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Bertolt Brechts Loslösung von Augsburg

Zwischen Oktober 1919 und Januar 1921 arbeitete Bertolt Brecht für die Augsburger Tageszeitung "Volkswille", ein Blatt der USPD. In dieser Zeit lernte Bertolt Brecht Marianne Zoff? kennen. Sie war Opernsängerin und vom September 1919 bis Mai 1921 in Augsburg engagiert. Bertolt Brecht heiratete sie am 3. November 1922 in München, wo am 12. März 1923 auch die gemeinsame Tochter Hanne (Hiob) geboren wurde.

Unter dem Eindruck der Novemberrevolution 1918 schrieb Bertolt Brecht Anfang 1919 das Stück "Trommeln in der Nacht", das am 29. September 1922 an den Münchener Kammerspielen uraufgeführt wurde. Die Kritik zeigte sich begeistert und Bertolt Brecht konnte seinen Durchbruch als Dramatiker feiern.

Obwohl Bertolt Brecht den Schriftsteller Hanns Johst, der später zum NS-Dichter und Präsidenten der Reichsschrifttumskammer avancierte, in früheren Jahren kritisiert hatte, waren gute private Beziehungen zwischen beiden vorhanden. So überlegte Bertolt Brecht Anfang 1920, seine Augsburger Freundin Paula Banholzer, die ein Kind von ihm hatte, in Oberallmannshausen? am Starnberger See? bei Hanns Johst als Hausangestellte unterzubringen.

Am 1. Mai 1920 stirbt Sofie Brecht, die Mutter von Bertolt Brecht, deren Tod er in manchem Werk verarbeitete, etwa in dem Gedicht "An meine Mutter" oder in "Der Beleidigte". Auch die starken Mutterfiguren in seinen Stücken dürften auf die enge Bindung an seine Mutter zurückgehen. Auf der anderen Seite machte ihm die Umgebung den Vorwurf, nicht angemessen getrauert zu haben, die neusachliche Abgebrühtheit, die er in seiner Dichtung pflegte, auch im Leben zu verwirklichen. So nahm er z. B. nicht an der Beerdigung im Familiengrab auf dem Protestantischen Friedhof teil, sondern suchte mit seinem Freund Caspar Neher eine Wohnung in München. Am Tag nach der Beerdigung seiner Mutter besucht Bertolt Brecht in Augsburg eine öffentliche literarische Veranstaltung, die ihm wichtig war. Der prominente "Theaterprofessor" Artur Kutscher, einer der damals angesehensten Theaterwissenschaftler, hielt am 3. Mai ab 19:30 Uhr im Augsburger Börsensaal? einen Vortrag mit dem Titel "Die Stilbewegung der jüngsten Literatur. Impressionismus und Expressionismus".

Das Thema interessierte Bertolt Brecht brennend. Kurz zum Inhalt des Vortrags: Artur Kutscher behauptete, der Impressionismus sei eine "Differenziertheit der Sinne und Seele", er sei breit, aber nicht tief, er habe keine Weltanschauung, die Tragik in ihm sei verkümmert. Darauf reagiere der Expressionismus, der Pathos wolle, expressionistische Künstler würden ihre Werke im Zustand der Verzückung schaffen, der Expressionismus sei Verdichtung und in der Gefahr in subjektivistische Raserei zu entarten. Gefordert sei in der Literatur der so genannte "Syntheismus", eine einander ergänzende Verbindung von Impressionismus und Expressionismus. Und diesen Syntheismus schaffe Hanns Johst in seinem Werk.

Ein paar Wochen zuvor hatte Thomas Mann im Augsburger Börsensaal aus seinem Werk "Der Zauberberg" gelesen, das damals noch nicht veröffentlicht war und Bertolt Brecht hatte in der damaligen Zeitung der USPD Der Volkswille? eine positive Rezension geschrieben.

Hier, im Augsburger Umfeld, war Bertolt Brecht schon "wer". In der Zeit von Oktober 1919 bis Januar 1921 erschienen von ihm im Volkswillen? über zwanzig Beiträge von ihm, meist Kritiken Augsburger Theaterinszenierungen. Manche seiner Artikel waren so provokant, dass das Augsburger Theater überlegte, ihm die Gratis-Eintrittskarte zu entziehen, die ihm als Kritiker zustand. Einmal klagte eine angegriffene Schauspielerin sogar wegen Beleidigung gegen ihn.

Am 9. Juli 1920 besucht Brecht Hanns Johst in dessen Haus am Starnberger See?, um dort mit ihm über das johstsche Werk "Der König" zu diskutieren. Bei diesem Besuch trifft Bertolt Brecht zum ersten Mal seinen später so wichtigen Verleger Peter Suhrkamp.

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