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Afra

Der Legende nach eine Hure, die in Augsburg lebte, sich zum christlichen Glauben bekehrte und deshalb auf einer Insel des Lechs verbrannt wurde. Von der katholischen Kirche zur Heiligen und Schutzpatronin der Stadt Augsburg und des Bistums Augsburg erklärt.

Hl. Afra aus dem Graduale 199r
Hl. Afra aus dem Graduale, Staats- und Stadtbibliothek Augsburg 2° Cod 248, Bl. 199r - Datierung um 1500 von Leonhard Wagner (1454-1522) [Public domain], via Wikimedia Commons

Leben und Wirken

Nach kirchlicher Überlieferung wurde Afra um 280 nach Christus geboren, aber ein genaues Datum ist unbekannt. Sie soll im Jahr 304 auf einer Lechinsel bei Augsburg ("ad insulae fluvii quae vocatur Lacce"] als Märtyrerin für ihren Glauben verbrannt worden sein, angeblich in der Nähe des heutigen Friedberg. Im Südwesten Friedbergs steht die Kirche Sankt Afra im Felde?. Ein Strang der Überlieferung sagt, Afra sei nahe dieser Kirche ums Leben gebracht worden. Andere Ortsangaben für den Tod Afras sind das Lechfeld, eine Schotterebene südlich von Augsburg zwischen den Alpenflüssen Lech und Wertach oder der Flussbereich zwischen Augsburg und dem rund 40 Kilometer entfernten Landsberg? am Lech. So ungenau diese Angaben über den Todesort der Afra sind, so sind sich ihre frommen Hagiographen doch einig, dass der Ort ihres Leidens in der Nähe von Augsburg lag. Laut Legende sollen mit ihr zusammen etwa 30 weitere Personen ums Leben gekommen sein. Eine andere Quelle behauptet, Afra sei an einen Baumstamm gebunden und enthauptet worden, also nicht verbrannt, weshalb sie oft mit einem Baumstamm abgebildet wird.

Legenden erzählen, Afra sei Tochter des Königs von Zypern gewesen. Als dieser erschlagen wurde, seien seine Frau Hilaria und die Tochter Afra nach Rom geflohen, wo die Mutter ihre Tochter der Liebesgöttin Venus geweiht habe. In Rom soll Afra geträumt haben, dass Königin von Augsburg werde. Deshalb sie sie mit ihrer Mutter nach Augsburg gezogen. In Augsburg angekommen, habe sie mit anderen Venusdienerinnen ein Freudenhaus eingerichtet, in das während seiner Flucht vor den Christenverfolgern unter Diokletian der Bischof Narcissus eingekehrt sei - ohne zu wissen, dass es sich um ein Freudenhaus handelte. Angeblich wurde Afra angesichts der Gebete des Bischofs erschüttert, bekehrte sich und ließ sich taufen. Weil sie das Bordell schloss, sei sie von enttäuschten Augsburger Freiern als Christin angezeigt worden, was ihr am Ende die Verbrennung bzw. Enthauptung einbrachte, je nachdem, welcher Überlieferung man sich anschließt.

Die Mutter Hilaria hat laut Legende nach dem Tod der Tochter eine Kapelle bauen lassen. Die Kirche Sankt Ulrich und Afra soll genau an der Stelle dieser frühen Kirche, die zerstört wurde, stehen. In der Bartholomäus-Kapelle von Sankt Ulrich und Afra wird ein Sarkophag gezeigt, der 1064 im Jahr der Heiligsprechung Afras gefunden wurde und die angebrannten Gebeine der Heiligen enthalten soll.

Laut eines Berichts des Reisenden Venantius Fortunatus aus dem Jahr 565 (nach anderen Historikern 675) gab es damals in Augsburg schon den Kult um die frühchristliche Märtyrerin. Venantius Fortunatus war Norditaliener und schrieb nach einer Reise zum Grab des hl. Martin dessen Vita. In ihr ließ er den Leser als fiktiven Pilger vom Grab des hl. Martin in Tours durch Nordgallien über Augsburg und die Alpen nach Aquileja, seiner Heimat, und Ravenna reisen. In Augsburg sollte der Pilger die Gebeine der hl. Afra verehren. Die Reiseroute soll in umgekehrter Richtung der des Fortunatus entsprochen haben. Genau heißt es in seinem Bericht: "Wenn es dir vergönnt ist, über die Flüsse der Barbaren zu gehen, so dass du friedsam den Rhein und die Donau? überschreiten kannst, so ziehst du nach Augsburg, wo Lech und Wertach fließen; dort sollst du die Gebeine der heiligen Märtyrerin Afra verehren."

Martyrium der Hl. Afra
Martyrium der Hl. Afra. Hektor Mülichs Abschrift der Stadtchronik Sigismund Meisterlins. Staats- und Stadtbibliothek Augsburg Codex Halder 1, Bl. 71v. 1457 von Hektor Mülich (Foto Marburg Bildarchiv) [Public domain], via Wikimedia Commons

Stufen der Legendenbildung

Nach dem Zeugnis des Venantius Fortunatus gibt es folgende drei historische Stufen der Afra-Legende:

Mitte des 7. Jahrhunderts entstand Afras Leidensgeschichte ("Passio"). Sie wurde wie eine römische Mätyrerakte gestaltet. Das Dirnenmotiv hat man wahrscheinlich aus den Erzählungen der Altväterleben ("Vitae patrium") übernommen.

Um 800 hat man diese "Passio" noch durch eine Bekehrungsgeschichte ("Conversio") ergänzt. Jetzt kommt die Geschichte von Bischof Narcissus von Gerundum hinzu, wobei ihn in manchen Überlieferungen sein Diakon, Felix von Gerona, nach Augsburg begleitet. Nun hat man auch die Namen von Afras Mutter – Hilaria – und ihrer Mägde - Digma, Eunomia und Eutropia – ergänzt.

Dritte Stufe der Legendenbildung: Um 1200 erarbeitete der Sakristan, Lehrer der Klosterschule und Prior des Benediktinerklosters Sankt Ulrich und Afra? die dritte Hauptfassung der Legende. Das Dirnenmotiv erschien ihm nicht mehr passend, weshalb er es strich. Schon in Augsburger Kalendern aus dem 11. Jahrhundert (1010, 1050 und 1100) wurde Afra neutral als "virgo" bezeichnet, was "junge Frau" bedeutet. Das schloss zwar nicht aus, dass Afra eine Prostituierte war, doch wurde es durch die Bezeichnung "virgo" im Unbestimmten gehalten. Vollkommen "bereinigt" hat man die Legende 1977 in der Liturgie des Afrafestes, in der Afra nur noch als "unbekannte römische Jungfrau und Märtyrerin" verehrt wird.

Ikonographie

Meist wird Afra mit Märtyrerpalme und Krone dargestellt. Sie erscheint an einen Baum gebunden und auf einem brennenden Holzstoß stehend. Manchmal sind Pinienzapfen ihre Attribute. In Sankt Ulrich und Afra steht der Afra-Altar, den 1607 Hans Degler? und Elias Greither? schufen. Auf ihm ist ihre Feuermarter abgebildet.

Auch das Glasfenster im Nordquerhaus des Münsters Freiburg im Breisgau zeigt eine Sankt Afra aus der Zeit um 1250. Dort trägt sie ein Kopftuch, Palmwedel und ein Salbgefäß. Im gleichen Münster sind die "Schneiderfenster", die um 1320 entstanden sind. Bisher hat man die Dargestellte als Maria Magdalena gedeutet, doch glaubt man heute wegen ihrer Krone, dass es sich um Afra handelt.

Orte des Afra-Kults

In Augsburg

Gesichert ist, dass der Ort der ersten Beisetzung Afras völlig unbekannt ist. Auch wenn ihr Sarkophag in Sankt Ulrich und Afra gezeigt wird und Bischof Adalbero im Jahr 897 Afrareliquien verschickte. Schon nach den Ungarneinfällen im 10. Jahrhundert scheint die Lage eines Afra-Grab völlig unbekannt gewesen zu sein, ließ doch Bischof Ulrich danach suchen.

Glaubt man der Überlieferung, so stand an der Via Claudia? Richtung Süden, wenn man Augsburg verließ, über dem Grab der Heiligen eine Kirche, die dem Augsburger Bischof und seinen Priestern bis zum Bau des heutigen Doms als Kathedrale diente (ab 582 bis etwa 800). Sie soll 955 durch die Ungarn zerstört, von Bischof Ulrich aber wiederaufgebaut worden sein. Hier wurde er auf seinen eigenen Wunsch hin auch begraben. 1012 wurde das Kanonikerstift zum Benediktinerkloster Sankt Ulrich und Afra?, das 1802 säkularisiert wurde.

Mit anderen Worten: Die meisten Anhänger des Afra-Kultes glauben, das Grab der Heiligen befinde sich in der Unterkirche von Sankt Ulrich und Afra. Ob es allerdings wirklich die Gebeine der heiligen Hure sind, die in der Afra-Woche Anfang August eines jeden Jahres geehrt werden, ist mehr als fraglich.

1064 wurden von Bischof Embrico? Gebeine in Sankt Ulrich und Afra gehoben, die man für Afras Gebeine hielt. Angeblich fand man mit Afras Gebeinen auch die ihrer Mägde. Embrico? ließ sie in einem römischen Sarkophag in den Afraaltar in Sankt Ulrich und Afra einmauern. 1804 öffnete man diesen Sarkophag und legte die gefundenen Gebeine in einen gläsernen Schrein, den man wieder in den römischen Sarkophag legte. Seit 1962/63 ist der vermutete Sarkophag der Heiligen in der damals neu gestalteten Unterkirche zu sehen. Den gläsernen Schrein mit den angekohlten Gebeinen bekommen Pilger in der Afraoktav vom 7. bis 15. August zu sehen.

Zur Zeit des Abtes Egino (Amtszeit von 1109 bis 1122) von dem St. Ulrich und Afra? soll sogar der Schädel von Afras Mutter Hilaria gefunden worden sein (so der Priester und Historiker Corbinian Khamm, Hauptwerk: Hierarchia Augustana chronologica tripartia).

Allerdings gibt es noch eine zweite Überlieferung zu dem Ort ihres Begräbnisses. Diese geht davon aus, dass die Kirche Sankt Afra im Felde? in Friedberg (Bayern) über der Stätte des Todes von Afra errichtet wurde. Allerdings hat man dort nie menschliche Überreste gefunden und angesichts des Gewichts der Kirche Sankt Ulrich und Afra und der damit verbundenen Überlieferung konnte sich die mit der Kirche Sankt Afra im Felde? bei Friedberg nie durchsetzen.

Außerhalb Augsburgs

Es gibt viele Kirchen, Klöster und Kapellen, die nach der hl. Märtyrerin Afra von Augsburg benannt sind. Afrakirchen gibt es z. B. in Berlin, Betzigau, Friedberg, Lachen, Maidbronn, Mühlenbach, Neckargerach, Obernheim, Ratshausen und Urbach. Afrakapellen stehen in Landshut, im Kloster Seligenthal, im Speyerer Dom, in Schelklingen und Klosterneuburg. Daneben gibt es in Meißen ein Kloster Sankt Afra und ein Klarissinnenkloster Sankt Afra bei Seußlitz. In Augsburg ist sowohl die Basilika Sankt Ulrich und Afra wie das Benediktinerkloster Sankt Ulrich und Afra? nach der Heiligen benannt. Zudem gibt es in Kreuzlingen ein Kloster mit dem Namen Sankt Ulrich und Sankt Afra.

Von der heiligen Afra werden Reliquien in Ebringen im Hegau (Gottmadingen) in der St.-Johannes-Kirche im Inneren einer etwa einen Meter hohen Afra-Statue aufbewahrt. Und in der Afrakapelle des Speyerer Doms wird ein Zehenknöchelchen der hl. Afra aufbewahrt.

Auch die Klöster in St. Gallen, Einsiedeln und Lorsch bemühten sich im Hochmittelalter um Afra-Reliquien.

Weisen der Afra-Verehrung

Von dem mittellateinischen Schriftsteller und Dichter Hermann dem Lahmen, im 11. Jahrhundert Mönch auf der Reichenau, gibt es eigene Afra-Gesänge bzw. ein eigenes Afra-Offizium, also eine Abfolge von Gesängen, die Afras Leben zu jeder Gebetsstunde an ihrem Festtag erzählen. Hermannus Contractus dichtet darin z. B.:

"Heilige Märtyrerin Gottes,
die du im Feuer des Glaubens brennend
die Flammen der Peiniger verachtet hast,
du Opferlamm Christi,
lösche durch deine Gebete
die verderbliche Glut der Leidenschaft,
damit in uns wachse
die glühende Liebe zu Gott."

Das zeigt, wie die Verehrung der heiligen Afra der Leibfeindlichkeit eheloser Kleriker diente.

Besonders breit ist die Darstellungstradition der hl. Afra in der bildenden Kunst.

Früher wurde im Bistum Augsburg der 26. Oktober als Tag der Bekehrung Afras gefeiert.

Kritik an der Afra-Verehrung

In neuerer Zeit gibt es gesicherte Annahmen, dass der Augsburger Afra-Kult eine literarische Fiktion ist, er jedenfalls nicht so gesichert ist, wie man bisher annahm und konservative kirchliche Kreise es immer noch gern sähen. Hintergrund dazu ist die Tatsache, dass der Dichter Fortunatus nichts von den damaligen Gefahren des beschriebenen Pilgerweges (z. B. die Langobarden in Oberitalien) weiß und das darauf hindeutet, dass er gar nicht in Augsburg oder anderen Orten seiner Pilgerreise war, sondern sich auf das sogenannte Martyrologium Hieronymianum bezieht, dessen älteste Sammlung in der Heimat des Fortunatus, Aquileja, entstand. In diesem Martyrologium Hieronymianum finden sich vom 5. - 7. August sowohl männliche als auch weibliche Afren für eine civitas Augustana oder augusta wie auch für Rom. Orte mit dem Namen augusta gab es im weströmischen Reich zumindest sieben. Das dem heiligen Hieronymus zugeschriebene Martyrologium geht wohl auf Vorarbeiten seit der Mitte des 5. Jahrhunderts zurück.

Ungewöhnlich an der Afra-Geschichte ist natürlich auch die Tatsache, dass eine angebliche Nutte zur Heiligen wird. Viel Gelegenheit, ihre Heiligkeit zu beweisen, hatte sie nach der Legende nicht, wurde sie doch, kaum Christin geworden, schon umgebracht. Kritisch hinterfragt wurde deshalb auch der Beruf der Afra. Skeptiker glauben nicht, dass die angebliche Heilige vor ihrer Bekehrung zum Christentum eine Prostituierte war und verweisen zur Begründung ihrer skeptischen Sicht auf eine Berner Fassung des erwähnten Martyrologiums. Diese Fassung gedenkt am 7. August neben Afra zusätzlich einer Veneria. Wahrscheinlich wurde dieser Namen vom Verfasser der ältesten Afra-Passio (Beschreibung der Leiden der Afra) als Attribut aufgefasst: Erst durch diese Fehlübersetzung/-interpretation wurde Afra zur Venusdienerin, glaubt man den Kritikern der Legende.

Waldkirch Mariä Schmerzen Afra 246
Katholische Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Schmerzen in Waldkirch, einem Ortsteil von Winterbach (Schwaben) im Landkreis Günzburg (Bayern), Gemälde der hl. Afra. Fotografiert von GFreihalter (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

100 Jahre später schmückt die zweite, jüngere Passio Afrae das Leben der angeblichen Heiligen schon mächtig aus und ergänzt die Dichtung um eine Bekehrung durch den Bischof Narcissus. Anlässlich einer Christenverfolgung sei der auf der Flucht gewesen und gelangte in das Etablissement der Afra. Angeblich gab er sich statt der Liebe dem Gebet hin. Das soll dann die Liebesdienerin Afra so beeindruckt haben, dass sie sich bekehrte und taufen ließ. Und die jüngere Passio weiß noch mehr. Sie kennt die Namen von Afras Mutter, ihrer Mägde, ebenso auch den Begräbnisort der Damen zwei Meilen außerhalb Augsburgs.

Sankt Ulrich und Afra, wo die Heilige verehrt wird, liegt etwa eine Meile südlich der Augsburger Römerstadt. Das könnte darauf hinweisen, dass hier in der Nähe des Grabes der Afra, die Kirche zu ihrer Verehrung entstand. Allerdings hat die Augsburger Stadtarchäologie? bislang nicht von einem Afra-Grab oder einer spätantiken Gedenkstätte zur Verehrung der Heiligen gefunden. Wahrscheinlich erscheint, dass man aufgrund der zweiten Passio Afrae das Grab der Heiligen auf den einzigen seit der Völkerwanderungszeit belegten Friedhof knapp außerhalb der Stadt verlagert hat und dort, der Passio-Vorlage folgend, in karolingischer Zeit eine Gedenkkirche errichtete. Deren Errichtung hat man dann zurückdatiert, indem man behauptete, die Mutter Hilaria habe schon eine Kapelle über Afras Grab gebaut.

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Gebäude der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Bayern in Dillingen an der Donau (Bayern), Bleiglasfenster im Treppenaufgang des Konviktgebäudes von 1911, Darstellung: hl. Afra. Fotografier von GFreihalter (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Wie man in früheren Zeiten die Historie für bestimmte Zwecke umgebogen hat, zeigt auch der Umgang mit Afras Mutter Hilaria. Ihr Sterbetag fand sich im Martyrologium Hieronymianum am 12. August. Das Merkwürdige: Sie soll nicht in Augsburg, sondern in Rom gestorben sein. Hilaria musste also ihren Sterbeort zugunsten Augsburgs und seines Afra-Kults wechseln. Das hat man 806 ermöglicht. Da der Autor der Passio offenbar auch über die mythische Herkunft Aphrodites aus Zypern informiert war, ließ er Hilaria, "die Heitere", von dort kommen, Rom wurde zu einer Zwischenstation Hilarias und Afras. Entsprechend der zyprischen Tradition soll Hilaria die Afra in Rom oder schon in Zypern der Venus geweiht haben. Ihren Beruf übte Afra jedoch, so die Legende, nur bis zur Taufe aus. Damit konnte sie zur hl. Jungfrau werden. Afra, der Name sagt, dass sie eine Schwarze war, also durchaus von Zypern stammen konnte.

Um das Jahr 1000 blühte der Kult der heiligen Afra in Augsburg noch ohne jegliche Reliquien. Das erschien in Augsburg schon früher als Manko gegenüber anderen boomenden Wallfahrtsorten ringsum. Deshalb fragte der Erzbischof Tado von Mailand, zu dessen Erzbistum die Diözese Augsburg damals gehörte, schon Mitte des 9. Jahrhunderts bei Papst Nikolaus I. an, ob er die zahlreichen Augsburger Reliquien, die bis dahin nicht mit Namen bezeichnet waren, bestimmten Heiligen zuweisen dürfe. Das lehnte der angefragte Papst zum Bedauern der Augsburger und des Mailänder Erzbischofs jedoch ab. Doch glücklicherweise wurde 1064 zu Augsburg Afras Leichnam in einem Sarkophag entdeckt. Trotz Brandspuren war er gut erhalten. Auch die Knochen von der Mutter Hilaria und Afras Mägden wurden gefunden, zusätzlich die Gebeine des Bischofs Narcissus. Seltsam: Die Gebeine des Bischofs hätten sich eigentlich in seinem Grab in Gerona in Spanien befinden sollen. Im Rahmen der Familienzusammenführung wurde sogar noch der hl. Quiriacus zu Afras Cousin erhoben und mit 24 Gefährten musste er seinen Sterbeort von Rom nach Augsburg verlegen. In Augsburg hatte man nun aber eine solche Fülle von Reliquien, dass man damit die Macht und den Einfluss des Bistums gehörig steigern konnte.

Hochaltingen Mariä Himmelfahrt 171
Katholische Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Hochaltingen, einem Ortsteil von Fremdingen im Landkreis Donau-Ries (Bayern), Bleiglasfenster in der Gruftkapelle, Darstellung: hl. Afra. Fotografiert von GFreihalter (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Als Fazit der Kritik an der Augsburger Afra-Verehrung muss man feststellen: Zwar hat die Heiligenverehrung in der katholischen Kirche ihren Platz, aber Heilige sind selten, heute wie damals in der Römerzeit.

Sonstiges

Der Name "Afra" ist lateinisch und bedeutet "die Afrikanerin". Der Historiker Bernhard Schimmelpfennig zeigte allerdings auf, dass der Name Afra aus dem ursprünglich männlichen Afer wahrscheinlich verfälscht wiedergegeben wurde.

2004 feierte das Bistum Augsburg 1700 Jahre Sankt Afra. Das Festjahr der frühchristlichen Heiligen krönte man mit einer Sonderausstellung im Diözesanmuseum St. Afra?, die den Versuch unternahm, die Spuren ihrer Verehrung in Geschichte, Kunst und Kult nachzuzeichnen. Mehr als 90 Exponate wurden dabei gezeigt. Z. B. archäologische Objekte, die im Zuge der Ausgrabungen bei Sankt Ulrich und Afra gesichert werden konnten, romanische Handschriften mit den frühesten Darstellungen der Heiligen, wichtige ikonografische Typen aus den Bereichen Buchmalerei, Holzschnitt, Kupferstich, Altarmalerei, Tapisserie und Skulptur, Zeugnisse der Verehrungsgeschichte (Bruderschaftszettel, Prozessionsfahnen, Andachtsbilder ...), aber auch Interpretationen zeitgenössischer Künstler.

Matthias Gerung Holzschnitt Maria mit dem Kind aus dem Missale Ottos von Waldburg
Maria mit dem Kind, flankiert von den hl. Ulrich und Afra, Holzschnitt von Matthias Gerung aus dem Missale des Augsburger Bischofs Otto von Waldburg, 1555; Fürstliche Kunstsammlungen Waldburg-Wolfegg. 1555 von Matthias Gerung [Public domain], via Wikimedia Commons

Heilig gesprochen wurde Afra 1064. Kirchen oder Ältere, die ihr geweiht sind, zeigen den Einfluss des Augsburger Bistums. Sowohl die evangelische als auch die römisch-katholische Kirche gedenken am 7. August der Heiligen. Im Bistum Augsburg ist ihr Gedenktag ein Hochfest, im Bistum München-Freising ein nicht gebotener Gedenktag. Man ruft sie bei Feuersnot um Hilfe an, aber auch arme Seelen, reuige Freudenmädchen sowie Büßerinnen wenden sich an sie.

In Augsburg ist das Diözesanmuseum nach Sankt Afra benannt, in Meißen hat man das Sächsische Landesgymnasium, ein Gymnasium für Hochbegabtenförderung, nach Sankt Afra benamt.

Auf Sankt Afra bezieht sich eine alte Bauernregel, die besagt: "An Sankt Afra Regen / ist für Bauern ungelegen."

Eva Demski veröffentlichte 1992 einen Roman mit dem Titel "Afra".

Nach der Eingemeindung von Haunstetten in die Stadt Augsburg wurde nach dem Oktober 1973 die ehemalige "Kiesgrubenstraße" in Afrastraße umbenannt.

In Friedberg wurden an der Friedberger Afrastraße zwei Seen nach der heiligen Afra benannt (Afrasee 1? und Afrasee 2?.

Bedeutung heute

Dass der Kult der Afra für Christen auch weiterhin eine Glaubensbedeutung hat, braucht nicht erörtert zu werden. Für sie ist Afra eine der frühesten Glaubenszeuginnen nördlich der Alpen und zeigt ihnen, dass Gott gerade das Niedrige, das Verachtete erwählt.

Aber auch für Nichtgläubige kann Afra ein Vorbild sein. Die Geschichte berührt auch Atheisten und Agnostiker, weil sie zeigt, dass Menschen sich ändern können. Aus einer Prostituierten kann eine Heilige werden, ein schlechter Mensch kann sich zum Guten wenden. In den Afra-Legenden drückt sich der Wunsch aus, an diese Wandlung von Menschen glauben zu können. Denn außerhalb der religiösen Glaubenssysteme wird genauso nach dem Guten, Wahren und Schönen gesucht, wie innerhalb. Und ein zweiter Aspekt der Afra-Geschichten ist außerhalb der Religion genauso zu bewundern wie innerhalb: Dass ein Mensch zu dem steht, was er glaubt. Dass ein Mensch für seine Überzeugung auch den Tod in Kauf nimmt. In einer Zeit, da Werte immer unsicherer werden und Politiker ihr Fähnchen nach dem Wind drehen, wollen nicht nur Christen an den Kampf für Überzeugungen glauben.

Das Christentum und andere Religionen bieten ihren Anhängern Personen wie Afra als Vorbild. In der Zwischenzeit wachsen mehr und mehr säkulare Heilige heran, die wie Afra ihren Glauben, ihre Selbstfindung und Wandlung bezeugen.

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