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Cramer, Ernst
Leben und Wirken
Vor dem Zweiten Weltkrieg
Ernst Cramer wurde am 28. Januar 1913 in Augsburg geboren. Der Vater Ernst Cramers, Martin Cramer, war Kaufmann und arbeitete zunächst von Bingen aus als Weinhändler, später von Augsburg aus als Zigarrenhändler. Martin Cramer war mit Bertolt Brecht bekannt und gründete mit diesem zusammen die Literarische Gesellschaft Augsburg?. Die Literarische Gesellschaft Augsburg? organisierte bis 1933 Lesungen und Vorträge deutscher und ausländischer Autoren in Augsburg.
Weil seine Eltern das Schulgeld nicht mehr bezahlen konnten, musste Ernst Cramer 1930 das Gymnasium verlassen und eine Kaufmannslehre beginnen.
Im Jahr von Hitlers Machtergreifung 1933 gründet Cramer den Bund deutsch-jüdischer Jugend mit.
Nach den Nürnberger Rassegesetzen, so erinnerte sich Ernst Cramer später, wurde er wie andere Juden auf offener Straße angespuckt, Nazis drangen in die Augsburger Wohnung seiner Eltern ein und zertrümmerten alles, darunter die geliebte Porzellansammlung der Mutter und das Cello seines Vaters.
1937 verlässt Ernst Cramer Augsburg und arbeitet auf einem schlesischen Landgut, um aus Deutschland auswandern zu können.
Nach den Ausschreitungen des 9. November 1938 gegen Juden, wird auch der Jude Ernst Cramer sechs Wochen lang im Konzentrationslager Buchenwald eingesperrt. Noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges emigriert er in letzter Minute in die USA. Im August 1939 schifft sich Ernst Cramer in Southampton in den US-Dampfer „Manhattan“ ein. Sein Bruder und die Eltern, die in Deutschland bleiben, werden später von den Nationalsozialisten im Konzentrationslager umgebracht (1942).
Amerikanischer Staatbürger
In den USA arbeitete Cramer zunächst auf einer Flüchtlingsfarm, beginnt aber bald das Studium am Mississippi State College und an der Stanford University.
Nachdem er amerikanischer Staatsbürger geworden ist, tritt Ernst Cramer 1942 in die US Army ein.
1944 ist er bei der Landung der Alliierten in der Normandie dabei.
1945 ist er einer der Befreier Augsburgs. Erst jetzt erfährt er, dass seine ganze Familie von den Nazis ausgerottet wurde.
Zunächst arbeitet er nach dem Krieg für die US-Militärregierung und das State Departement in Würzburg?, München und in Frankfurt.
Publizismus
Ernst Cramer bleibt in Deutschland. Hier lernt er Marianne Untermayer kennen, die er 1948 heiratet. Noch im gleichen Jahr wird er stellvertretender Chefredakteur der „Neuen Zeitung“ in München. Sie war eine hochwertige deutschsprachige Zeitung, die von den Amerikanern herausgegeben wurde. Hier arbeitete er bis 1954.
Entweder reizte ihn die Karriere oder er fühlte sich Amerika verbunden, jedenfalls ging er 1954 wieder in sein Asylland zurück und arbeitete dort bei der Nachrichtenagentur „United Press (UP).
1958 kam Ernst Cramer wieder nach Deutschland zurück und trat in den Springer Verlag ein, wo er zunächst als stellvertretender Chefredakteur der WELT arbeitete.
1976 wird Cramer Herausgeber der WELT und später auch der WELT AM SONNTAG.
1981 wird er Vorsitzender der Axel Springer Stiftung.
1983 bis 1985 und zwischen 1988 und 1999 ist Ernst Cramer stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Axel Springer AG.
Weil er mit dem Verlagsgründer Axel Springer befreundet ist, wurde ihm die Testamentsvollstreckung Springers übertragen. 1985 stirbt Axel Springer und Cramer nimmt sich des Testaments seines Freundes an.
2008 stirbt die Ehefrau Cramers.
Am 19. Januar 2010 stirbt der fast 97jährige Ernst Cramer in Berlin an einem Herzinfarkt aufgrund einer verschleppten Bronchialerkrankung.
Auszeichnungen
1979 wird Ernst Cramer das Bundesverdienstkreuz I. Klasse verliehen.
1987 bekommt Cramer den Bayerischen Verdienstorden.
1988 wird er Ehrenprofessor der Stadt Berlin und „Honorary Fellow“ der Bar Ilan Universität Israel und er erhält das Große Bundesverdienstkreuz.
1994 wird er Dr. h. c. der Bar Ilan Universität Israel.
2004 bekommt er den Heinz-Galinski-Preis der jüdischen Gemeinde von Berlin.
2008 verleiht ihm das Land Berlin seinen Verdienstorden und er wird „Honorary Fellow“ des Weizman Institutes Israel.
2009 eröffnet die US-Army zu seinen Ehren ein Ernst-Cramer-Konferenzzentrum.
Sonstige Auszeichnungen: Ehrenbürgerschaft Augsburgs, Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband, Leo-Baeck-Medaille
Würdigung
Ernst Cramer hatte die menschliche Größe, sich mit dem Land seines Leidens wieder zu versöhnen und sich durch sein Leben und sein Schreiben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Juden einzusetzen. Er engagierte sich für die Aussöhnung mit Israel und für eine starke deutsche Demokratie.
Schicksalhaft war Ernst Cramers Begegnung mit Axel Springer: Beide hatten von Deutschland als liberale Konservative die gleiche Vision und berieten sich als Freunde.
Von Menschen, die mit ihm zu tun hatten, wurde Ernst Cramer als bescheiden und frei von Eitelkeiten oder Allüren geschildert.
Presse und Meinungen über ihn
Das Konstruktive ist seine Sache. Der Versuch, der Hoffnung Grund zu geben. Ein Heute und Morgen mitzugestalten, das besser ist, als das Gestern war. Dafür schreibt er. Dafür redet er. Dafür lebt er. (Friede Springer im Vorwort von Ernst Cramers Buch „Ich habe es erlebt“ von 2008)
Er war ein Vorbild für Versöhnung und Integrität. Menschlichkeit, Idealismus und Toleranz waren die Grundhaltungen, die Ernst Cramer prägten. Bis zuletzt hat Ernst Cramer bedeutende Denkanstöße für Politik und Gesellschaft gegeben. (Angela Merkel im Januar 2010)
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