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Altes Hauptkrankenhaus

Ein Gebäude der Augsburger Medizingeschichte. Im so genannten "Maximiliansstil" errichtet.

Allgemeines

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Das Alte Hauptkrankenhaus liegt in der Jakobervorstadt am Unteren Graben der Stadtmauer. Das Gelände wird im Süden durch die Henisiusstraße? begrenzt, die früher nach einem hier gelegenen Arbeitshaus? „Arbeitshausgasse“ hieß. Im Norden verläuft das Pulvergässchen, wo ehemals verschiedene Pulvermühlen? arbeiteten, im Osten die Franziskanergasse.

Im Süden des Alten Hauptkrankenhauses gibt es einen Park mit großen Bäumen und einer alten Mauer. Der U-förmige Neubau des Medizinzentrums des Vincentinums hat vier Geschosse und steht symetrisch zum Alten Hauptkrankenhaus, das er in seinen Proportionen spiegelt. Mit der U-Form des Medizinzentrums ergibt sich ein Innenhof.

Dass sich gleich in der Nähe das Vinzentinum? befindet, war wohl der Grund, warum 2008 das Gebäude von den Vinzentinerinnen? gekauft wurde. Bevor das Hauptkrankenhaus gebaut wurde, hatte man ein ehemaliges Arbeitshaus 1811 umgebaut und mit 200 Krankenbetten ausgestattet, was als „Allgemeines Krankenhaus“ in die Augsburger Stadtgeschichte einging. Die immer stärker werdende Industrialisierung mit ihren neuartigen Krankheiten und Unfällen machte den Krankenhaus-Neubau des Alten Hauptkrankenhauses im 19. Jahrhundert von Jahrzehnt zu Jahrzehnt notwendiger.

Geschichte

Der erste Bau auf dem Gelände des Alten Hauptkrankenhauses war ein katholisches Zuchthaus. Katholische Stadträte wollten mit dieser Einrichtung gegen das „Laster“ vorgehen und die „Kinderzucht“ fördern. Die Bürger? Simon Mannert und Caspar Heiß sammelten dafür in den Jahren 1713/14 Geld, während die Stadträte Heinrich Maurmann, Jacob Holtzapfel und Ferdinand Langenmantel als „Deputierte für das katholische Zuchthaus“ Ende März 1713 schon einmal ein Gebäude für die Einrichtung erwarben. Sie kauften dem Händler Abraham Kalkhschmidt für 1000 fl den so genannten „Stadel bei der Sackhpfeiffen ab, nachdem schon ein paar Wochen zuvor mit dem Bau des Zuchthauses katholischer Prägung begonnen worden war. Schon im Juni 1713 war ein erster Bauabschnitt fertig und die „Zuchtmeister“ oder „Zuchtväter“ mit ihren „Zuchtknechten“ konnten in Aktion treten. Die Seelsorge übernahmen die Franziskaner?.

Nun wollten die Protestanten nicht zurückstehen und zogen 1716 mit einem evangelischen Zuchthaus nach, von dem bekannt ist, dass pro Jahr etwa 50 Personen hier „gezüchtigt“ wurden.

Im April 1754 erreichte eine Petition den Magistrat?, man solle die beiden konfessionellen Zuchthäuser zusammenlegen. Schon am 28. Januar 1755 beschloss der Magistrat? die beiden konfessionell betriebenen Zucht- und Arbeitshäuser zu einer paritätischen Einrichtung zusammenzulegen. In dem entsprechenden Dekret sah man die neue Einrichtung vor allem gegen den Straßenbettel? gerichtet. Das ehemalige katholische Zuchthaus wurde nun als Stadel und Hofraitin, so vormals das katholische Zuchthaus gewesen verkauft. Noch im 19. Jahrhundert diente es Brauereien als kühlender Sommerkeller. Das neue paritätische Zucht- und Arbeitshaus baute man im ehemaligen Fuggerschen Garten?, den Bau leiteten die beiden Stadträte Paul von Stetten der Ältere? und Jacob Wilhelm Benedikt Langenmantel?. Nach dem Entwurf des Stadtbaumeisters? Fink entstand ein Gebäude mit drei Stockwerken und mehreren Trakten. Nur Gemeinschaftsräume wurden von beiden Konfessionen genutzt, untergebracht wurden die Angehörigen immer noch nach der Konfession in verschiedenen Trakten. Es gab sogar zwei Kapellen, eine für jede Konfession. Zwar wurden sie von der Stadt erbaut, doch musste jede Konfession ihre eigene Kapelle unterhalten. Im Oktober 1755 nahm die Stadt das neue Gebäude in Betrieb.

1788 brachte man eine Maschinenspinnerei in der Einrichtung unter, die aber schon 1792 wieder bankrott war. Teilhaber der Aktiengesellschaft waren Johann Friedrich Hainle und zwei Mitglieder der Familie Stetten?.

1805 richtete Bayern ein Militärspital in dem ehemaligen Zucht- und Arbeitshaus ein, das 1813 durch die von der Polizei errichtete Beschäftigungsanstalt im ehemaligen Dominikanerkloster Sankt Magdalena? ersetzt wurde.

Weil sich damals die Augsburger Krankenanstalten in verbesserungswürdigem Zustand befanden, wandelte man Anfang des Jahres 1811 das Militärhospital in ein Lokalkrankenhaus, das mehrere Gesundheitseinrichtungen zusammenfassen bzw. ersetzen sollte. So verlegte man die Kranken des Blatterhauses? im Mai 1815 in das neue Krankenhaus und im August des gleichen Jahres auch die Kranken, die im Pilgerhaus? untergebracht waren. Seelsorgerlich wurde das Lokalkrankenhaus von Sankt Maximilian aus betreut. Im Blatterhaus? richtete man ein „Correctionshaus“ für „Polizey übertretter“ ein.

Das neue Krankenhaus erhielt das Vermögen der beiden aufgelösten Häuser und früher bestehender Einrichtungen wie der Paritätische Sankt Martins-Stiftung?, des älteren Almosenamts? oder der Mainone´sche Vestarienstiftung?. Das alles aber reichte nicht aus, um das neue Lokalkrankenhaus zu unterhalten, das 1813 Kosten von 32.000 fl aufwarf. Deshalb erhob die Stadt von Dienstboten, Handwerkern und Arbeitern einen Pflichtbeitrag zur Unterhaltung des Krankenhauses, der aber ebenfalls nicht ausreichte, weil ein Verzeichnis aller Beitragspflichtigen fehlte und sich somit viele der Beitragspflicht entziehen konnten.

Zwischen 1811 und 1819 bestand das städtische Augsburger Krankenhaus aus fünf Abteilungen: eine für Geisteskranke, eine für Aussätzige und Geschlechtskranke, eine für Schwangere und Kindbetterinnen, eine für innerlich und äußerlich Kranke und eine für Versorgte. Man schätzt, dass das Krankenhaus damals etwa 100 Menschen aufnehmen konnte. Kostzettel regelten die Essensversorgung der kranken, um in das Krankenhaus aufgenommen zu werden, musste man bei der königlichen Polizeidirektion einen Antrag stellen; diese entschied auch darüber, ob man kostenfrei aufgenommen wurde oder den Aufenthalt zahlen musste. Unheilbar Kranke wurden nur in Fällen größter Armut aufgenommen. Auch im neu errichteten Krankenhaus, das von der bayerischen Regierung unterstützt wurde, galt eine Trennung der Konfessionen, die auch eigene Kapellen hatten.

Schnell wurde das neu errichtete Krankenhaus, das nebenbei bemerkt baulich und hygienisch kaum den Erfordernissen der Medizin entsprach, zu klein. Als Dr. Franz Reisinger? 1831 ärztlicher Direktor im Augsburger Lokalkrankenhaus wurde, warnte er vor Epidemien, die von dem Krankenhaus nicht bewältigt werden könnten. Schon 1836 bewies die Cholera-Epidemie in Augsburg, wie recht er hatte. Eine Epidemie, die sich 1854 wiederholte.

Der Standort des Alten Hauptkrankenhauses war auch Standort des ersten Mutterhauses der Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul?.

1852 stiftete der Rotgerber Georg Henle? 100.000 Gulden – mit der Auflage, dass katholische Patienten durch katholische Schwestern gepflegt werden sollten. Obwohl die Stadt froh war, die Zeiten der Parität überwunden zu haben, stimmte man der Bedingung zu und sicherte sich die Stiftung, denn so viel Geld war für die Stadt, die damals etwas um die 35.000 Einwohner hatte, herzlich willkommen. Später stiftete die Familie Schaezler? noch 10.000 Gulden, damit die evangelischen Patienten von Diakonissen betreut werden konnten.

Im April 1854 legte ein 11-Punkte-Plan Eckdaten des Krankenhauses fest, die man als Planungsgrundlage verwendete. Die Pläne für das paritätische städtische Hauptkrankenhaus erarbeitete der Stadtbaurat? Joseph Kollmann?. Ausgelegt war das damals moderne Krankenhaus auf 300 Patienten. Jeder Raum sollte höchstens 12 Betten haben.

Der Grundstein zum Hauptkrankenhaus wurde am 16. Mai 1856 gelegt. Im Jahr 1859 eröffnete man das Krankenhaus für Patienten. Damals war das "Haupthaus" nach geltenden Maßstäben großzügig eingerichtet. Zur Eröffnung hatte das Augsburger Localkrankenhaus sechs medizinische Abteilungen – getrennt nach Geschlechtern und Konfessionen. Schon damals gab es Kritik an der Flügelbauweise, weil sie als Ursache für die leichte Verbreitung von Infektionen gesehen wurde. Die Innenausstattung mit zentraler Warmwasserheizung galt als modern. Der mehrgeschossige Flügelbau beherbergte im Mittelbau die Behandlungs- und Gemeinschaftsräume. Im größeren Flügelbau nahm man die Katholiken auf, im kleineren die Protestanten. 700.000 Gulden kostete der Bau des Alten Hauptkrankenhauses damals.

Mit der Industrialisierung? kamen immer mehr Fabrikarbeiter mit ihren Arbeitsunfällen etwa an Spinnmaschinen zur Aufnahme. Deshalb führte das Hauptkrankenhaus 1868/75 ein Krankenkassensystem ein und spezialisierte sich chirurgisch auf die Behandlung der Extremitäten.

Aber um 1900 erhoben sich Stimmen, die eine Anpassung an die veränderten Bedingungen forderten, doch erst 1910 bis 1914 kam es zu einem großen Umbau und einer Modernisierung. Die Renovierungsmaßnahmen dieser Jahre umfasste eine Elektrifizierung und die Erneuerung der sanitären Anlagen und kostete etwa 700.000 Reichsmark. Während des Ersten Weltkrieges platzte das Krankenhaus aus allen Nähten und man musste Betten und sogar ganze Abteilungen etwa in die Hessing-Kliniken auslagern. Von 1921 stammen deshalb die ersten Pläne zu einem Krankenhausneubau, die aber wegen der Weltwirtschaftskrise aufgegeben wurden.

1935 lag ein 5-Jahres-Plan zum Ausbau in Etappen vor. Vor allem sollte der Operationstrakt erweitert und modernisiert werden, denn die Operationen waren von etwa 700 (1922) auf 2.000 (1934) gestiegen. Nach dem im Januar 1934 erlassenen „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurde das Alte Hauptkrankenhaus Vollzugsstelle von Zwangssterilisationen im Zuständigkeitsbereich des Erbgesundheitsgerichts Augsburg?. Vorgenommen wurden diese Eingriffe von Dr. Schaulin, Dr. Klöck, Prof. Dr. Haecker und Dr. Mack, nach dem in Augsburg sogar eine Straße benannt wurde Doktor-Mack-Straße. 1936 und 1937 baute man an.

1938 hob man die konfessionelle Küchentrennung auf. 1943 ersetzten die Nazis die kirchlichen Schwestern am Hauptkrankenhaus durch systemkonforme Schwestern der nationalsozialistischen Volkswohlfahrt. So gelang es ihnen nicht nur die Zwangssterilisationen ohne Widerstände durchzuführen, sondern auch die psychiatrische Abteilung der Klinik im Sinn ihrer Erb- und Rassenpolitik zu betreiben. Vom Alten Hauptkrankenhaus wurden Patienten dieser Abteilung an Konzentrationslager oder die „Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee“ überstellt, wo nicht wenige in die Vernichtungsanstalten Grafeneck und Hartheim verschickt und dort umgebracht wurden.

1944 wurden der Süd- und der Ostflügel durch Bomben schwer beschädigt.

Ab 1945 folgten Wiederaufbau und regelmäßige Umbauten und Modernisierungen. 1946 beendete man die Trennung der Stationen in katholisch und evangelisch. Aber erst im Jahr 1958 wurde die auf Georg Henle? zurückgehende konfessionelle Bindung des Krankenhauses generell aufgehoben. Den Wiederaufbau des Alten Hauptkrankenhauses schloss die Stadt Augsburg 1951 ab. Weil das kleine städtische Krankenhaus in keiner Weise dem Bedarf gerecht werden konnte, entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Augsburg ein dezentrales Krankenhauswesen, obwohl der Stadtrat schon am 23. Juli 1959 beschloss, auf dem Kobelfeld? ein neues zentrales städtisches Krankenhaus zu errichten (Klinikum Augsburg).

1960 wurde ein evangelisches Waisenhaus, das gegenüber dem Alten Hauptkrankenhaus stand, abgerissen.

In den 1970er Jahren konnte ein Krankenhaus-Neubau nicht mehr vermieden werden.

1982 wurde das Krankenhaus nach 123 Jahren Betrieb geschlossen, weil es nicht mehr den Erfordernissen der Zeit entsprach und die Stadt das Klinikum Augsburg gebaut hatte. Anschließend zogen verschiedene soziale Projekte, städtische Behörden, Theatergruppen und Teile der Hochschule Augsburg in die denkmalgeschützten Räumlichkeiten des Hauses ein. Eine zeitlang hatten die Augsburger GRUENEN im ehemaligen Blumenladen des Krankenhauses an der Ecke Henisiusstraße? / Unterer Graben ihr Parteibüro untergebracht.

2008 Verkauf durch die Stadt Augsburg an die Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul?.

Am 19. Mai 2009 wurde der Ideen- und Realisierungswettbewerb mit dem 1. Preis an das Stuttgarter Architektenbüro wulf & peter entschieden.

Details

In einem Stadtplan aus dem Jahr 1881 ist das Hauptkrankenhaus als eines der wichtigsten Augsburger Gebäude miniaturisiert abgebildet.

Am Eingang des Hauptkrankenhauses ist die Zirbelnuss an den Säulen abgebildet.

Über dem Hauptbau thront ein Türmchen mit einem Blitzableiter. Es diente früher als Entlüftungsschacht.

In Zeiten der konfessionell getrennten Betreuung mussten 70 Prozent der Betten katholisch und 30 Prozent evangelisch belegt werden. Aber sowohl Katholiken wie Protestanten wanderten in das gleiche Leichenhaus.

In Notfällen konnte das Krankenhaus zu Beginn bis zu 400 Patienten aufnehmen.

Der Hauptbau ist 132 Meter lang und nach Süden gerichtet, drei Flügel sind nach Norden gelegt. 320 Zimmer, 270 Gaslichter, 450 Fenster und mehr als 42.000 Kubikmeter Raum sind weitere Details des Baus.

Das neue Medizinzentrum des Vincentinums vereint den denkmalgeschützten Altbau an der Henisiusstraße? mit einem östlichen modernen Anbau. In ihm ist eine physiotherapeutische Praxis, eine Tagesklinik mit ambulantem OP-Bereich, eine Apotheke, ein Sanitätshaus, Arztpraxen und eine radiologische Praxis untergebracht.

Das neue Medizinzentrum ist mit dem Vincentinum verbunden.

Die Fertigstellung des Medizinzentrums 2011/2012 führt zur Verkehrsberuhigung der Franziskanergasse zwischen Sankt Max? und dem Vincentinum.

Das Medizinzentrum weist 250 Parkplätze auf, davon 200 in einer Tiefgarage.

Adresse

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