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Autor und lyrisches Ich

Das "Tagebuch No. 10" ist das erste autobiografische Dokument von Bertolt Brecht. Es dokumentiert die zweite Hälfte des Jahres 1913, also Brechts Leben im Alter von 16 Jahren. Schon damals steht für ihn fest Dichter werden zu wollen, weshalb man sich über Selbststilisierungen in diesem Tagebuch nicht wundern darf. Selbstbespiegelung und Gefallsucht stehen im Vordergrund. Auch spätere autobiografische Notizen und Schriften gehen bis in das Jahr 1921 in diese Richtung. Die Aufzeichnungen dieser Zeit sind also mit Vorsicht zu lesen, Dichtung und Realität sind nicht immer trennbar. Brechts "Dichteritis" ist umgekehr wiederum stark lebensgeschichtlich motiviert. Das kann an dem Thema Freundschaft und einzelnen Werken exemplifiziert werden.

Am 20. Februar 1916 erschien in der München-Augsburger Abendzeitung? das brechtsche Gedicht "Soldatengrab". Darin heißt es:

Bei den Soldaten drunten
Ist auch mein Freund dabei.
Ich hab in nicht rausgefunden.
Es ist auch einerlei.

Fakt ist jedoch, dass zu diesem Zeitpunkt keiner der Freunde von Bertold Brecht im Krieg gefallen waren. Erst im Jahr 1918 fiel Brechts bester Freund Fritz Gehweyer und der Klassenkamerad Julius Bingen. Warum also das Soldatengrab-Gedicht? Aus den Augsburger Zeitungen konnte Brecht an Hand der Gefallenenmeldungen entnehmen, welch hoher Blutzoll der Krieg forderte. Soldatengrab-Dichtungen waren zu dieser Zeit gerade unter Patrioten en vogue. Dieses literarische Genre imitiert Bertolt Brecht. Lyrisches Ich und Autor fallen deutlich auseinander.

In der Zeit vor Fritz Gehweyers Tod wendete sich Bert Brecht dem Kriegswahn zu. Ende 1917, Anfang 1918 schrie er die groteske Allegorie "Legende vom toten Soldaten", die ihm Verfolgung durch die Nazis und Anerkennung von Kurt Tucholsky einbrachte. In diesem Werk wird die Wilhelminische Epoche demaskiert. Das Gedicht ist dem "Infanteristen Christian Grumbeis" gewidmet, hinter dem sich Caspar Neher verbirgt. Zwar überlebte Caspar Neher den Krieg, doch sein Schicksal erinnert an den "toten Soldaten". Bertolt Brecht machte sich große Sorgen um seinen Freund und verurteilte dessen Idealismus, ja beschwor ihn sich dem Krieg zu entziehen. Zwischen August 1917 und August 1918 schrieb er ihm 26 Briefe an die Front. Caspar Neher hatte sich freiwillig an die Front gemeldet und nahm an vielen Einsätzen teil, wurde am 14. April 1917 verwundet und verschüttet, worauf er einen Genesungsurlaub in Augsburg erhielt. Darauf nimmt die "Legende vom toten Soldaten" direkt Bezug: Obwohl "begraben" lässt sich der "tote" Soldat weiterhin in blindem Idealismus missbrauchen. Der "tote" Soldat ist also zwar ein Kunstgebilde Brechts, aber nicht "nur Literatur". Die Freunde Brechts in Augsburg dürften verstanden haben, welche biografischen Motive sich in dem Gedicht verbargen.

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