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Bertolt Brechts Schulzeit und Jugend in Augsburg
Vor dem Ersten Weltkrieg
Von 1908 an besuchte Bertolt Brecht das Realgymnasium, heute Peutinger-Gymnasium?. Später schrieb er über diese Zeit: "Während meines neunjährigen Eingewecktseins an einem Augsburger Realgymnasium gelang es mir nicht, meine Lehrer wesentlich zu fördern." Dort wurde im Jahr 1911 Caspar Neher sein Klassenkamerad. Die beiden verband eine lebenslange Freundschaft.
Schon 1910 wird die Hausdame Marie Röcker im Hause Brecht angestellt, um die an Krebs erkrankte Mutter Sofie Brecht ständig pflegen zu können. Dies brachte Bertolt Brecht schon als Zwölfjährigem den Luxus einer separaten Wohnung, weil er in zwei über der elterlichen Wohnung liegende Mansardenzimmer weichen musste, die einen getrennten Zugang hatten.
1911 kauft sich Bertolt eine gebrauchte Mandoline, tauscht sie aber bald für eine Gitarre, die weniger gut erhalten ist. Er übt täglich auf dem Instrument, wobei er zum Leidwesen seiner Eltern oft die Schule vernachlässigt. Mit Gleichaltrigen, die sich intern "Die lustigen Saitenzupfer" nennen, gründet er 1912 das Septett "Amicitia". Das Repertoire besteht aus Gesängen der Jugendbewegung, des Wandervogels und aus Kompositionen Bertolts im Ländlerstil.
1913 registriert Bertolt Brecht das legendäre Treffen der "Freideutschen Jugend" auf dem Hohen Meißner, deren pazifistische Gesinnung auf ihn ausstrahlt, was dazu führt, dass er die nationalpatriotischen Tendenzen des "Zupfgeigenhansls", der offiziellen Liedersammlung der Wandervögel, erkennt. Im Septett "Amicitia" kommt es zu musikalischen und politischen Auseinandersetzungen, an denen die Gruppe schließlich zerbricht.
In der Schülerzeitschrift "Die Ernte" veröffentlichte Bertolt Brecht in den Jahren 1913 und 1914 die ersten literarischen Versuche, unter anderem den Einakter "Die Bibel".
Der Erste Weltkrieg in Brechts Leben
Meist unter dem Pseudonym Berthold Eugen veröffentlichte Brecht in den Jahren 1914 und 1915 zum ersten Mal auch in zwei Augsburger Zeitungen. Damals war er 16 Jahre alt. Die eine Zeitung hieß Augsburger Neueste Nachrichten?. In ihr erschien der Artikel "Turmwacht". Der Erste Weltkrieg war ausgebrochen und Bertolt Brecht erwies sich in seinen Artikeln als national pathetisch und als großer Patriot. Erst im Jahr 1916 änderte er seine Einstellung dem Krieg gegenüber und schwenkte von der Kriegsbejahung zum Pazifismus um. Jetzt publizierte er auch erstmals unter seinem richtigen Namen.
Die Freunde dieser Zeit hießen Georg Pfanzelt, Caspar Neher, Otto Müllereisert, Hanns Otto Münsterer?. Mit ihnen und anderen zog Bertolt Brecht ausgelassen durch Augsburg, für manche Spießbürger wirkte das Treiben der Jugendlichen provozierend. Seit 1916 schrieb Bertolt Brecht viele Gedichte, oft Balladen und Lieder, die er mit seiner Klampfe begleitete. Der brechtsche Freundeskreis war nicht nur eine Clique, sonder eine Art literarische Lebensgemeinschaft, die sich sehr elitär fühlte. In ihr inspirierte man sich gegenseitig, spornte sich zum Schreiben an, überlegte, wie man in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erregte.
Zu Ostern 1917 machte Bertolt Brecht das Kriegsnotabitur. In diesem Jahr nahm er auch seinen Künstlernamen "Bert" oder "Bertolt" statt "Berthold Eugen" an.
Im Oktober 1917 nahm er in München das Studium der Medizin und Germanistik auf, das er ab Juni 1919 nur noch pro forma weiterführte und im Jahr 1921 mit der Exmatrikulation beendete. Möglicherweise begann Bertolt Brecht das Medizinstudium, um sich vor einer Einberufung in den Krieg abzusichern. Denn Ende 1917 konnte sich Bertolt Brecht schon lange nicht mehr mit der Politik des Deutschen Reiches identifizieren. Als Assistent in einem Militärlazarett hatte er den Krieg hautnah erlebt, was seine ablehnende Haltung gegenüber dem Krieg immer mehr schärfte. Er bejahte immer mehr einen Nihilismus, der die alten bürgerlichen Werte negierte. Gedichte wie die "Legende vom toten Soldaten" zeigten, dass Brecht sich in den Reihen einer noch nicht artikulationsfähigen Linken befand.
In der Germanistik besuchte er unter anderem Vorlesungen des Theaterwissenschaftlers Artur Kutscher sowie dessen Seminare, in denen der Professor seinen Studenten moderne Dichtung nahezubringen versuchte, indem er zeitgenössische Schriftsteller zum Vortrag und zur Diskussion einlud.
Schon 1917 hielt Bertolt Brecht in einer Seminarsitzung einen Vortrag, in dem er einen Roman des von Artur Kutscher sehr geschätzten Hanns Johst verriss, weshalb ihn Artur Kutscher aus seinem Seminar hinauswarf. Wie es Brechts Art war, provozierte er den Lehrer in späteren Seminarsitzungen dadurch, dass er ankündigte, ein Drama schreiben zu wollen, das als Gegenentwurf zu dem expressionistischen Stück "Der Einsame" von Hanns Johst gedacht war und das er als "Ur-Baal" bezeichnete, was er Ende des Sommers 1918 auch wahr machte. Dieser "Ur-Baal" wurde von Artur Kutscher verrissen, ist aber nicht mehr erhalten. Man kennt nur noch eine überarbeitete Fassung aus dem Jahr 1919, die keine Anspielungen mehr enthält und auch kein Gegenentwurf zu Hanns Johsts Stück "Der Einsame" ist.
Auch für die Musikwissenschaft inskribiert sich der 18jährige Student. Die Lautenkunst eines Frank Wedekind begeistert ihn, aber auch die akkordeonistischen Klangerzählungen von Lion Feuchtwanger beeindrucken ihn. Als Gitarrist improvisiert er mit volkstümlichen Unterhaltern in Kneipen und Biergärten und kommt hier mit der ländlichen Tradition der Erntegeiger, der Begleiter der Schnitter auf dem Kornfeld in Berührung. In dieser Zeit lernt er die Spinnstubengesänge und die "Katzenmusik" des Haberfeldtreibens kennen und analysiert die rhythmischen Strukturen der Dreschlieder, die er auch in den Arbeitsliedern der Straßenbau- und Schienenlegertrupps wiederfindet. "Hoch ist die Ramme, / Bier in der Kanne, / Branntwein ins Glas, / O wie schön schmeckt das!" oder "Blau ist der Himmel, / Klein ist das Loch, / Dick ist der Schlingel, / Rin muss er doch! Rumm!" lauten solche Liedtexte, die Bertolt in seinem "Baal" verarbeitet. Auch als Sänger tritt Bertolt Brecht auf und befasst sich intensiv mit den Arbeitergesangsvereinen und ihrer klassenkämpferischen Tradition. Es reizt ihn die linken Botschaften mit der bayerischen Folklore zu vereinen.
"Der Karpfen", ein damals beliebtes Augsburger Tanzlokal, bringt Bertolt Brecht zum ersten Mal mit dem Orchestrion, einem orgelähnlichen Zungeninstrument in Berührung. Dieses Instrument lässt in ihm die Idee des "verfremdeten Klangkörpers" in ihm reifen. Er stellt ein kleines Orchester namens "Plärrer" zusammen, um seine Theorie praktisch umzusetzen: Es dominiert eine Sologitarre den mehrstimmigen Chorgesang. Zur festen Besetzung gehören ferner die 108saitige bayerische Zither, das Hackbrett, gespielt von dem Autodidakten Oskar Maria Graf?, die Bassfiedel und eine große Trommel. Die Gruppe hat viele Auftritte und wird meist noch von Maultrommel, Sackpfeifen und dem Bombardon des Multiinstrumentalisten Karl Valentin? vervollständigt.
Nach dem Ersten Weltkrieg
Vom 1. Oktober 1918 bis 9. Januar 1919 diente Bertolt Brecht als Sanitätssoldat in einem Augsburger Reservelazarett. Das Medizinstudium in München ließ Brecht nach dem Krieg immer mehr schleifen, dafür widmete er sich mehr der Theaterwissenschaft und hing seinen literarischen Ambitionen nach.
Bertolt Brecht setzt sich in dieser Zeit gegen den Widerstand der älteren Generation sowohl in den avantgardistischen Zirkeln seiner Heimatstadt als auch in den beschwingten Gruppen Schwabings? und den Lokalitäten rund um den Starnberger See? durch. Die Musik, die er und seine Freunde zum Klingen bringen, wird vom Volksmund "Hupfaufschmäh" genannt. Wie genau der Name zustande kam, ist nicht geklärt. Auf jeden Fall ist ein Bestandteil des Namens der Hopfen, der in den brechtschen Liedern oft erwähnt wird. "Hupf" könnte von "hüpfen" kommen, was auf die Tanzbarkeit der Musik hindeutet. Schmäh stellt die Verbindung zum Beschimpfen der verständnislosen älteren Generation und deren deutschnationalen Ansichten her.
Mit der Gruppe "Plärrer", die er nach dem Volksfest seiner Heimatstadt benannte, hatte Bertolt Brecht großen Erfolg. Das perkussive Element dieser Kultmusik aus Augsburg wanderte später sogar in den Titel von "Trommeln in der Nacht". "Im Dickicht der Städte" weist auf die Stadt als Schmelztiegel ländlicher Ingredienzen hin, um etwas Neues hervorzubringen. Auch die "Dreigroschenoper" kann man als folgerichtige Weiterentwicklung des Hupfaufschmähs ansehen; sie war für die Entwicklung der Langspielplatte als bevorzugter Tonträger entscheidend.
Paula Banholzer, Brechts große Jugendliebe, gebar ihm am 30. Juli 1919 in Kimratshofen? (Allgäu) den Sohn Frank.
1922 wird der "Baal" gedruckt; wegen eines möglichen Verbotsverfahrens hatte der Verlag das Stück lange zurückgehalten. Das Stück vermittelte Brechts nihilistischen Hedonismus und seine antibürgerliche Haltung. Rebellion gegen die Zwänge seiner Klasse waren die eine Seite des brechtschen Schaffens. Mehr und mehr fragte Brecht aber auch nach den Ursachen und Konsequenzen der gesellschaftlichen Entwicklungen, etwa in seinem Drama "Trommeln in der Nacht", mit dem er im gleichen Jahr den Kleist-Preis gewinnt.
Am 12. März 1923 kommt Hanne Hiob zur Welt, die älteste Tochter von Bert Brecht, deren Mutter die Opernsängerin Marianne Zoff? ist, seine spätere erste Frau.
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