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Die Augsburger Bekenntnisfront formiert sich

Helferkreise und Evangelische Arbeitsgemeinschaft

Um sich auch künftig gegen drohende Eingriffe in die Kirche zu wehren, forderte der Landeskirchenrat am 19. Dezember 1934 die Dekanate zur Bildung von Bekenntnisgemeinschaften in allen Pfarreien auf. Die Augsburger Pfarrkonferenz stellte die flächendeckende Organisation dieser Gemeinschaften vorerst zurück.247 Statt dessen wurden Helferkreise zur Unterstützung und eventuellen Stellvertretung der Pfarrer im Falle eines polizeilichen Zugriffs eingerichtet. Im Januar 1935 erfolgte dann die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft, die sich aus bekenntnistreuen Kindergottesdiensthelferinnen und -helfern sowie Mitgliedern aus den Kirchenvorständen der Augsburger Gesamtgemeinde zusammensetzte. Diese Sammlung der Aktiven umfasste etwa 250 Personen und war unter der Führung von Bankdirektor Gustav Freiherr von Kreß? (bis 1933 Kirchenvorstand bei St. Anna) der Bekenntnisgemeinschaft der Landeskirche korporativ angeschlossen.248

Die Bekenntnissynode in Augsburg

Die dritte Bekenntnissynode der DEK fand vom 4. bis 6. Juni 1935 unter dem Vorsitz von Präses Karl Koch in Augsburg statt249 und bekräftigte die Haltung des Reichsbruderrates vom Herbst 1934 auf der Dahlemer Bekenntnissynode, der Müllers gewaltsame Eingliederungsaktionen als Verfassungsbruch kennzeichnete und ihm deswegen die Legitimation als Reichsbischof aberkannte. Die kirchenpolitischen Streitigkeiten hatten schließlich zur Bildung einer Vorläufigen Kirchenleitung geführt (VKL), die sich mit dem Instrument der Bekenntnissynode ein beschließendes Organ geschaffen hatte.250 Die Beratungen fanden nach einem feierlichen Eröffnungsgottesdienst in St. Anna an allen drei Tagen in der St. Ulrichskirche statt. Am Vorabend der Synode waren sämtliche in Schutzhaft befindlichen Geistlichen entlassen worden.251

Im Vorfeld war es zu Spannungen innerhalb der BK gekommen. Obwohl auf der Dahlemer Synode im Oktober 1934 beschlossen worden war, dass ein aus 22 Persönlichkeiten bestehender Bruderrat die Geschäftsführung übernehmen sollte, kam es im November zur Bildung einer Vorläufigen Kirchenleitung, was zur Folge hatte, dass Karl Barth, Hermann Hesse, Karl Immer und Martin Niemöller aus dem Reichsbruderrat ausschieden.252 Die VKL stellte ein Notkirchenregiment unter dem Vorsitz von Bischof August Marahrens dar.253

Martin Niemöller äußerte in einem Schreiben an Präses Koch, er habe kein Verständnis für die Haltung der VKL beziehungsweise der in ihr maßgebenden intakten Kirchen, die zwar Fürbitten und Beflaggung zu Führers Geburtstag angeordnet, aber kein eindeutiges Wort zu im Konzentrationslager befindlichen Brüdern gefunden hätte. Die VKL sei lediglich eine Interessenvertretung der intakten lutherischen Landeskirchen, die sich gegen das Vorwärtsdrängen der BK stellen würden. Er forderte, auf Dahlemer Boden zurückzukehren und festzuschreiben, daß Reichsbruderrat und Rat der Bekennenden Kirche wieder die Führung übernehmen, die VKL aber aufgelöst werden solle.254

Auch um die Person Karl Barths, zu der Zeit in Bonn, kam es im Vorfeld der Synode zu Unstimmigkeiten. Er war von seiner Rheinischen Bekenntnissynode zur Teilnahme in Augsburg aufgefordert worden, hatte aber abgelehnt. Vorgeworfen wurde ihm vor allem, dass er bezüglich der Schweizerischen Landesverteidigung gesagt hatte, man solle die Nordgrenze nach Deutschland möglichst fest machen. Landesbischof Meiser machte es aufgrund dieser Äußerung zur Bedingung, dass Barth an der Augsburger Synode nicht teilnehme, sollte diese auf dem Boden der bayerischen Landeskirche stattfinden.255 Barth nahm nicht teil, Niemöller, Immer und Hesse kehrten in den Reichsbruderrat zurück und demonstrierten damit ihren Willen zur Einmütigkeit, der die ganze Synode beherrschte.256

Reichsbischof Müller hatte im Vorfeld der Synode einen Prozeß gegen die VKL angestrengt, um ihr zu verbieten, sich als Leitung der DEK zu bezeichnen mit der Begründung, es handle sich hierbei um eine Vereinigung von Privatpersonen. Der für die VKL positive Prozeßausgang wurde auf der Augsburger Synode mehrheitlich mit Erleichterung aufgenommen.257 Die Synodalen sprachen dann auch der Vorläufigen Kirchenleitung ihren Dank „für ihre aufopfernde Arbeit“ aus, bestätigten deren Existenz und klärten die Funktion der Organe der BK: Die Bekenntnissynode galt als synodales Organ, das Grundsätze für den kirchlichen Neubau aufzustellen hatte. Der Reichsbruderrat sollte von ihr aus ihrer Mitte gewählt werden. Ihm oblag die Durchführung der Beschlüsse der Synode sowie die Beratung der VKL. Diese wiederum fungierte demzufolge als Organ der Verwaltung, Leitung und Vertretung der Kirche nach außen. Die Synode forderte nachdrücklich das Zusammenarbeiten aller Organe.258

Desweiteren nahm die Synode in ihrem „Wort an die Gemeinden, ihre Pfarrer und Ältesten“, Stellung zum Obrigkeitsverständnis: „Die Obrigkeit hat ihre Gewalt von Gott. (...) Der Gehorsam gegen die Obrigkeit findet seine Grenzen dort, wo der Christ durch diesen Gehorsam zur Sünde wider Gottes Gebote gezwungen würde. (...) Lasst Euch auch durch Bedrückung oder Verfolgung nicht beirren, der Obrigkeit in Ehrerbietung untertan zu sein. (...) Tut Fürbitte für Volk und Obrigkeit! (...) Werden euch die Pfarrer genommen, so ist es Eure Pflicht als Gemeinde, selbst die Weiterführung der Verkündigung in Predigt und Sakramentsverwaltung, Unterricht und Seelsorge in geordneter Weise zu regeln. Könnt Ihr nicht in Eurer Kirche zusammen kommen, dann sammelt Euch in Euren Häusern um so treuer um Gottes Wort.“

Diese Haltung wurde in dem „Wort an die Obrigkeit“ bekräftigt: „Gehorsam leisten wir nicht aus Zwang und äußeren Vorteils wegen, sondern voll Willigkeit aus unserem an Gottes Wort gebundenen Gewissen. Darum dürfen wir jeden Vorwurf zurückweisen, dass unser Kampf um die Geltung von Schrift und Bekenntnis in der Kirche Gleichgültigkeit gegen das Wohl des Volkes und die Ordnung des Staates oder gar einen politischen Widerstand gegen die ihm gesetzte Führung decke. Wir führen den uns aufgenötigten Kampf um die Wahrheit des Bekenntnisses, die Freiheit der Verkündigung und die Würde der Kirche (...). Wir beklagen es (...), dass trotzdem deutsche Volksgenossen (...) um ihres christlichen Glaubens und Bekennens willen Maßnahmen ausgesetzt sind, wie sie über Feinde des Staates (...) verhängt werden.“259

Beim Thema Jugendarbeit bestätigten die Synodalen die von der VKL berufenen Jugendkammer der BK als das Organ, welches die Aufgaben für das Gesamtgebiet der evangelischen Jugendarbeit rechtmäßig erfüllt. Zugleich anerkannten sie den Vertrag zwischen Müller und von Schirach vom November 1933, indem sie betonten, die Jugendarbeit geschehe grundsätzlich auf dem Boden dieses Abkommens und forderten die darin „zugesicherte volle Freiheit der Betätigung in erzieherischer und kirchlicher Hinsicht.“260

Während das Augsburger Gemeindeblatt die Bekenntnissynode als einen wesentlichen „Schritt vorwärts zur weiteren Einigung der Bekenntnisfront“ und „Fortschritt in ihrer inneren Klärung und Festigung“261 feierte, wurde sie von Karl Barth scharf angegriffen. Er kritisierte die unverbindliche Form der Verlautbarungen über das Verhältnis von VKL, Reichsbruderrat und Bekenntnissynode, sowie die Tatsache, dass der Jugendvertrag, den man bislang als untragbar bezeichnet hatte, einstimmig ratifiziert worden war. Außerdem warf er ihr vor, kein wirklich offenes kritisches „Wort an die Obrigkeit“ gerichtet zu haben, statt dessen lediglich um die eigenen kirchlichen Belange besorgt zu sein, ohne den Unrechtsstaat, dem er von Anfang an ablehnend gegenüberstand, anzugreifen.262

Bekenntnisgemeinschaften

Als Folge der Bekenntnissynode kam es in Augsburg schließlich auch zum systematischen Aufbau von Bekenntnisgemeinschaften. Die ursprüngliche Befürchtung, man schaffe damit eine Kirche innerhalb der Kirche, wurde spätestens nach der verstärkten Gründung neuer DC-Ortsgruppen 1934/1935 aufgegeben.263 Anfang Juni wurde in allen evangelischen Kirchen zum Beitritt aufgerufen und Ende des Monats zählte man bereits 7069 Mitglieder264 (St. Ulrich 1305, Sankt Johannes? 1109, Sankt Anna 950, Barfüßer 870, Heilig Kreuz? 700, Sankt Markus? 583, Sankt Jakob 420, Göggingen 350, Sankt Paul? 300, Matthäus? 292, Haunstetten 190).265 Einmal im Monat fanden in allen Kirchen Bekenntnisversammlungen statt, die bis 1937 durchgehalten und dann wegen der immer stärker werdenden Einschränkung der Versammlungsfreiheit durch Andachten ersetzt wurden.266 Auf einer ersten Bekenntnisversammlung Ende Juni 1935 wurden Missverständnisse beseitigt, etwa, ein Beitritt zur Bekenntnisgemeinschaft sei nötig, um weiterhin zur Kirchengemeinde zu gehören. Statt dessen betonte Bogner, die Gemeinschaften dienten der Abwehr der Deutschen Christen in Augsburg.267

Am 24. September fand im Saalbau Herrle eine große Bekenntnisversammlung mit 2.000 Anwesenden statt, auf der Pfarrer Christian Stoll vom Landeskirchenrat zum Thema: „Das Ringen um eine einige deutsche Kirche“ sprach.268 Viele bekenntnistreue Interessierte wurden abgewiesen, da sie nicht im Besitz einer Mitgliedskarte der Bekenntnisgemeinschaft waren. Die Versammlung war von der Gestapo Augsburg nur unter der Bedingung erlaubt worden, dass es sich hierbei um eine geschlossene Veranstaltung handle.269

Das ab 1934 in Augsburg eingerichtete Modell der Stellvertretung der Pfarrer durch Vertrauensleute wurde in den folgenden Jahren intensiviert. Es hatte Vorbildfunktion für andere bayerische Städte, die es ab September 1937 übernahmen.270

Der fehlgeschlagene Eingliederungsversuch der bayerischen Landeskirche hatte die Position des Reichsbischofs erheblich geschwächt. Mit der Gründung des Reichskirchenministeriums unter Hans Kerrl im Juli 1935 und dem angegliederten Reichskirchenausschuss (Vorsitz Wilhelm Zoellner), der Vertreter der Bekennenden Kirche und der Deutschen Christen vereinigte, auch der Augsburger Theodor Ellwein? gehörte ihm an, versuchte die Reichsregierung mittels entsprechender Landeskirchenausschüsse erneut die kirchliche Gleichschaltung zu erreichen.271

Über die Frage der Zusammenarbeit mit dem Reichskirchenausschuss war es in der BK erneut zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen, die schließlich in die Gründung einer zweiten Vorläufigen Kirchenleitung im März 1936 mündeten, der sich die Landeskirchen Bayerns, Württembergs und Hannovers nicht mehr unterstellten.272 Die Einrichtung eines Landeskirchenausschusses in Bayern scheiterte im Januar 1936 am Widerstand des Landessynodalausschusses unter Wilhelm Bogner und der Dekane.273

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247 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 44.
248 Hetzer: Kulturkampf; S. 111f.
249 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 52.
250 Hetzer: Kulturkampf; S. 114.
251 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 29 vom 14. Juli 1935; Archiv St. Anna.
252 Niemöller, Wilhelm: Die dritte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg: Text-Dokumente-Berichte; Göttingen; 1969 (= Niemöller: Bekenntnissynode); S. 9f.
253 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 42.
254 Niemöller: Bekenntnissynode.; S. 24ff.
255 ebd.; S. 30-36.
256 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 29 vom 14. Juli 1935; Archiv St. Anna.
257 Immer, Karl: Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Dritte Tagung in Augsburg vom 4.-6. Juni 1935. Verhandlungen, Reden und Beschlüsse; Wuppertal; 1935; S. 51.
258 Niemöller: Bekenntnissynode; S. 74f.
259 ebd.; S. 78-87.
260 ebd.; S. 82f.
261 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 29 vom 14. Juli 1935; Archiv St. Anna.
262 Niemöller: Bekenntnissynode; S. 62ff.
263 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 69’.
264 ebd.; S. 52.
265 Hetzer: Kulturkampf; S. 114f.
266 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 52.
267 Hetzer: Kulturkampf; S. 115.
268 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 54.
269 Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung; Nr. 41 vom 6. Oktober 1935; Archiv St. Anna.
270 Hetzer: Kulturkampf; S. 118.
271 ebd.; S. 109.
272 Schiller: Kirchliche Wirren; S. 60.
273 Hetzer: Kulturkampf; S. 110.


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