schreiben Sie an stoebener@augsburg-wiki.de




FacebookTwitThis
Pin ItMister Wong