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Der Angelausflug
von Stefan Leising
„Obwohl mich seit Stunden die Frage quält, warum jeder Polizei-, Grenz- und Wachbeamte nördlich Polens ein ruppiges geometrisches Phänomen im Gesicht trägt, fällt es mir nicht schwer, den hellblauen Buick über die maroden Pisten Estlands zu karren. Seit nun knapp zwei Tagen befinde ich mich auf der Reise. Es geht mir gut. Meine Stimmung gleicht einem satten Gepard, der von seinem Affenbrotbaum den kleinwüchsigen Ureinwohnern zufrieden beim Ertrinken zusieht. Ab und an beiße ich in das feuchte Wurstbrot, trinke einen Schluck Whisky und lecke mit teuflischem Augenzwinkern meine wunden Handknöchel. Das Geräusch der ausgeschlagenen Radlager fügt sich dem unsteten Verhalten des mit Plastikband umwickelten Chromlenkrades. Ab und an tropft das Blut auf meinen nackten Oberschenkel, gerinnt, bedient sich der Schwerkraft, um schlussendlich an meinen Hoden festzutrocknen. In solchen Tagen drückt die Sonne kein einziges Auge zu. Schwitzend jage ich geblendet die Whiskey-Flasche über den Beifahrersitz und saufe sie aus. Im Radio masturbiert Hildegard Knef.“
So manches schätzt man an Urlaubsreisen in fremde Gegenden. Der entspannte Tourist entzieht sich aller Vorurteile, der Tourist steht über den Dingen. Man zeigt sich spendabel und weltoffen. Ja ja, so manches lässt den Reisenden Kraft tanken. Sei es das gute Essen, das perfekte Badewetter, die Natur, die Kultur, exotischen Frauen, die fremde Sprache oder nur die Abwechslung, der Tapetenwechsel. Ich habe andere Vorlieben. Ich gehe gerne Angeln. Der Angelsport weckt das Tier in mir.
Michael, mein Arbeitskollege, gab mir den Tipp, nach Estland zu fahren. In Estland sind die Fische so groß wie Boote. So wie Boote murmelte er aus seinem Kugelfischmund, der zu allem Übel die meiste Zeit mit Speichel angefüllt ist. Sein feuchtes Geplapper unterscheidet sich nur minimal von dem Tintenstrahldrucker unseres Büros. Wie Boote, träumte Michael imbezil. Wir sind Freunde. Ich bin sein einziger Freund. Ich wiederum kenne da noch Walter.
Michael, der labile Eigenbrödler sammelt seit dem zehnten Lebensjahr - neben viel unnützem Kram - leere Zahncremetuben. Diese verstaut er mit größter Sorgfalt mittels Setzkästen in der Garage, versieht sie mit Kaufdatum und Kassenbon, um eines Tages die Hersteller verklagen zu können. Ich habe es selbst gesehen. In der Doppelgarage bewahrt er sie auf, neben dem Honda und dem Felgenbaum. Seinen „raffinierten“ Gedankengang hinsichtlich dieser Klage habe ich bis zum heutigen Zeitpunkt nicht verstanden. Jedoch höre ich ihm gerne zu, denn Michael bietet mir Abwechslung im Alltagstrott zwischen den belämmerten Kollegen im Ordnungsamt. Irgendwie mag ich ihn.
So also kam ich dazu, die strapaziöse Fahrt in die hoheitlichen Gewässer Nordestlands zu wagen.
Alle Vorbereitungen habe ich schon Wochen vorher getroffen. Bei Karlis Rutenparadies bestellte ich mir mehrere Bermudashorts, drei Mehrzweckhemden sowie neue Wobbler und eine mobile Tauwurmaufzuchtstation mit automatischer Kühlung. Kurzerhand beschloss ich, Michael vor Antritt meiner Reise in seiner Stammkneipe zu besuchen. Ich hoffte, ihn vor Neid platzen zu sehen. Auch hoffte ich bösartig, ihm seinen Speichel sowie ein paar Drinks entlocken zu können. Der Plan ging auf. Nach vier Stunden schweigsamen Saufens schlief er mit dem Gesicht auf der Theke ein. Ein feuchter Halbkreis in Form eines Heiligenscheines ruhte zäh um sein schmales Lego-Kinn. Mir ging es prächtig. Sieben Bier, zwei Absinth und ein paar Züge von einem Joint sollten mich nun bequem in Richtung Baltikum tragen. Michaels hagere Tante, die Besitzerin des Lokals, schob mir als Wegzehrung zwei Wurstbrote und eine volle Flasche Macallen über den Tresen und verabschiedete sich mit unverständlichen Lauten als besoffener Nasenkatarr von mir.
„Das Pumpern aus dem Kofferraum nervt mich nun schon seit einem halben Tag. Ich habe den scheiß Schlampen doch gesagt, sie sollen das Maul halten. Wo sind denn nun ihre Rechte? Sie stehen nicht in der Küche vor dem Ofen. Nein, sie sind in dem Ofen. Genauer gesagt: in meinem Kofferraum. Schemenhafte Duftnuancen von „Kenneth Cole“ vermengen sich romantisch mit dem sanftmütigen Schnurren meines Buicks. Klassische Eleganz trifft modernen Feminismus, sogar länderübergreifend, murmle ich Hildegard Knef zu. Ich beiße in das Wurstbrot und drehe die Musik lauter. Wir werden nun große Fische fangen. So groß wie Boote!“
Torkelnd bemühte ich mich aus der Bierstube zu meinem Wagen. Startete, küsste das Werbeplüschinsekt eines pharmazeutischen Großunternehmens auf meinem verstaubten Armaturenbrett und will Gas geben, als ich in diesem Moment Fremdartiges durch meine besoffene Optik huschen sah. Abrupt trat ich wieder auf die Bremse und kapitulierte mit einem devoten Lächeln vor einer fettleibigen Rollstuhlfahrerin in FC-Bayern-Fanbekleidung sowie vor drei jungen Landhühnern mit PACE-T-Shirts. Auf dem Rolli des Monsters standen Kampfparolen wie: „Sechs Finger, einen Schwamm, für was brauche ich einen Mann?“, „Schwester hole die Flinte raus, wir gehen nun aus dem Haus und protestieren unter Dopamin gegen Krieg, Schwanz und Maskulin!“, „Atomkraft nein danke!“, „Porno ist die Vergewaltigung der Ethik!“, „Frauen an die Macht!“
Die gläserne Fluktuation meiner Trinkerpupillen versetzte mich in einen beflügelten Zustand, in welchem mir plötzlich die Pistole im Kofferraum des Fahrzeugs in den Sinn kam. Mit schnellen, meinem Zustand entfremdeten Schritten beugte ich mich ferngesteuert in den Kofferraum hinab, um Sekunden später den Revolver auf die vier Frauen zu richten. Nun ging alles sehr schnell. Im Nachhinein bin ich mir sicher, Gott ließ mich dieses Radkreuz zweckentfremden. So geschah es auch und im Nu waren alle vier Gestalten mittels Anzapfschlägen im Kofferraum des Buicks zusammengefaltet.
„Ich stinke erbärmlich. Der Schweiß drückt sich wie Püree durch meine Poren. Estland, das Land der großen Fische, des billigen Benzins, der coolen Umweltsünden. Zu meiner Rechten entdecke ich einen winzigen See inmitten einer Steppe. Der gleicht einem platt gewalzten Känguru-Hals, der in den Straßengraben mündet, vor dem ich nun erschöpft meinen Youngtimer stoppe. Schweißgebadet entdecke ich in der Ferne einen Warnhinweis. Auf dem rostigen Rumpf folgt ein achteckiges Täfelchen den wehmütigen Windstößen dieser Einöde. „Danger from mines“ erkenne ich voller Frohlocken. Die Hitzewallungen in der Ferne lassen die Aufschrift wie ein verblasstes Knast-Tattoo erscheinen. Das perfekte Plätzchen für eine Pause. Ob die Frauenrechtlerinnen und der Mongo wohl brav schlafen? Sicherlich sind sie einem sommerabendlichen Seespaziergang nicht abgeneigt. Außerdem warten Alteisen und ein Karton Billigseifen im Kofferraum auf Entsorgung. Gierig hole ich meinen Fernstecher aus dem Handschuhfach, um näher am Geschehen zu sein. Ich öffne den Kofferraum, doch zu meinem Entsetzen ist er leer. Wo ist die mongoloide Gender-Kampffraktion geblieben? Meine gierige Luströte wechselt im Nu zu einem blassen blubbernden Empfinden, ähnlich dem eines kürzlich geleerten Glases Bananenmilch.
Augenblicklich bemerke ich, dass sich vom hinteren Teil des Sees mehrere Gestalten der Straße nähern. Eine Person trägt einen rucksackähnlichen Gegenstand auf den Schultern. Panik überkommt mich. Diese Situation überfordert eindeutig meinen Verstand. Mit der linken Hand muss ich mich an meinen Wagen stützen, mit der Rechten ziehe ich rasant die Knarre aus der Armeesandale. Ich fühle die bornierte Unsinnigkeit in meinem Empfinden und erahne, dass sie tiefe Gräben in meine Gehirnmasse schürft, um gemütlich, surreale Larven zu brüten.
Es sind die Hippie-Hexen aus dem Kofferraum. Und zu meinem Entsetzen, trägt die Hirnverbrannte ihren Rolli auf dem Buckel. Wie Maikäfer im Sonnenlicht wanken sie durch das Gestrüpp, lachen und haben Spaß. Zwei von ihnen winken mir euphorisch zu. Eine andere schwingt lässig eine Badematte unter ihrem Arm. Ich traue meinen Augen kaum. „Was soll denn diese Langnese-Scheiße?“, schreie ich ihnen mit diktatorischen Gesten entgegen. Weiß-blau, weiß-rot, weiß-gelb und weiß-grün gestreifte Badeanzüge frisieren ihre Körper, die mir nun äußerst attraktiv erscheinen. Ich presse meine Augen fest zusammen, doch wird mein Bewusstsein dadurch nur noch mehr hinters Licht geführt. Im einen Moment sehe ich vier gesunde Langnese-Schnitten, jener Werbung der 80er Jahre entsprungen, im anderen vier zarte Rehkitze mit Zigarre und Whiskey-Flasche.
Traumatisiert ballere ich mein Magazin leer, doch treffe weder Frau noch Reh. Panik und Zweifel wechseln sich im Sekundentakt ab. Dieser Wahrnehmung bin ich nicht mehr gewachsen und muss erschüttert feststellen, dass sich meine Knochen zusätzlich in einem komprimierenden Zustand befinden, wodurch ich mich zusehend zu einem Gnom forme.
Aus heiterem Himmel färbt ein ohrenbetäubender Knall den Horizont bunt und fetzt mich von meinen zerzausten weichen Stumpen gegen den Buick. Dies beeindruckt die Frauen jedoch wenig. Gegenteiliges ist der Fall. Sie schnipsen fröhlich mit den Fingern und singen in synchronen Swing-Bewegungen immer und immer wieder „Bang, Flash Boom Bang“.
Hey du, hey du! Was ist den dein Kumpel für ein Freak? Der versaut uns hier den ganzen Flipper mit seiner Spotze und dir rinnt der Saft auch schon aus dem Maul. Verpiss dich Alter!
„Wer klingelt an der Türe? Was ist passiert? Starr und geschockt ziehe ich meine Decke übers Kinn und warte gehemmt auf Besinnung. Nach fünf Minuten Innehalten stelle ich fest, dass ich nicht alleine im Bett liege. Ein atemberaubendes Kribbeln elektrisiert mich, als ich zwei Hände, eine an meinem Penis, die andere in meinem Arsch bemerke. Wow, was für ein Abend!, analysiere ich automatisch. Wer ist diese Person? Regungslos versuche ich mich zu erinnern, allerdings ist es momentan unmöglich. Sobald ich versuche, die Mauer der Erinnerungen zu bezwingen, kotzt mir Alice ins Gesicht. Was war geschehen?
Oh Hilfe, was macht denn dieser Rollstuhl hier? Verdutzt starre ich minutenlang diesen Falter mit seinen großen Ohren an. Darüber erkenne ich ein blaues Mädchenshirt mit dem Aufdruck „baccalaureat 2008“. Ich blicke sie nun das erste Mal bewusst an. Sofort fasziniert mich ihr zärtliches Profil. Ein weicher dünner Hals. Kastanienbraune lange Haare verhüllen ihr Gesicht. Ihr Antlitz ermöglicht mir nun, eine gleichmäßige Atmung aufrecht zu erhalten. Wirkt sie doch wie ein erlegtes Reh in einem Ameisenbau. Nur dass mir die Ameisen äußerst real vorkommen. Was für ein Glück! Jetzt erwacht auch sie gemächlich, zieht die Hand von meinem Penis, um sich den Schlaf aus den Augen zu reiben. Mein Grinsen ist jetzt doppelt so groß wie mein Kater. Nicht nur mein Verstand befindet sich in einem Vakuum, sondern auch die Finger ihrer linken Hand. Langsam löst sie beide Finger aus meinem Arsch. Dabei krallen sich die anderen vier Finger mit zarten Kreisbewegungen an meinen Backen fest.“
(eingereicht am 23. Januar 2010)
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