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Das Jahr 1934 und der Kampf gegen die Eingliederungspolitik

Die Bekenntnisfront formiert sich: Bayern auf dem Weg nach Barmen

Am 4. Januar verbot Reichsbischof Ludwig Müller in seinem „Maulkorberlass“ jegliche Erörterung kirchlicher Auseinandersetzungen in Gotteshäusern, Gemeinderäumen und Publikationsorganen. Die oppositionellen Kirchenführer legten dagegen Rechtsverwahrung ein. Landesbischof Meiser forderte schriftlich von Adolf Hitler den Rücktritt Müllers.55 Ein Empfang der bekenntnistreuen Bischöfe am 25. Januar 1934 beim Reichskanzler in Berlin brachte jedoch nicht den erwünschten Erfolg.56 Ein abgehörtes privates Telephongespräch Martin Niemöllers, in dem von der beabsichtigten Absetzung des Reichsbischofs gesprochen wurde, nahmen Hitler und Göring zum Anlass, die Kirchenführer in die Defensive zu drängen und die Stellung des Reichsbischofs erneut zu stärken.57 Zwei Tage später stellten sich die Bischöfe im Anschluss an die Unterredung geschlossen hinter Müller.58 Landesbischof Meiser trug schwer an dieser „Unterwerfung“ unter den Reichsbischof und erwog seinen Rücktritt. Sowohl der Landessynodalausschuss als auch der Bayerische Pfarrverein, die er über die Ereignisse unterrichtete, sprachen ihm jedoch das Vertrauen aus. Da der bayerische Landesbischof durch die Rechtspraktiken Ludwig Müllers und seines Rechtswalters August Jäger den Bekenntnisstand der lutherischen Landeskirchen als gefährdet erachtete, erklärte er in einer Unterredung mit Hitler am 13. März 1934 den Einigungsversuch mit dem Reichsbischof als gescheitert - der „eigentliche Auftakt (...) zum Kirchenkampf in Bayern“.59 Meiser teilte Hitler unmissverständlich mit: „Wenn der Führer bei seinem Standpunkt verharren will, bleibt uns nichts anderes übrig, als seine allergetreueste Opposition zu werden.“60

Die Lage spitzte sich zu, als Rechtswalter Jäger Anfang März eröffnete, die Eingliederungsmaßnahmen der Landeskirchen auch auf Bayern und Württemberg auszudehnen, woraufhin am 6. April 1934 die Reihe der Bekenntnisgottesdienste in Augsburg begann. Bereits hier wurde der Zusammenfassung aller Landeskirchen unter einem Reichsbischof als dem Führer der Deutschen Evangelischen Kirche eine Absage erteilt. Landeskirche um Landeskirche wurde der Reichskirchenregierung unterstellt, aber in den unterworfenen, sogenannten zerstörten Landeskirchen, bildeten sich freie Bekenntnissynoden. In Hannover scheiterte Ludwig Müller erstmals. Der deutsch-christliche Kirchensenat hatte zwar der Eingliederung zugestimmt, doch Landesbischof August Marahrens leistete erbitterten Widerstand, wobei er die Mehrzahl seiner Pfarrer hinter sich wusste. Die Eingliederung schlug zunächst auch in Württemberg fehl.61

Müller erzielte durch die Aufhebung der Selbständigkeit der Landeskirchen die Schaffung einer großen Nationalkirche nach dem Leitmotiv „ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Zur Gleichschaltung gehörte auch die Einverleibung der evangelischen Kirche, deren Landeskirchen mit ihrem unterschiedlichen Eigenleben vernichtet werden und in einer uniformen Reichskirche unter seiner Führung aufgehen sollten; damit verstieß sie gegen die Kirchenverfassung von 1933.62 Eine Bündelung der Bekenntniskräfte schien in dieser Situation notwendig, um der gewaltsamen Reichskirchenpolitik Kontra zu bieten. In Ulm wurde hierbei der Anfang gemacht.63

Am 22. April verlas Hans Meiser im Ulmer Münster vor den Vertretern der bayerischen und württembergischen Landeskirche, der freien Bekenntnissynoden von Westfalen und Rheinland und einer Reihe von bekennenden Gemeinden aus dem gesamten Reich die Ulmer Erklärung. Darin nahmen die Bekenntniskräfte für sich in Anspruch, die rechtmäßige Deutsche Evangelische Kirche (DEK) zu sein.64 Die Versammelten riefen die protestantische Bevölkerung auf, „zusammenzustehen gegen die Gefährdung der Kirche“.65

Als Hindernis auf dem Weg der Einigung stellte sich die bekenntnismäßige Gliederung des deutschen Protestantismus in lutherische, unierte und reformierte Kirchen heraus, die untereinander weder Bekenntnis- noch Abendmahlsgemeinschaft kannten. Vor allem die lutherischen Bischöfe hatten Bedenken. Trotzdem formierte sich unter dem Druck von außen die „erste gemeinsame gesamtprotestantische Synode seit der Reformationszeit“, die Bekenntnissynode von Barmen (29.-31. Mai 1934), die unter der Leitung vom Präses der westfälischen Bekenntnissynode, Karl Koch, mit der „Barmer Erklärung“, an der Karl Barth maßgeblich beteiligt war, richtungweisend im Kirchenkampf wirkte.66 „In einer ‘Erklärung zur Rechtslage der Bekenntnissynode’ der DEK wurde (...) festgeschrieben, dass (...) nur die Bekennende Kirche (BK) legitimiert sei, im Namen der DEK rechtmäßig zu sprechen und zu handeln.“ - Damit war die Bekennende Kirche gegründet, in deren Namen in der Folge in den zerstörten, das heißt von DC beherrschten Landeskirchen Bruderräte kirchenleitende Befugnisse übernahmen, mit einem Reichsbruderrat als überregionalem Gremium.67 Die Synodalen, darunter Hans Meiser, Martin Niemöller, die Theologen Hans Asmussen/Altona, Georg Schulz/Bremen, die Juristen Wilhelm Flor/Leipzig und Hans Meinzolt/München sowie Landgerichtsdirektor Theodor Doerfler? und Pfarrer Wilhelm Bogner?, beide aus Augsburg, verwahrten sich „gegen Rechtsbruch und Verfassungszerstörung und für eine auf Schrift und Bekenntnis gegründete Rechtsordnung der Kirche“.68 Mit seiner Unterschrift unter die Erklärung rief Meiser konfessionelle Gegenspieler seiner Landeskirche auf den Plan, allen voran die Professoren Werner Elert und Paul Althaus, die im „Ansbacher Ratschlag“ kritisierten, in Barmen sei dem lutherischen Element nicht genügend Bedeutung beigemessen worden. Desweiteren sprachen sie sich für eine positive Einstellung zum Führer und zur nationalsozialistischen Staatsordnung aus.

Den bayerischen DC, die trotz ihrer Selbstauflösung im Nationalsozialistischen Evangelischen Pfarrerbund weiterexistierten, verlieh der Ratschlag Rückenwind. Sie formierten sich unter der Leitung des Jenaer Theologieprofessors Wolf Meyer-Erlach Ende Juni 1934 zur bayerischen Kirchenbewegung DC mit Hauptstützpunkt in Nürnberg. Aus deren Reihen „rekrutierten sich dann diejenigen Kräfte, die, auf der Seite der Reichskirchenregierung stehend, den Kampf Meisers gegen die unrechtmäßige Eingliederung der Landeskirche (...) zu stören suchten“. Bekämpft wurde Meisers Linie auch von einer Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Synodalen unter Pfarrer Klein und Dr. Heinrich Münch? (Gunzenhausen?).69

Demgegenüber formierten sich in der bayerischen Landeskirche die Bekenntniskräfte. Im Mai 1934 gründete sich eine Pfarrbruderschaft, die sich um geistliche Sammlung und Abwehr gegen die Irrlehren der DC und Müllers Eingliederungspolitik bemühte. Führende Mitglieder waren Kurt Frör (seit 1932 Inspektor des Predigerseminars in Nürnberg), Pfarrer Helmut Kern? aus Göggingen /Augsburg (Leiter des Volksmissionarischen Amtes in Nürnberg), Pfarrer Eduard Putz aus Fürth?, Julius Schieder (seit 1935 Oberkirchenrat, Kreisdekan in Nürnberg), Pfarrer Hermann Schlier? aus Kitzingen? (ab 1937 Pfarrer in Augsburg), Pfarrer Hans Schmidt aus Hof und Pfarrer Julius Sammetreuther aus München. Die Pfarrbruderschaft, die in enger Verbindung mit dem bayerischen Landeskirchenrat und dessen Vizepräsidenten Hans Meinzolt und Thomas Breit sowie Landesbischof Hans Meiser stand, lehnte eine Einbeziehung in den von Pfarrer Martin Niemöller (Berlin-Dahlem) ins Leben gerufenen Pfarrernot-bund ab, entsandte jedoch in die Bekenntnissynoden Mitglieder aus ihren Reihen.70

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55 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 18.
56 Scholder, Klaus: Die Kirchen und das Dritte Reich. Bd. 2: Das Jahr der Ernüchterung 1934 - Barmen und Rom; Berlin; 1985; S. 59-64.
57 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 19.
58 Schiller: Kirchliche Wirren: S. 19.
59 Meier: Kirchenkampf I ; S. 460.
60 zitiert in Baier: Landeskirche im Umbruch; S. 64.
61 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 20f.
61 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 20f.
62 Schmid: Wetterleuchten; S. 60-68.
63 Putz, Eduard, Barmer Protest gegen falsche Lehren; in Evangelisches Gemeindeblatt für Augsburg und Umgebung (= Putz: Barmer Protest) Nr. 46 vom 15.11.1981.
64 Meier: Kirchenkampf I; S. 461.
65 Putz: Barmer Protest.
66 Distler: Anpassung, Widerstand; S. 21.
67 Denzler, Georg; Fabricius, Volker (Hg.): Die Kirchen im Dritten Reich. Christen und Nazis Hand in Hand?; Bd.1: Darstellung; Frankfurt/Main; 1984 (= Denzler/Fabricius: Kirchen im Dritten Reich I); S 63.
68 Putz: Barmer Protest.
69 Meier: Kirchenkampf I; S. 461.
70 Meier, Kurt: Der evangelische Kirchenkampf. Bd. 3: Im Zeichen des Zweiten Weltkrieges; Göttingen 1984 (= Meier: Kirchenkampf III); S. 468f.


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