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Haindl´sche Papierfabriken

Eine alteingesessene Augsburger Papierfabrik, die von UPM gekauft wurde und unter neuem Namen weiter geführt wird.

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Geschichte

Gründung

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Obwohl es in Augsburg schon im 16. Jahrhundert ein blühendes Buchdruckgewerbe gab, das einen erheblichen Papierverbrauch hatte, entwickelten sich die Papierfabriken nicht so stark wie z. B. die Barchentweberei oder der Kattundruck. Augsburger Drucker wie Schönsperger, Bämler und Sorg besaßen selbst Papiermühlen und so gab es im 15. Jahrhundert in Augsburg schon fast so viele papiererzeugende Betriebe wie zu 19. Jahrhunderts, die sich an einer Hand abzählen ließen.

Wo heute die riesigen Werksanlagen von UPM stehen, stand 1689 schon eine Schleif- und Poliermühle. Diese Mühle am Malvasierbach wurde 1689 in eine Papiermühle umgewandelt. Aus dem Jahr 1783 ist bekannt, dass der Meister Carl Tobias Sieber? diese Mühle besaß und hier Papier herstellte. Schon er nannte sich "Fabrikant", doch dürfte die handwerkliche Herstellung von Papier in seiner Mühle erst mit seinem Sohn an ein Ende gekommen sein. Der nämlich beschaffte sich eine moderne Papiermaschine, die aber seinen wirtschaftlichen Ruin bedeutete.

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Hier sprang Georg I. Haindl zusammen mit dem Regensburger Verleger Friedrich Pustet ein und kaufte am 10. April 1849 den Fabrikbesitz von Sieber. Das war der Beginn der Haindl´schen Papierfabriken. Die stillgelegte Fabrik kostete 41.179 fl.

Mit der Kutsche brauchte man damals zwei Tage, um von der Laber?, wo Georg I. Haindl zuvor tätig war, nach Augsburg zu kommen, das seit 1806 nicht mehr Freie Reichsstadt? war, sondern durch Napoleons Gebietsreform ins Königreich Bayern? eingegliedert worden war. Die junge Familie Haindl begann im Sommer 1849 mit den Renovierungsarbeiten an der Papiermühle am Malvasierbach. Mit sieben Arbeitern begann Georg Haindl die Papierproduktion, die schon eine richtige Papiermaschine hatte, wodurch das Papier nicht mehr mit der Hand geschöpft werden musste. Im ersten Geschäftsjahr konnte man schon 2.192 Zentner Papier herstellen. Das konnte bis 1852 verdoppelt werden. Inzwischen war Augsburg zu einer Industrie-Metropole in Bayern geworden.

Das 19. Jahrhundert

Zu Georg I. Haindls Lebzeiten

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Wirtschaftlich, sozial und technisch war Georg I. Haindl sehr aufgeschlossen. Und so entwickelte sich die Firma prächtig. Die Produktion war hauptsächlich auf Werkpapier, Illustrationspapier und Zeitungspapier ausgerichtet. Verstärkt arbeitete Georg I. Haindl mit Friedrich von Cotta? zusammen, dem Verleger der Zeitung Augsburger Allgemeine. Diese wurde schon seit 1824 mit einer Dampfschnellpresse gedruckt. Cotta besaß auch noch einen Buchverlag.

Auch damals wurde schon verschiedenartiges Papier benötigt. Für Buchdrucker anderes als für Schreiber mit Feder und Tinte. Für Verpackungen anderes als für den Zeitungsdruck. In Absprache mit Cotta spezialisierte sich Haindl auf Papier für Bücher und Zeitungen. Das Geschäft lief gut. Schon im April 1851 konnte Haindl den Anteil von Pustet zurückzahlen. Nachdem Haindl alleiniger Inhaber der kleinen Papierfabrik war, forcierte er ihren Ausbau. Im Juli 1851 erwarb er eine Sägemühle am Stadtbach?. Diese wurde in eine Papiermühle umgebaut. Zum Einsatz kam hier erstmals eine deutsche Papiermaschine von der Firma Dingler in Zweibrücken. Dieser Betrieb wird später als "Mittleres Werk" bezeichnet. Die Produktion von Haindl-Papier stieg durch die Expansion 1856 auf rund 7500 Zentner.

Bald gingen auch die anderen damals in Augsburg existierenden Papiermühlen in dem Betrieb von Haindl auf. Auch im Frühjahr 1857 wurde erweitert. Mit der Gips- und Rändelmühle am Schäfflerbach?. So konnte Haindl mit einer weiteren Turbine seine Wasserkraft verstärken. Das Lager für die Rohware wurde mit modernen Geräten zum Sortieren, Schneiden, Reinigen und Kochen wesentlich verbessert.

Die alten Wasserräder des "Oberen Werks" am Malvasierbach wurden 1864 durch eine moderne Turbinenanlage der MAN ersetzt. Die Holländer-Anlage wurde vergrößert und größere Dampfmaschinen wurden notwendig.

Für eine neue Papiermaschine, die Zeitungspapier für den Rotationsdruck herstellen konnte, wurde eine Halle gebaut. Die Produktion wurde ernorm. Im Jahr des Deutsch-Französischen Krieges, 1870, entstanden im Betrieb von Georg I. Haindl mit rund 15.000 Zentner bereits die doppelte Menge Papier, die im Jahresdurchschnitt von allen anderen Werken in Deutschland hergestellt wurde. Damit wurde die Papiermühle endgültig zu einer Papierfabrik.

1873 stellte der Betrieb als erster in Deutschland so genanntes "endloses" Papier mit der Papiermaschine III her. Es wurde Rollenpapier für den Zeitungsdruck hergestellt. Dieses Papier benötigte man für die von MAN etwa gleichzeitig hergestellte Rotationsdruckmaschine.

Zur Weltausstellung 1873, die am 1. Mai in Wien begann, konnte Haindl Papier für die dort aufgestellte neueste Schnelldruckpresse liefern, was natürlich eine gute Werbung war.

Bei der Hochzeitsfeier seines Sohnes Friedrich mit der Münchner Brauereistochter Anna Sedlmayr im August 1873 brannte ein Feuer die neue Farbrikationshalle ab. Schon während des Löschens des Brandes soll Georg I. Haindl in Absprache mit seinem Sohn Friedrich eine neue Papiermaschine in England bestellt haben.

Als das Deutsche Reich die Ausfuhrzölle für Lumpen aufhob und die Eisenbahn ihre Frachtgebühren für Papier erhöhte, begann es in vielen deutschen Papierbetrieben zu kriseln. Zwischen 1873 bis 1875 mussten 39 Papierfabriken schließen. Haindls Umsatz blieb jedoch stabil. Man verdoppelte die Wasserkraft, indem eine Tuchmacherwalke hinzugekauft wurde.

Am 24. Mai 1876 übergab Georg I. Haindl sein Werk dem ältesten Sohn Friedrich Haindl per Generalvollmacht. Am 11. Mai 1878 verstarb Georg I. Haindl. Clemens Haindl? und Friedrich Haindl, seine beiden Söhne, führten nun die Papierfabrik. Nach dem Tod von Georg I. Haindl erhielt die Fabrik den Namen "Haindl´sche Papierfabriken".

Die Fabrik unter Friedrich und Clemens Haindl

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Die Söhne des Gründers führten nun die Fabrik weiter. Friedrich Haindl, der am 6. August 1849 geboren worden war, kümmerte sich um die kaufmännischen Aufgaben, Clemens Haindl, der am 22. Mai 1854 geboren worden war, wandte sich den technischen Problemen zu. Sie starben 1929/1930. Bis dahin führten sie die Firma sicher durch manche Schwierigkeiten und verbesserten die Papierherstellung durch ihre aus der Praxis gewonnenen Erkenntnisse.

Die beiden Haindl-Söhne Friedrich und Clemens übernahmen im Dezember 1880 die Papiermühle "Ehner und Cie.", gegründet von Ludwig Kilian? am Schäfflerbach?. Aber nicht, um einen Konkurrenten zu beseitigen. Das Papierwerk stellte Verpackungspapier her. Für die Haindls waren das Gelände und die Wasserrechte der Fabrik wichtig, um ihre eigene Produktion steigern zu können. Das Hauptfabrikgebäude wurde erneuert, die Wasserkraft wurde durch moderne Turbinen verdoppelt. Eine neue Papiermaschine mit der Breite von 1.600 mm wurde eingebaut. Diese lief bis 1923. Dazu kam ein neuer Saal für die Holländer. Die Dampfanlage wurde ebenfalls verbessert.

Im Winter 1881 kauften die Haindl-Brüder zwei Häuser der Bäckerei-Genossenschaft sowie den Gerberei-Betrieb auf dem Gelände des neu hinzugekommenen Werks am Schäfflerbach?. Dieses wurde nun als das "Untere Werk" bezeichnet. Durch Verhandlungen mit der Stadt Augsburg wurde die störende Stadtbachstraße? verlegt und es kam 1885 weiteres Gelände zum Werk hinzu. Technisch wurde mit einer Compound-Dampfmaschine aufgerüstet, die eine Leistung von 100 PS hatte. Es folgte ein zweiter Kollergang sowie ein neuer Feucht- und Rollapparat. Damit stieg die Produktion von Haindl-Papier im Jahre 1887 auf rund 50.000 Zentner.

Schon um 1880 konnten die angelieferten Lumpen kaum noch den Rohstoffbedarf der Haindlschen Papierfabriken decken. Eine Ausweitung der Produktion wurde dadurch immer schwieriger. Deshalb begannen die Haindls 1883 ihren Einstieg in eine moderne Papierherstellung ohne alte Stoffreste mit einer Fabrikationsanlage für Zellstoff aus Stroh. Das Ergebnis war nicht überzeugend. Die Brandgefahr mit einem Strohlager war auch zu hoch. 1885 wurde die Anlage für Zellstoff aus Stroh deshalb in eine für Holz umgewandelt. Das wurde möglich durch das neue Sulfitverfahren. Zwölf Pferde mussten den dafür nötigen Kochkessel ziehen. Schwelöfen mit Schwefelkies und Laugentürme wurden eingerichtet. Eine neue Dampfmaschine musste auch her. Völlig neue Methoden waren nun zur Papierherstellung gefragt. Durch Holzschliff konnte mit einer weiteren neuen Methode die Rohstoffmenge vergrößert werden. Diese wurden zuerst aus umliegenden Schleifereien bezogen.

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Um zu einer größeren Menge Holzschliff zu kommen, gründeten die Gebrüder 1889 in Schongau? eine Holzstoff-Fabrik, die den Waldreichtum Oberbayerns, die Wasserkraft des Lechs und die Kohle des nahen Peißenberg? nutzte. Das Schongauer Werk versorgte anfangs das Augsburger Werk mit Holzschliff. Hier konnte viel Holzschliff günstig hergestellt werden. Realisiert werden konnte das Unternehmen erst 1886, nachdem die Eisenbahnstrecke von Landsberg? nach Schongau? eröffnet worden war. Um die nötige Wasserkraft zu haben, musste Haindl mit der Stadt und den Lechflößern passende Vereinbarungen treffen. Der Betrieb in Schongau? nannte sich "Holzstoff-Fabrik Friedrich Haindl & Cie." Neben seinem Bruder Clemens Haindl? hatten auch Fiedrich von Ziegler und der kgl. Oberbaurat Franz Ritter von Brandl, der die Bauleitung übernahm, Anteile an dem Werk.

In der Vorbereitung der Errichtung der Schongauer Fabrik kaufte man 1887 vier Mühlen in Schongau? auf. Dazu eine Hammerschmiede und das Gelände "Wuhranger". Fast alle Gebäude wurden abgerissen. Schon im Dezember 1887 zeigte sich, dass der Lech in Schongau? durch zerstörerisches Hochwasser sehr präsent war. Neue Wasserschutzbauten mussten her. Dabei setzte man schon Beton ein. Nachdem die Wasserschutzbauten standen, konnte im Januar 1888 der Aufbau des Werks Schongau in Angriff genommen werden. Wohnungen für Kontor, Hausmeister und Fabrikherrn richtete man in der ehemaligen Stadtmühle ein. Die ersten Apparaturen waren sieben Langschleifer, zwei Raffneure sowie einige Sortier- und Entwässerungsmaschinen. Die Produktion verrichteten zu Anfang 25 Arbeiter. Offiziell startete die Holzschleiferei in Schongau? am 19. März 1889. Die ersten Waggons mit dem neuen Rohstoff kamen am 1. April 1889 bei den Papiermaschinen im Haindl-Werk Augsburg an.

Das 20. Jahrhundert

Bis nach dem 1. Weltkrieg

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1905 ging man im Zweigwerk Friedrich Haindl & Cie. in Schongau? auch zur Papierherstellung über. Im Jahr 1962 erzeugte diese Fabrik 90 % des gesamten bayerischen Zeitungsdruckpapiers.

Ein wichtiger Schritt in der Firmengeschichte war die Zusammenfassung der drei Augsburger Betriebe an einem einzigen Standort. Dies griffen die Brüder bis zum Jahr 1912 an. Dadurch entstand ein geschlossener Fabrikationskomplex am Wolfbach?, Stadtbach? und Schäfflerbach?, also zwischen Stadtbachstraße?, Georg-Haindl-Straße? und Reischlestraße. Die alte Fabrik von Sieber wandelte man in eine Wohnanlage um.

Die Papierfabrik Haindl vergrößerte sich an zwei Orten nach und nach auf bis zu 600 Arbeiter und Angestellte kurz vor dem 1. Weltkrieg 1914. Die Papierproduktion betrug im letzten Friedensjahr fast 15 Millionen Tonnen. In Schongau? war eine Papierfabrik dazugekommen, in Augsburg eine Holzschleiferei. Das Werk in Augsburg besaß beim Ausbruch des 1. Weltkriegs eine Wasserkraftanlage, eine Baumschälerei, eine Holzschleiferei, eine Dampfkraftanlage, einen Holländer, 5 Papiermaschinen, Werkstätten, eine Kantine, ein Verwaltungsgebäude und Wohnungen.

In Deutschland wurde zu dieser Zeit schon mehr Papier pro Kopf verbraucht als Zucker. Schon damals begann die Globalisierung. Manche riesige und moderne Papierfabriken in den USA konnten preiswerter Papier liefern als europäische Fabriken. Die Vorteile von Technik, Wasserkraft und Rohstoffreichtum überwogen die Nähe der Produktion. Vier Jahre später, 1918, nach dem Kriegsende, brach das Deutsche Reich zusammen. Auch die Wirtschaft.

In der Zeit des 1. Weltkriegs wurden die waffenfähigen Männer eingezogen. Selbst einige Mitglieder der Familie Haindl mussten für das Deutsche Reich kämpfen. Von den Angestellten und Arbeitern in Augsburg und Schongau? mussten zu Beginn des Krieges rund 150 Männer zu den Waffen. Bis 1918 waren über 350 Mann aus der Firma im Krieg, wobei über 50 von ihnen getötet wurden. In dieser Krisenzeit arbeitete Berthold Brecht als Prokurist bei Haindl. Er war der Vater des späteren Autors Bert Brecht, der 1898 in Augsburg an einem Kanal geboren wurde. Berts Bruder Walter wurde übrigens ein bekannter Papier-Experte, der auch ein aufschlussreiches Buch über die Familie Brecht in Augsburg verfasste. Die Brechts wohnten lange in einem Haindl-Haus bei der Kahnfahrt?.

Mit weniger Arbeitern konnte natürlich auch weniger Papier erzeugt werden. Die Papierproduktion Haindls verringerte sich. Fast alles wurde in Deutschland durch den Krieg rationiert. Noch während des Krieges wurden die Söhne Georg II.? und Willy Haindl? samt Friedrichs Schwiegersohn Anton Holzhey?, Direktor der Schongauer Fabriken, als vollberechtigte Teilhaber in die Firma aufgenommen. Sie hieß jetzt "Georg Haindlsche Papierfabirken, Offene Handelsgesellschaft mit dem Sitz in Augsburg". Die Haindl-Mitarbeiter an der Front erhielten von ihrer Firma so genannte "Liebesgaben" zugesandt. Kriegsversehrte, die zu Haindl zurückkamen, erhielten 50 Mark als "Ehrengeschenk". In Schongau? wurde 1915 eine Gärtnerei angelegt, um die Arbeiter mit gesundem Gemüse versorgen zu können. Gekauft wurde das Ökonomiegut Lechau, wo über 20 Kühe zum Melken gehalten wurden. Für die Gefallenen aus dem Schongauer Haindl-Werk wurde ein großes Kreuz aufgestellt.

Noch im Ersten Weltkrieg war die Firmenleitung langsam von der zweiten auf die dritte Familiengeneration übergegangen. Nach 1918 wuchs die dritte Generation komplett in die Aufgaben hinein. Jetzt lenkten Georg II.? und Willy Haindl? die Geschicke der Firma. Im Sommer 1920 konnte das Augsburger Werk die Bäckermühle hinzukaufen und damit das Fabrikgelände an den Stadtbächen ideal vergrößern.

Zwischenkriegszeit

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Im Herbst 1922 verunsicherte eine starke Inflation Deutschland. Im November 1923 wurde die deutsche Währung auf Goldmark umgestellt. Große Arbeitslosigkeit erschütterte das Land. Erst 1925 stieg die Papier-Nachfrage wieder wesentlich. Für die Zeitung "Münchner Neueste Nachrichten" lieferte Haindl damals im Monat 7oo Tonnen Papier zum Bedrucken. 49.066 Tonnen Papier wurden von den Haindl-Fabriken 1927 hergestellt. In Augsburg erhielt einen neue Kessel- und Dampfanlage einen Kamin mit einer Höhe von 106,5 Meter. Zum ersten Mal kam von der AEG eine Hochspannungs-Schaltungsanlage dazu. Mit der Buntweberei Riedinger wurde vereinbart, die von der Weberei nicht genutzte Energie eines 800 kW-Wasserkraftwerkes zu übernehmen. Ein "Stetigschleifer" der Firma Voith wurde aufgestellt. Diese Maschine schaffte gut 40mal mehr als die alte. Der Ausbau des Augsburger Werkes dauerte bis 1928. Den Ingenieuren gelang es, den Pechkohlenstaub aus den Bergwerken in Peiting? und Peißenberg? in den Dampfmaschinen effektiv zu verfeuern. Ende der 1920er Jahre erweiterte man die Kapazitäten durch den Zukauf von Anteilen der Papierfabrik Hegge AG als drittem Standort. Diese Papiermühle in Hegge? an der Iller?, die schon 1543 urkundlich erwähnt wurde, ging als Aktiengesellschaft 1930 fast ganz in den Besitz von Haindl über. Hier wurde eine moderne Elektroschleiferei aufgebaut, die an das Allgäuer Überlandwerk angeschlossen wurde.

Als 1930 der erste Clemens Haindl starb, stiftete sein Sohn Willy der Betriebspensionskasse 15.000 Reichsmark, 3.000 Reichsmark dem Katholischen Waisenhaus, 3.000 Reichsmark der Augsburger Liedertafel?, 1.000 Reichsmark einem Stadtpfarrer für soziale Zwecke und 1.000 Reichsmark den Kapuzinern von Sankt Sebastian.

Viele Zeitungsverbote ergingen nach der Machtergreifung der NSDAP? 1933. Deutschland fiel mit einem Verbrauch von 4,99 kg pro Kopf im Jahr bedrucktem Zeitungspapier auf Platz 13 in der Weltrangliste. Der Papierpreis sank aufgrund von Überproduktion. Das Reichswirtschaftsministerium gab Produktionsquoten vor. Alles wurde nach Plan verteilt. Die Fabriken mussten sich bereits ab 1933 auf den Luftschutz vorbereiten, was auf einen baldigen Krieg hindeutete. Werksfeuerwehren mussten gebildet werden. Bei Haindl in Augsburg waren das 30 ausgerüstete Feuerwehr-Männer. Auch eine Sanitätstruppe wurde aufgebaut. Um Devisen zu bekommen, erlaubte das 3. Reich den Haindl-Fabriken die Ausfuhr von Papier. Mit dem 2. Weltkrieg gingen die Exportgeschäfte natürlich stark zurück. Die Papierlieferungen in besetzte Gebiete galten nicht mehr als Export, sondern wurden beschränkt.

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Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau

Der Zweite Weltkrieg traf das Augsburger Werk schwer. Es waren acht viermotorige englische Bomber, die am 17. April 1942 zum ersten Mal Augsburg angriffen und bombardierten. Ihr Ziel war die Maschinenfabrik MAN, wo Kriegsgerät wie Dieselmotoren für U-Boote hergestellt wurden. Ein Bomber bewarf auch die Haindl-Werke, die sich direkt neben der MAN befanden und als UPM auch heute noch befinden, abends um 19.15 Uhr mit vier Bomben. Damit wurden die Schälerei und das Dampfturbinenhaus in Schutt und Asche gelegt. Die Fabrik konnte acht Tage lang kein Papier mehr erzeugen. Am 25. Februar 1944 kamen dann Hunderte von Bombern in der Luft nach Augsburg. Zuerst wurden die Flugzeugwerke von Messerschmitt? im Stadtteil Haunstetten bombardiert. Dann flogen die Bomben auch auf die Innenstadt, die MAN und auf Haindl, die wie halb Augsburg in dieser kalten Winternacht in Trümmern versank. Da half auch keine Betriebsfeuerwehr mehr. In den nächsten Tagen sorgte ein einfacher Heizkessel in freiem Feld für die Nahrung. "Als entscheidender Vorteil erwies sich nun, was in Friedenszeiten oft als Hemmnis empfunden worden war", schreibt eine Haindl-Chronik, "die Verteilung auf drei örtlich getrennte Werke". Die unbeschädigten Werke in Schongau?, Kinsau? und Hegge? konnten weiter produzieren. Facharbeiter aus Augsburg wurden dorthin verlegt. Nur die Schlosserei und Schreinerei konnten in Augsburg einigermaßen weiterarbeiten. Die Papiermaschinen wurden aus dem Schutt ausgegraben. Sie waren nicht völlig zerstört worden und wurden repariert. Strom aus den Wasserturbinen wurde in das allgemeine Stromnetz eingespeist. Die gelagerten Holz- und Kohlevorräte mussten zwangsweise verkauft werden. Damit die Mitarbeiter nicht zum Militär eingezogen werden konnten, schickte man sie nach Schongau? und Hegge?. Eine Haindl-Chronik spricht bei damals 800 Mitarbeitern von "257 Ausländern". Wobei davon ausgegangen werden darf, dass es sich um Zwangsarbeiter handelte.

Am 27. April 1945 kamen die Streitkräfte der Alliierten auch nach Hegge? und Schongau?. Schäden an den Werken entstanden durch die Sprengung von zwei Lechbrücken durch die Reste der deutschen Wehrmacht. Betriebsleiter Fritz Holzhey kam in französische Gefangenschaft. Augsburg wurde von den US-Truppen eingenommen. Jetzt wurde auf dem Haindl-Papier "Stars an Stripes", die Zeitung der US-Army, gedruckt. Hegge? produzierte ab August 1945 mit zwei Papiermaschinen. In Schongau? nahm die zweite Papiermaschine ab September 1945 ihre Arbeit auf. Die Eisenbahnbrücke über den Lech war im gleichen Jahr wieder befahrbar. Im November 1945 wurde in Augsburg mit einer Maschine und mit einer Schicht wieder Papier erzeugt. In dem Jahr, in dem Deutschland kapitulierte, erzeugten die Haindl-Werke 23.000 Tonnen Papier und einen "finanziell erträglichen Verlust", wie eine Chronik berichtet. Ende Juni 1947 liefen in Augsburg wieder zwei Papiermaschinen mit vier Schichten. Mit dem Haindl-Papier wurde die gesamte Presse des US-Besatzungsgebietes versorgt. In Schongau? wurden Wohnungen für Flüchtlinge gebaut, die für die Papierherstellung eingestellt wurden und die im Krieg gefallenen Mitarbeiter ersetzten. Ebenso in Hegge? und Augsburg. Über den Bau der Augsburger Wohnungen schreibt eine Chronik: "Man entschloss sich, ihnen auch den prächtigen ehemaligen Orgelsaal der Familie Haindl zu opfern, der so viele Stunden edlen Kunstgenusses und schöner Familienfeiern erlebt hatte."

Das Augsburger Stammhaus am Malvasierbach unterhalb des Lueginslands wurde in seiner historischen Gestalt neu aufgebaut. 1948 konnten 54 neue Werkswohnungen in Augsburg bezogen werden. Insgesamt gehörten damals zu den drei Haindl-Werken über 370 alte und neue Werkswohnungen, mit denen die Arbeiterschaft an die Firma gebunden wurde. In Schongau? kamen 19 Eigenheime für "verdiente Arbeiter und Angestellte" hinzu. Damit möglichst wenig Arbeiter in besser bezahlte Branchen abwanderten, wurden sie auch mit regelmäßiger warmer Verpflegung versorgt. "Darüber hinaus wurden auch für die Familienangehörigen der Belegschaft, soweit es irgend möglich war, Kartoffeln, Gemüse und Obst gekauft und zum Teil unentgeltlich, zum Teil unter beträchtlichen Zuschüssen abgegeben. Auch Hausrat, Möbel, Bettstellen, Matratzen für die Ausgebombten wurden beschafft", erzählt eine Chronik. Ein Unterstützungsverein kümmerte sich um die nicht mehr arbeitsfähigen Betriebsangehörigen und die Kinder. Die Rücklage für die Altersversorgung wurde erhöht. "Es kostete unsägliche Mühe, aber es bescherte allen auch in den dunklen Wintern eine innige, warme Christfreude: ein kleines Weihnachtsspiel, meist von Belegschaftsmitgliedern aufgeführt, Gesang und Musik, ein gebefreudiger Knecht Ruprecht und nicht zuletzt eine kleine Labung für die Kindermägen hinterließen in den frohen jungen Kinderherzen eine Erinnerung, die alljährlich stürmisch nach einer Wiederholung verlangte", ist in einer Haindl-Chronik zu lesen.

Rohstoffprobleme nach dem Krieg wurden teilweise mit eigenen Kolonnen gelöst, die das Holz aus den Wäldern nah und fern, bis aus dem Schwarzwald, herbeiholten. Das Augsburger Werk arbeitete ab September 1948 wieder ziemlich normal. In Augsburg kaufte man ein rund 5.000 Quadratmeter großes Grundstück der Stadtbachspinnerei? längs den Gleisen der Augsburger Localbahn dazu, um das Werkgelände zu vergrößern. Ebenso die Gleise der Localbahn, die sich auf dem Haindl-Gebiet befanden und deren bester Kunde die Papierfabrik war.

Nach der Bombennacht im Februar 1944 hatte es also etwa vier Jahre gebraucht, um wenigsten die schwersten Schäden zu beheben. In diesen Jahren übernahm die vierte Generation der Familie die Firmengeschäfte und kümmerte sich um drei Werke mit etwa 1.600 Beschäftigten.

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Ab 1950

Ab Mitte der 50er Jahre investierte man am Standort Augsburg ständig in modernste Technik. Das ermöglichte technologische Fortschritte, wie zum Beispiel einen immer höheren Anteil an Altpapier in Illustrierten- und Katalogpapieren seit 1993 oder den Einsatz einer Online-Filmpresse seit dem Jahre 1994.

Die große Papiermaschine PM 2 wurde 1955 von Voith gebaut. Nach mehreren Umbauten produzierte sie 2001 bei einer beschnittenen Arbeitsbreite von 4.620 mm und einer Geschwindigkeit bis zu 1.100 m/min satinierte Naturpapiere (SC-A).

Anfang der 60er Jahre nahmen die Haindl´schen Papierfabriken in Bayern und Deutschland den ersten Platz bei der Papiererzeugung ein. Durch die Exporte der Firma wurde der Name Augsburgs in alle Welt getragen.

1962 erwarb man das Papierwerk Duisburg-Walsum und baute es aus.

1970 trat Clemens Haindl in die Firma ein.

1993 errichtete die Firma in Schwedt/Oder? für 650 Mio. DM ein neues Werk zur Herstellung von Zeitungsdruckpapier. Damit waren die Haindl´schen Papierfabriken das größte deutsche Unternehmen in der Papierindustrie. Sie stellten im Jahr 2,5 Mio. t Papier her. Ebenfalls 1993 wurden in Augsburg die Voraussetzungen geschaffen, Altpapier mit steigendem Anteil als Rohstoff zur Produktion von Magazin- und Katalogpapier einzusetzen.

Clemens Haindl musste eine schwere Krise der Firma im Jahre 1994 meistern, als die Deutsche Bank schon zur Schließung des Augsburger Werkes und zu einem Sozialplan riet. Mit ihm leitete sein Cousin Georg Holzhey als Geschäftsführer für Einkauf und Umwelt die Firma, bevor sie an UPM verkauft wurde, was auf Drängen des Haindl´schen Familienteils gegenüber den Holzheys geschah.

Schon 1996 ging es mit der Firma aber wieder aufwärts und man konnte die Aktienmehrheit der Steyrermühl Papierfabrik und Verlags-AG in Oberösterreich übernehmen, womit die Firma an die vierte Stelle der größten europäischen Pressedruckpapierhersteller und an die dritte Stelle der größten europäischen Zeitungspapierhersteller aufrückte.

1997 gehörte noch ein Werk in Renkum (Niederlande) zum Firmenverbund. Die Werke hatten jetzt 4.600 Mitarbeiter, schrieben einen Jahresumsatz von etwa 3 Mrd. DM und waren alle nach der EG-Öko-Audit-Verordnung zertifiziert.

Kurz vor dem Verkauf
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Im Frühjahr 2000 legte man die so genannte Papiermaschine PM 1 still. Dafür kam im Sommer des gleichen Jahres die PM 3 und nahm den Betrieb auf. Damit wurde eine der innovativsten LWC-Produktionslinien der Welt in Betrieb genommen. Rohpapierherstellung, Streichen und Satinage erfolgten erstmals in einem durchgängigen online-Prozess. Auf einem Werksareal von 222.000 Quadratmetern waren damals rund 520 Mitarbeiter beschäftigt, jährlich 515.000 t Papier zu produzieren.

Im Jahr 2001 besaß Haindl eine Produktionskapazität von 2,7 Mio. t/a. Der Konzernumsatz lag bei 3,2 Mrd. DM, die Mitarbeiterzahl bei 4.200. Etwa 50 Prozent der Produktion wurden im Inland, 45 Prozent im europäischen Raum abgesetzt und rund 5 Prozent gingen nach Übersee. Haindl galt als Pionier beim Einsatz von Altpapier im Zeitungsdruckpapier.

Übernahme durch UPM

Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts waren die Haindl´schen Papierfabriken unangefochten der größte deutsche Papierhersteller. Das Unternehmen war eines der Augsburger Traditionsunternehmen schlechthin. Gegründet im Königreich Bayern, durchschiffte es die Schwierigkeiten des Ersten Weltkriegs, der Inflation und der Nazidiktatur, kam wieder auf die Füße in der Bundesrepublik, musste aber angesichts der Globalisierung die Segel streichen. Kurz nach dem 150. Jubiläum wurde die Firma von 32 Nachfahren des Firmengründers für 7,3 Milliarden Mark im Jahr 2001 an die finnische Firma UPM verkauft. Und das, obwohl nur ein paar Monate zuvor die modernste und produktivste Papiermaschine der Welt für 850 Mio. Mark in Betrieb gegangen war.

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Zum Verkauf der Firma entschloss sich die Familie, weil man sich als Familienbetrieb nicht finanzstark genug fühlte, um weltweit agieren zu können. Die Firma hätte, um den wachsenden Papierbedarf in Asien stillen zu können, dort investieren müssen, was aber von keiner Bank finanziert wurde. An die Börse zu gehen, sah die Familie auch nicht als Lösung, da eine Krise das eingesammelte Geld auch wieder hätte vernichten können. Da bot sich der Verkauf an eine größere Firma an. Und das, obwohl die Firma bei vielen Kennzahlen besser dastand als die Branche. So hatten die vier Werke, die verkauft wurden, einen Personalkostenanteil von 9 %, während in der Branche 15 % üblich war.

Im Zuge des Verkaufs zahlten die Nachkommen des Firmengründers Haindl ein Prozent der Kaufsumme an die etwa 3.800 Beschäftigten damals aus, also 73 Mio. Mark, was in der deutschen Industrie als Novum galt und nicht überall gut aufgenommen wurde, weil große Firmenbosse damit einen Präzedenzfall geschaffen sahen.

Übrigens

Soziales Engagement

Die männlichen Arbeiter von Haindl kamen 1870 in eine Betriebskrankenkasse. 1872 begann man mit dem Bau von Werkswohnungen in der Maschenbauerstraße im damals noch selbstständigen Ort Oberhausen. Zuerst entstanden sechs Häuser für rund 20 Familien. Eine Pensionskasse für die Belegschaft stiftete Haindl 1875.

Nach dem Tod von Georg I. Haindl gründete seine Witwe die "Georg und Elisabeth Haindl´sche Stiftung". Dazu erwarb sie ein Gelände von der Stadt am Oblatterwall, nicht weit vom Lueginsland. In der sogenannten Klaucke-Vorstadt? ließ Elisabeth Haindl vier Häuser in der Bleichstraße? mit 24 Wohnungen und dazugehörigen kleinen Gärten errichten, für Mitarbeiter der Firma Haindl und ihre Familien.

Streik

In der ganzen Zeit ihres Bestehens wurde in der Firma nur einmal gestreikt: 1921 in Schongau?. Und das gegen den Willen des Betriebsrats. Während 150 Jahren Firmengeschichte gab es kein einziges Mal einen Arbeitsgerichtsprozess. Selbst in schwierigen Zeiten blieb man im Umgang miteinander fair. Und: Die Firma tat immer mehr für Ihre Angestellten und Arbeiter, als sie verpflichtet war. Das führte zu einer produktiven Allianz von Kapital und Arbeit.

Brecht

In einem der Haindl-Häuser für die Angestellten und Arbeiter wuchs Bertolt Brecht auf. Sein Vater war nämlich von 1893 ab 46 Jahre lang bei den Haindl´schen Papierfabriken beschäftigt, zuletzt sogar als Direktor. Er hatte die Verwaltung der Stiftungshäuser inne und durfte deshalb - seinem Stand angemessen - gleich mehrere Wohnungen für seine Familie nutzen. 1905, so wissen wir, verdiente der Vater von Bertolt Brecht im Jahr 7.080 Reichsmark, der Durchschnitt war damals 584 Reichsmark.

Bertolt Brecht wuchs zwischen den Fabrikgebäuden auf, hörte die Arbeiterinnen in der Pause singen, spielte auf dem Firmengelände oder begleitete seinen Vater zu Orgelabenden bei dem Kapitalisten Haindl. Wahrscheinlich hat der weltbekannte Dichter hier die Klassenunterschiede beobachtet, wurde er hier schon innerlich zum Kommunisten.

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Noch mit 26 wohnte der Dichter bei seinen Eltern, obwohl er schon drei Kinder von drei Frauen hatte. 1926 wurde er wegen angeblich unmoralischer Schriften beim Kommerzienrat Georg III. Haindl? von einem Arbeiter denunziert. Der Chef möge doch bitte auch gleich den moralisch und sittlich ebenso verkommenen Direktor entlassen. Der Angeschriebene zeigte den Brief Brecht-Senior und ließ ihn zerreißen. Auch über den Tod hinaus blieb die Haindl-Familie mit der Brecht-Familie verbunden, was sich z. B. noch dadurch zeigte, dass die Firma Haindl noch 1996 das verwahrloste Grab der Eltern von Bertolt Brecht richten ließ und die Pflege bezahlte.

1989 bekam der damalige Leiter der Staats- und Stadtbibliothek von der Firma 100.000 Mark und konnte so den Nachlass des Bruders von Brecht aufkaufen. So kamen die Briefe Brechts an Paula Banholzer, seine Augsburger Liebe, wieder nach Augsburg und wurden editiert und publiziert.

Weblinks


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