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Augsburg im Nationalsozialismus - Ein Überblick

Konsolidierung der NS-Herrschaft

Die Erfolge der NSDAP seit 1928 in Augsburg waren zunächst nicht groß. Bei den Landtagswahlen? erreichte sie 6,9 % und bei den Gemeindewahlen? im Dezember 1929 ergab sich für die Stadt Augsburg folgende Sitzverteilung bei insgesamt 50 Ratssitzen: BVP? 17, SPD 14, KPD? 4, NSDAP? 3, Wirtschaftspartei? 3, DDP? 2, Verbraucher- und Mietervereinigung? 2, Sonstige 2. Damit ergaben sich in der Stadtverwaltung keine Veränderungen. Auch bei den Reichstagswahlen? im März 1933 erzielte die NSDAP in Augsburg mit 32,3 % weniger Stimmenzuwachs als im übrigen Reichsgebiet (43,9 %, Bayern 42,6 %).160

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 blieb es in Augsburg zunächst ruhig. Am 9. März hissten Karl Wahl und Abordnungen von SA? und SS? auf dem Perlachturm und dem Rathaus Hakenkreuzfahnen.161 Wahl, der 1922 eine Ortsgruppe der NSDAP? in Augsburg mitgegründet hatte, übernahm 1926 die SA-Standarte Augsburg?, wurde 1928 zum Gauleiter und 1934 zum Regierungspräsidenten von Schwaben ernannt. Er galt als gemäßigter Parteiführer, war evangelischer Herkunft und bemühte sich um ein konfliktarmes Verhältnis zu den führenden bürgerlichen, industriellen und kirchlichen Kreisen der Stadt.162 Streit mit den Kirchen vermied er nach Möglichkeit.163

Schwabens Regierungspräsident Heinrich Graf von Spreti? und Augsburgs Oberbürgermeister Dr. Otto Bohl? (BVP) mit seinem bürgerlichen liberal-demokratischen Stadtrat blieben zunächst im Amt. Am 23. April 1933 wurde der Rat mit folgender Sitzverteilung neugebildet: 14 NSDAP?, 11 BVP?, 9 SPD und 2 Kampffront Schwarz-Weiß-Rot (DNVP?). Fünf Tage später wählte man den nationalsozialistischen Stadtrat Josef Mayr? zum zweiten Bürgermeister?. Im Laufe des folgenden Monats wurden alle SPD -Mitglieder aus dem Stadtrat ausgeschlossen. Am 2. August 1933 bildete man den Rat erneut um, wobei auf die NSDAP? 34 Sitze von 36 entfielen, der Rest ging an die DNVP? bis zu ihrem endgültigen Ausscheiden am 12. September. Bohl? wurde zwangspensioniert, so dass der Nationalsozialist Dr. Edmund Stoeckle? die Führung im Rathaus übernehmen konnte. Am 12. Dezember schließlich wählte man Josef Mayer? zum Oberbürgermeister?, der dieses Amt bis Kriegsende innehatte.

Widerstand

Auch in Augsburg wurde bald nach Hitlers Regierungsantritt hart gegen Mitglieder der KPD? und SPD vorgegangen.164 Vor dem Gewerkschaftshaus hatte sich unmittelbar nach der Regierungserklärung eine Menschenmenge versammelt, die auf einen Funkspruch der Gewerkschaftsleitung Berlin wartete, der den Generalstreik zum Sturze Hitlers ausrufen sollte. Dieser jedoch erfolgte nicht.

Der Augsburger SPD -Reichstagsabgeordnete Josef Felder hatte sich in dem Gebäude versteckt, da ihm mitgeteilt worden war, in seiner Wohnung in der Rosenaustraße, wo sich auch die Druckerei und Redaktion der Schwäbischen Volkszeitung? befand, sei bereits die Gestapo? erschienen, um ihn abzuholen. Vom Gewerkschaftshaus aus flüchtete er sofort in die Tschechei, reiste jedoch später wieder illegal nach München, wo er entdeckt und verhaftet wurde.165

Am 2. Mai 1933 besetzte die SA? das Augsburger Gewerkschaftshaus und verhaftete alle Funktionäre.166 Bis Kriegsbeginn wurden alle sozialdemokratischen und kommunistischen Gruppierungen in der Stadt restlos zerschlagen.167 Trotzdem bildeten sich illegale Widerstandszellen, so eine kommunistische Gruppe um Anna und Josef Pröll, die mit Flugschriften und Klebezetteln gegen das Regime aufbegehrten.168 Eine andere Vereinigung, die „Revolutionären Sozialisten“, entstand aus den ehemaligen Jugend-, Sport- und Bildungsverbänden der verbotenen SPD. Zu ihr gehörten der Schriftsetzer Eugen Nerdinger? und Bebo Wager, die in dem Augsburger SPD -Führer Clemens Högg (1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben gekommen) einen Unterstützer fanden. Wager und Nerdinger knüpften 1936 Kontakte mit der sozialistischen Münchner Gruppe um Hermann Frieb, der wiederum mit Waldemar von Knöringen bekannt war, der die Widerstandsformen der Organisation „Neu Beginnen“ in Süddeutschland eingeführt hatte. Die Kader der einzelnen illegalen Ortsgruppen standen mit der Auslandsleitung in Prag in Verbindung, wobei die Haupttätigkeit in der Berichterstattung über den Widerstand in Deutschland bestand.169 Wager und Frieb brachten Propagandamaterial aus der Tschechei nach Deutschland und wurden im April 1942 auf einer ihrer Fahrten in Österreich festgenommen, zum Tode verurteilt und ein Jahr später in München-Stadelheim hingerichtet. Im Anschluss daran kam es auch in Augsburg zu einer Verhaftungswelle, die praktisch den letzten Widerstand des linken Spektrums zerschlug.170

Daneben spielte Schwaben eine bedeutende Rolle im bürgerlichen Widerstand des Kreisauer Kreises um Helmuth James Graf von Moltke in Schlesien. Die Augsburger Dr. Franz Reisert?, Rechtsanwalt, Roland von Hösslin?, Major und Fürst Ernst Fugger von Glött? wirkten aktiv an den Neuordnungsplänen dieser Gruppierung mit. Hösslin wurde hingerichtet, Reisert und Fürst Fugger entgingen mit Zuchthausstrafen knapp dem Tode.171 Die drei Augsburger wirkten ursprünglich im Kreis um den ehemaligen bayerischen Gesandten in Berlin, Franz Sperr, mit, der sich 1943 in Süddeutschland gegründet hatte. Reisert stellte schließlich über den Jesuitenpater Alfred Delp, mit dem er bekannt war und der zum Kreisauer Kreis gehörte, die Verbindung nach Schlesien her.172

Jüdische Bevölkerung

1933 zählte die Augsburger Kultusgemeinde 1.250 Mitglieder, von denen 650 noch vor Kriegsbeginn ins Ausland emigrieren konnten.173 In der sogenannten „Reichskristallnacht?“ am 9. November 1938 brannte auch die Synagoge in Augsburg. Große jüdische Textilbetriebe wie Kahn & Arnold oder das Warenhaus der Gebrüder Landauer (später „Zentralkaufhaus“ und Galeria Kaufhof), fielen der „Arisierung?“ zum Opfer.174 Karl Wahl hielt sich in der Regel strikt an das von Berlin ausgegebene antisemitische Programm, wenngleich die Maßnahmen in Schwaben nicht mit vergleichbarem Fanatismus wie etwa in Franken unter Gauleiter Julius Streicher durchgeführt wurden. Das von Hitler angeordnete Novemberpogrom fand jedoch auch in Augsburg unvermindert hart statt. Wer bis Kriegsende nicht ausgewandert war, fiel der Deportation zum Opfer. Bis 1943 waren die „Aussiedlungsaktionen“ im Gau Schwaben beendet, etwa 600 Augsburger Jüdinnen und Juden waren davon betroffen.175

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160 Domarus, Wolfgang: Nationalsozialismus, Krieg und Bevölkerung. Untersuchungen zur Lage, Volksstimmung und Struktur in Augsburg während des Dritten Reiches; München; 1977 (= Domarus: Nationalsozialismus, Krieg, Bevölkerung); S. 30.
161 ebd.; S. 42f.
162 ebd.; S. 34-38.
163 Zorn, Wolfgang: Schwaben und Augsburg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunders; München; 1976 (= Zorn: Schwaben und Augsburg); S. 15.
164 Domarus: Nationalsozialismus, Krieg, Bevölkerung; S. 44-49.
165 Persönliches Gespräch mit Hans Kollmannsberger am 17. Juni 1996 in Augsburg.
166 Zorn: Schwaben und Augsburg; S. 14.
167 Domarus: Nationalsozialismus, Krieg, Bevölkerung; S. 167.
168 Gespräch Kollmannsberger.
169 Domarus: Nationalsozialismus, Krieg, Bevölkerung; S. 167f.
170 Gespräch Kollmannsberger.
171 Zorn: Schwaben und Augsburg; S. 16.
172 Domarus: Nationalsozialismus, Krieg, Bevölkerung; S. 175f.
173 Domarus: Nationalsozialismus, Krieg, Bevölkerung; S. 152.
174 Zorn: Schwaben und Augsburg; S. 15.


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