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Kittel, Ingo-Wolf
Ärztlicher Psychotherapeut und Gründer des Diskussionskreises "Philosophisches Cafés Augsburg-Schwaben" (PCAS)
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Biographische Grundzüge
Ingo-Wolf Kittel wurde am 24.Oktober 1945 im westfälischen Gütersloh geboren, just "an dem Tag, als die Charta der Vereinten Nationen in Kraft trat", bemerkt er gerne im Zusammenhang mit seiner Moderation des von ihm initiierten Kreises: Wie bei der UNO kommen auch hier Menschen friedlich und zu ihrem gegenseitigen Nutzen zusammen.
Seine Eltern stammten aus Oberschlesien und hatten sich im letzten Kriegsjahr nach Westen retten können. Von 1949 bis 1958 wuchs er in Hagen auf, dem "Tor zum Sauerland". Zwei Brüder gehörten noch zur Familie und eine Schwester, die heute in Pfersee wohnt, während ein Bruder und die Eltern schon verstorben sind, als letzte die 85jährige Mutter im November vergangenen Jahres hier in Augsburg. Im zerbombten Hagen spielte er in Ruinen, sah den Maurern beim Wiederaufbau zu und träumte damals davon, Baumeister zu werden.
Daraus wurde nur nichts. Nach der 6. Klasse Volksschule kam er in das "Canisius-Konvikt" nach Ingolstadt an der Donau zu einem Cousin in der "Kistn", wie das Internat von den damals gut 250 Insassen genannt wurde, ein ehemaliges Jesuitenkolleg, das auch mal als Kaserne diente. Neun Jahre lang besuchte er von hier aus das humanistische Reuchlin-Gymnasium, in der Oberstufe einmal auch einen Leistungskurs in moderner Physik am naturwissenschaftlichen Scheiner-Gymnasium.
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Bis zu seinem Abitur hatte er sich nämlich für ein Medizinstudium entschieden. Das startete er 1967 in Erlangen, geriet in die berühmte Studentenbewegung jener Jahre und nach Frankreich, wo er in der Augsburger Partnerstadt Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, mit einem Austauschstipendium sogar ein Jahr lang studieren konnte. Doch es war zwei Jahre später in der Mensa in Erlangen, dass er seine Exfrau, eine französische Deutschstudentin aus Paris, kennenlernte. Drei Töchter gingen aus dieser Verbindung hervor, von denen heute eine in Heidelberg und zwei in Berlin leben.
Über Ingo-Wolf Kittels psychologisches und philosophisches Zusatzstudium, seine Facharztausbildung zum Psychiater und Psychotherapeuten in Wiesbaden, Freiburg und Heidelberg sowie seine Praxisgründungen in Mannheim und 1996 bei uns in der Römer- und Fuggerstadt informiert das Augsburg-Wiki ausführlicher hier.
"Philosophisches Café Augsburg-Schwaben"
Ein Jahrzehnt später gab er nach dem Vorbild des französischen Philosophen Marc Sautet, der 1992 im Bistro "Café de Phares" am Place de la Bastille in Paris erstmals zu öffentlichen philosophischen Diskussionen eingeladen hatte, bei "Heilmeier's" in Stadtbergen den Impuls, für's Schwabenland noch einmal zu versuchen, eine gleichartige Gelegenheit zu schaffen.
Bis dahin hatten in ganz Europa begeisterte Nachahmer von Sautet "Philosophische Cafés" aller Art gegründet, oft in Vereinsform oder als Vortragsveranstaltung, wie dies ein professioneller Philosoph aus Esslingen mal in Augsburg versucht hatte. Kittel's Idee war, das PCAS, das "Philosophische Café Augsburg-Schwaben" als einen von den Teilnehmern selbst getragenen und damit selbstbestimmten Diskussionszirkel zu konzipieren, ein gewagtes Experiment: jeder Einzelne ist damit für sein Gelingen mit verantwortlich ohne zu irgendetwas gar finanziell verpflicht zu sein oder andere Voraussetzung einbringen zu müssen. Schwaben und Zugereiste aus Augsburg und Umgebung, selbst aus Neuburg und von noch weiter weg haben in den vergangenen fünf Jahren gezeigt, dass sie dazu imstande sind.
Ingo-Wolf Kittel hat lange in der Augsburger Frauentorstraße gelebt und gearbeitet. Seit Januar 2011 wohnt und praktiziert er in der Bahnhofstraße?. Hier hat er Benny und Berto, die ihn im Ristorante "Stella Maris" gegenüber seiner alten Praxis über Jahre immer wieder bestens bedient hatten, gleich nebenan als Besitzer des Restaurants "La Villa" im Siemssen-Jugendstilhaus wiedergetroffen: die beste Gelegenheit, sich dort zum Gespräch beim Essen zu verabreden. Wird doch dabei, wie Ingo-Wolf Kittel sagt, wie bei den Treffen des PCAS "Körper und Geist, Leib und Seele angesprochen. Von der Fülle der äußeren Lebenswelt kommt man direkt zum Reichtum der inneren Vorstellungswelt."
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Benny und Berto waren es auch, die ihm ihr Zweitlokal "Passione" nur ein paar Meter weiter in der Bahnhofstraße? für die Treffen des Diskussionskreises angeboten haben, als er ihnen Anfang des Jahres verriet, wegen der immer zahlreicher gewordenen Teilnehmer auf der Suche nach größeren Räumlichkeiten zu sein. Wie passend ist da der Name, das italienische Wort für: Leidenschaft! Braucht es doch Leidenschaft zu hartnäckigem Nachdenken, seine Gedanken gar zur Diskussion zu stellen oder auch nur, sich die anderer anzuhören – in einer interessierten Runde von fünfzig oder mehr Personen, die sich bei jedem Treffen am zweiten Freitag im Monat ein Thema zur Bearbeitung vornehmen.
Ein gemischtes Häufchen Unentwegter trifft sich hier, jeder davon neugierig auf Bereicherung des eigenen Wissens, auf Anregungen zum Nachdenken und vielleicht auch auf neue oder präzisere Erkenntnisse. Hier wird kein Fachjargon gedroschen, von dem man sich schnell erschlagen fühlen könnte. Mitreden kann jedermann und jede Frau kann sich trauen mitzureden. Besserwisser kommen hier nicht zum Zug. Es ist eine offene Runde wacher Menschen, die sich seit 2006 um Ingo-Wolf Kittel schart, der diese philosophischen Diskussionsabende organisiert, gut informiert und diplomatisch moderiert. Er will vorhandenes Interesse schüren, nicht zuschütten.
Besuch eines der Treffen des Kreises
Den Abend zum Thema "Manipulation" im Ristorante "Passione" hat der Schreiber dieser Zeilen besucht, um sich einen Eindruck von der Runde zu machen: Eine Kreidetafel auf dem Fußweg neben dem Aufgang zum Lokal informiert darüber, dass hier das "Philosophische Café" tagt. Es geht über einige Stufen nach oben. Nach und nach treffen die Teilnehmer ein. Ingo-Wolf Kittel hat sich an einen Tisch gesetzt, von dem aus er einen guten Überblick hat. So kann er die Ankommenden bequem begrüßen und mit den beiden Referenten des Abends noch einiges austauschen. Die Gäste bilden zuerst Grüppchen. Viele kennen sich schon. Mit der Zeit füllt sich das Lokal, auch dieses Mal wieder bis auf den letzten Platz. Getränke und Essen werden bestellt, Unterhaltungen setzen ein. Viele gehören zur Stammbesetzung, manche sind neu und erkundigen sich nach dem Ablauf des Abends.
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Irgendwann geht Kittel in die Mitte des Lokals, stellt sich zwischen die Tische und Gäste und zitiert zur Eröffnung des Abends aus dem Buch. "Glanz und Elend der Philosophie" von Stefan Diebitz, der in seinem Schlusskapitel schreibt: "Wenn die These richtig ist, dass es sich bei der Philosophie um ein methodisch reflektiertes ... Denken handelt, dann ist Philosophieren etwas, das buchstäblich jeder kennt, denn jeder denkt mal über Gott und die Welt nach ..." Seinem aufmerksam lauschenden Publikum erklärt Kittel: "Über diesen Text habe ich mich diebisch gefreut, weil ich aus psychologischer Perspektive seit Jahren genau dasselbe sage und schreibe." (siehe hier)
Ungewöhnlich ist, dass an diesem Abend gleich zwei Teilnehmer etwas zur Einleitung in das Thema "Manipulation" vorbereitet haben. Die Erläuterungen des einen ergänzt der andere mit Hinweisen darauf, wie und wo wir heutzutage manipuliert werden können und wie man sich dagegen wehren kann. Zwei Stunden lang geben daraufhin weitere Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu ihre Gedanken in die Runde. Die Themen reichen von Selbstmanipulierung bis Kindererziehung, von TV-Werbung bis zum Lustgefühl im neuen Porsche. Die anwesenden Frauen beschäftigt das Thema vor allem in Bezug auf Erziehung und Beziehung, bei der Gefühle eine wichtige Rolle spielen. Ab und zu werden auch kecke Thesen debattiert. Sachlichkeit überwiegt aber auch hierbei. Hitzköpfigkeit kommt nicht auf. Und ist etwas nicht gleich klar, wird gefragt, wobei hier keinem das Gefühl gegeben wird, dass er sich mit einer dummen Frage womöglich blamiert. Fragen ist erlaubt und sogar erwünscht.
Mancher Blick der Vortragenden geht zum Moderator, der stehend die Wortmeldungen notiert – vor einem Vorhang, dessen senkrechte weiße Steifen wie Strahlen im Hintergrund wirken. Dabei ist Ingo-Wolf Kittel nicht der Mensch, der sich als Philosophie-Star des Abends ins strahlende Rampenlicht zu stellen versucht. Er nimmt sich für die Sache zurück. Nur dann und wann oder wenn die Diskussion ins Schwammige abzudriften droht oder stockt, tritt er selbst in die Mitte und äußert seine Meinung, ergänzt etwas oder fasst zusammen, mehr oder weniger angereichert mit Informationen aus seiner Fachkenntnis heraus, um der Diskussion Anregungen in diese oder jene Richtung zu geben.
Als das Ende des Austausches über das Thema "Manipulation" naht, wird noch darüber beraten, über welches Thema die Runde beim kommenden Treffen diskutieren könnte. Vorgeschlagen werden Philosophie, Tod, Wahrheit und Realität. Also muss abgestimmt werden. Die meisten Hände heben sich für "Wahrheit und Realität". Dieses Mal ist im Unterschied zu sonst auch schnell jemand gefunden, der die Einleitung in dieses Thema beim nächsten Treffen übernehmen wird: Es ist in diesem Fall derjenige, der das Thema vorgeschlagen hat. -
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In einem Interview mit Dieter Walter, dem wiedergewählten Vorsitzenden des Verbands deutscher Schriftsteller in Schwaben-Allgäu verrät Kittel einiges zum Konzept seines Philosophischen Cafés: "Ich wollte eine Gelegenheit schaffen, sich mit anderen über die eigenen Fragen und Resultate eigenen Nachdenkens austauschen zu können, ohne Druck irgendeiner Art, also in aller Freiheit, die es nach der Behauptung mancher Wissenschaftler gar nicht gibt. Unser Kreis ist eine praktische Widerlegung jeder Leugnung von Willensfreiheit."
Welches Wunschthema hat er für das Philosophisches Café? Das Superthema "Bewusstsein" möchte er in Angriff nehmen. Kittel: "Es hat so viele Aspekte, dass Wissenschaftler es neben der Frage nach dem Ursprung der Welt für das größte `Rätsel´ der Erkenntnis halten, obwohl wir es ja jeden Tag aufs Neue erleben – mit jedem Erwachen aus dem Schlaf, wenn wir zu Bewusstsein kommen."
Uneigennützig meint Kittel zur Zukunft des Philosophischen Cafés: "Die Fortführung meiner kleinen Anregung ist allein der Erfolg derer, die sie aufgenommen haben und mittragen, also aller Teilnehmer an diesem Experiment ohne Netz und doppelten Boden. Ich sehe mich durch diesen Erfolg eher in meinen Erfahrungen bestätigt und in meiner darauf beruhenden, offensichtlich realistischen Einschätzung eines der subtilsten Grundbedürfnisse von uns allen ..." -
Zur gegenwärtigen Philosophie
Zum gegenwärtigen Stand der Philosophie in Deutschland und Frankreich befragt meint Ingo-Wolf Kittel: "Bei uns ist Jürgen Habermas nach wie vor aktuell. 2004 erhielt er den weltweit wichtigsten Wissenschaftspreis, den Kyoto-Preis." Selbst schätzt er aus der Tradition der wenig bekannten "Methodischen Philosophie" besonders Peter Janich, dessen öffentliche Kontroverse mit dem Hirnforscher Wolf Singer 2008 in der FAZ ziemliches Aufsehen fand. Philosophen in Frankreich scheinen ihm politisch engegierter zu sein als die hierzulande. Dem komme entgegen, dass "das öffentliche Interesse" für sie traditionell größer ist. "Französische Journalisten sind bereiter als die in Deutschland, Philosophen um ihre Meinung zu diversen Themen zu fragen. In Frankreich herrscht ein lebendigeres intellektuelles Klima. Das erkennt man schon an der Art, wie dort Nachrichten präsentiert werden." Über die Vermittlung der Philosophie in Deutschland und ihre Geltung hierzulande meint er: "Von den Wissenschaftsjournalisten bei uns habe ich den Eindruck, dass die eher naturwissenschaftlich interessiert sind. Philosophisch Gebildete sind selten darunter. Entsprechend einseitig, oder gar nicht wird denn auch über Philosophisches berichtet."
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Zum Foto-Termin wirft sich Ingo-Wolf Kittel lässig in Jeans-Klamotten. Die Songbooks von Bob Dylan und den Rolling Stones, denkt sich der Schreiber dieser Zeilen, stehen also nicht unberechtigt im Buchregal seiner hellen Dachgeschoß-Wohnung hoch über der Augsburger Bahnhofstraße?.
Interessant verwinkelt ist der salongroße Raum mit zwei langen in einer Ecke aufeinandertreffenden Bücherwänden, in dem der Mann mit den munteren Augen hinter seiner randlosen Brille seine Besucher empfängt. Gegenüber schwingt sich eine Wendeltreppe nach oben zu einer Galerie mit dem dort dezent versteckten Büro und zwei kleinen Räumen. Schwärmt Kittel vielleicht deswegen von seiner neuen Wohnung, weil die hölzernen Stufen der geschwungenen Metallkonstruktion den Weg nach oben vom Bauch zum Kopf und Gehirn in die Höhe und Weite symbolisieren? Die Küche ist jedenfalls unten ...
Im Salon vermitteln das große helle Ratansofa vor einem schlichten Nepal-Teppich in tiefen Blautönen mit einem bordeauxroten runden Teetisch, auf dem Magazine liegen, Blumen und immergrüne Pflanzen für Besucher wie Patienten eine entspannte, angenehme Atmosphäre. Die Wände sind weiß und nur mit wenigen Bildern bestückt. So saugt sich der Blick nicht dauernd an irgendwelchen Motiven fest, sondern kann frei herumwandern. Nur auf der Galerie fehlen noch die Hängepflanzen, auf die Ingo-Wolf Kittel seit Monaten wartet...
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Organisatorisches zum Philosophischen Café Augsburg-Schaben (PCAS): Der Diskussionskreis trifft sich jeden zweiten Freitag eines Monats von 19.30 - 22.00 Uhr im Ristorante "Passione" im Zentrum von Augsburg, Bahnhofstr. 21. Er steht allen offen und verpflichtet zu nichts.
Weblink
Wer sich die Mühe macht und den vollen Namen "Ingo-Wolf Kittel" bei einer Internet-Suchmaschine eingibt, der stößt auf viele Spuren des Gründers des PCAS im Internet.
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