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Das epische Theater

Bertolt Brecht entwickelte eine theatralische Form der Selbstreflexion, die gegen Dogmen gerichtet und auf Offenheit hin angelegt war, weshalb Heiner Müller nach Brechts Tod sagen konnte: "Brecht nicht zu verändern heißt, ihn zu verraten."

Hintergrund und Quellen seiner dramatischen Theorie sind für Brecht zum einen der Marxismus, mit dem er sich in den 1920er Jahren beschäftigt hatte, und zum Zweiten der Sozialphilosoph Karl Korsch. So kam Brecht zur Auffassung, gesellschaftliche Realität und theoretisches Bewusstsein stünden in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Gerade Künstler seien dazu aufgefordert, den Zustand einer Gesellschaft zu hinterfragen. Die auf Aristoteles zurückgehende Theorie des Theaters lehnte Brecht ab. Sie wollte eine Einfühlung des Zuschauers in Figuren und Vorgänge. Brecht aber wollte nicht "Mitleid und Furcht", sondern das Publikum dazu bringen, über gesellschaftliche Veränderungsmöglichkeiten nachzudenken und dann Entscheidungen zu treffen, nicht Gefühle zu entwickeln. Gegen die klassische Theatertheorie entwickelte er die Theorie des "Epischen Theaters", in der "Gestus" und "Verfremdung" eine wichtige Rolle spielen.

Mit "Gestus" meint Brecht die äußerlichen Beziehungen von Menschen zueinander. In seinen eigenen Worten "Darunter verstehen wir einen ganzen Komplex einzelner Gesten der verschiedensten Art zusammen mit Äußerungen, welcher einem absonderen Vorgang unter Menschen zugrunde liegt und die Gesamthaltung aller an diesem Vorgang Beteiligten betrifft ... oder einen Komplex von Gesten und Äußerungen, welcher, bei einem einzelnen Menschen auftretend, gewisse Vorgänge auslöst." Diesen "Gestus" versucht das brechtsche Theater aufzubrechen, damit für den Theaterbesucher die Identifikation mit den Schauspielern unmöglich wird. Der Zuschauer soll zur Distanz gezwungen werden - durch ddie Verfremdung bzw. den Verfremdungseffekt. Wieder in den Worten Brechts: "Die Schauspieler müssen dem Zuschauer Figuren und Vorgänge entfremden, so dass sie ihm auffallen ... Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Bewunderung zu erzeugen."

Zwar arbeitete schon das antike Theater mit dieser Technik, indem Zuschauern mit Menschen- oder Tiermasken Vorgänge als bizarr vorgeführt wurden, doch Brechts Anliegen war das Analysieren der Handlung. Gesellschaftlich veränderbaren Vorgängen sollte das das Vertraute genommen werden, durch das sie in ihrer Unveränderbarkeit geschützt werden. Brecht wollte die Gesellschaft im Theater als Struktur zeigen, die - anders als im aristotelischen Theater - beeinflussbar ist, und zwar durch die Beobachter im Zuschauerraum. Die Zuschauer bekamen durch Brechts Theatertheorie also eine völlig neue Rolle: An die Stelle des passiven Lustgewinns sollte beim Publikum der Erkenntnisgewinn treten, dder eine aktive Veränderung der Gesellschaft antreibt und ermöglicht.

So betrachtet ist Brechts Theatertheorie natürlich politisch, doch sie ist nicht weltanschaulich in irgendeiner Weise vorbestimmt. Denn Brecht ruft zwar zum persönlichen Engagement und zur Veränderung der Gesellschaft auf, und zwar permanent, doch in welche Richtung diese Veränderung im Einzelfall gehen soll, bleibt offen.

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